Was ist ein Zentrumspreis?

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Aus einer Apotheke erreichte uns folgende Anfrage:

Frage aus der Rezeptur

Uns lag ein Rezept zulasten der Techniker Krankenkasse, IK 108077500 über „30 x REFACTO AF 1000 I.E. 1 St. N1 PZN 07773343“ vor. Wir haben das Rezept wie verordnet beliefert und mit einem Gesamtpreis von 30 x 1.196,52 Euro = 35.895,60 Euro (gemäß Software) abgerechnet. Nun kürzte die Kasse unsere Erstattung um knapp 6.000 Euro mit der Begründung „Kürzung auf Zentrumspreis“. Was ist das überhaupt? Ist diese Retaxation berechtigt?

Antwort

Tatsächlich ist diese Retaxation leider berechtigt. Hämophilie-Arzneimittel dürfen Apotheken nämlich nur zum sogenannten Zentrumspreis abrechnen. Doch je nach EDV-System bekommen die Apotheken diesen gar nicht erst angezeigt, so dass sie geradewegs in eine Retaxfalle geführt werden.

Beim verordneten ReFactoAF® (Wirkstoff Moroctocog alfa) handelt sich um ein verschreibungspflichtiges und erstattungsfähiges gentechnisch hergestelltes Antihämophilie-Präparat, welches jedoch seit dem 01. Juli 2013 nicht mehr der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) unterliegt. Voraussetzung für die Erstattung durch die Krankenkasse ist daher ein vereinbarter Vertragspreis, der in der Apotheken-EDV bei einer Versorgung zulasten der TK mit 1.196,52 Euro angezeigt wird. Für die verordnete Menge von 30 Packungen ergibt sich folgerichtig ein Abrechnungspreis in Höhe von 35.895,60 Euro. Die Kasse ist aber nur verpflichtet, den sogenannten „Zentrumspreis“ zu bezahlen.

Der Zentrumspreis ist der Preis, zu dem Hämophilie-Zentren (daher der Name) und Ärzte solche Präparate abrechnen. Die gesetzliche Grundlage für diesen Sondervertriebsweg unter Ausschluss der Apotheken ist der § 47 Arzneimittelgesetz (AMG). Hintergrund dieses speziellen „Zentrumspreises“ für Hämophilie-Zentren ist ein Urteil des Bundessozialgerichts (BSG), demgemäß Pharmazeutische Hersteller ihre Antihämophilie-Präparate direkt an entsprechend qualifizierte Ärzte liefern dürfen und diese aufgrund des allgemeinen Wirtschaftlichkeitsgebots auch zum Bezug direkt beim Hersteller verpflichtet sind.

Krankenkassen sehen dieses Urteil als Möglichkeit, nicht mehr als diesen „Zentrumspreis“ zu bezahlen, selbst wenn das Präparat über eine Apotheke bezogen wurde, mit der Begründung, BSG-Urteile seien für die Kassen bindend. Apotheken dürfen also lediglich als „pharmazeutische Abgabestelle“ für Dritte agieren, da im Grunde ein Direktbezug zwischen Arzt und Pharmazeutischem Hersteller vorgesehen ist. Das heißt, dass Apotheken von der Versorgung mit Antihämophile-Präparaten gerichtsbestätigt zwar nicht ausgeschlossen sind, sie aber zu dem mit den Kassen vereinbarten „Zentrumspreis“ versorgen müssen und das, obwohl sie nur zum regulären EK beliefert werden. Dauerhafte Verkäufe unter EK-Preis wären laut einem BGH-Urteil von 2002 verboten. Außerdem ist die Apotheke grundsätzlich dazu verpflichtet, ärztliche Verordnungen aufgrund des Kontrahierungsgebots zu beliefern.

Fazit

Dieser „Konflikt“ ist für die Apotheken nicht akzeptabel, da wie z. B. im vorliegenden Fall statt des von der Krankenkasse erstatteten „Zentrumspreises“ ein wesentlich höherer „Vertragspreis“ in der Apotheken-EDV angezeigt wurde. Hier sind verbindliche Vorgaben zu vereinbaren, die in der Apotheken-EDV angezeigt werden müssen. Zudem sollten solche „Zentrumspreise“ auch vom Kontrahierungszwang ausgenommen werden.

Nadine Graf
PTA, DeutschesApothekenPortal (DAP)
graf@dapgruppe.de

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