Schattenseiten? – Palm- und Kokosöl

Leseprobe 13+14/2020

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Bei dem Gedanken an Palmen kommt sofort Ferienstimmung auf. Doch die tropischen Pflanzen haben weit mehr zu bieten als schattenspendende Palmwedel und Sonne-, Strand- und Meer-Feeling. Denn vor allem Palm- und Kokosöl finden aufgrund ihrer Zusammensetzung im Kosmetikbereich breite Anwendung.

Palmöl (INCI: Elaeis guineensis oil) ist das am meisten produzierte Pflanzenöl der Welt. Die Verarbeitung ist äußerst einfach, ertragreich und günstig, was dieses Öl zu einem sehr begehrten Rohstoff für die Industrie macht. Für 2019/20 prognostizierte das U. S. Department of Agriculture einen weltweiten Verbrauch in Höhe von rund 74,6 Millionen Tonnen. Knapp 30 % davon werden zur Herstellung von Kosmetik genutzt. Grundsätzlich ist dabei Palmöl von Palmkernöl zu unterscheiden. Beide Öle weisen gute Verarbeitungseigenschaften auf: Sie sind hitze- und oxidationsstabil, geruchsneutral und lange haltbar. Zudem liegen sie bei Raumtemperatur je nach Zusammensetzung in festem Zustand vor und zeigen bei Körpertemperatur ein angenehmes Schmelzverhalten auf der Haut. Aus diesem Grund werden die beiden Öle gern als Konsistenzgeber verwendet.

Das hochwertige Palmöl lässt sich aus dem orangeroten Fruchtfleisch der Ölpalme extrahieren und ist reich an Carotinoiden und Tocopherolen. Diese wichtigen Vitamine können in gewissem Maße Zellschäden reparieren, die durch UV-Licht verursacht wurden. Wegen des hohen Anteils an ungesättigten Fettsäuren (Linol- und γ-Linolensäure) wird Palmöl bevorzugt in Anti-Aging-Produkten eingesetzt. Doch es wirkt nicht nur hautglättend und antioxidativ, sondern hat auch eine rückfettende Wirkung, ist also als Pflegemittel vor allem für trockene Haut geeignet.

Das aus den Kernen der Früchte erzeugte Öl wird als Palmkernöl bezeichnet und ist häufig Grundstoff für reinigungsaktive Substanzen in Waschmitteln und Kosmetika. Es liefert Glycerin und Fettsäuren, die zu Tensiden und Emulgatoren weiterverarbeitet werden. Häufig wird Palm(kern)öl von Kosmetikherstellern nicht direkt eingesetzt, sondern in Form von Derivaten wie zum Beispiel Glyceryl-, Sucrose- oder Ascorbyl-Palmitaten.

Ein Inhaltsstoff, verschiedene Namen

Seit Dezember 2014 gibt es eine namentliche Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel, bei denen Palmöl verwendet wird. Allerdings gilt diese EU-Verordnung nicht für kosmetische Produkte. Trotz INCI-Liste und Deklarierungspflicht lässt sich Palm(kern)öl in Reinigungsmitteln oder Kosmetika nicht immer auf den ersten Blick erkennen. Vielmehr kann es sich hinter zahlreichen Bezeichnungen, unter anderem hinter Begriffen wie pflanzliches Öl, Cetyl Alcohol oder Cetyl Palmitate, verbergen. In Seifen wird Palm(kern)öl als Sodium Palmate, Sodium Palm Kernelate sowie Palmic Acid deklariert. Weitere Inhaltsstoffe, die auf Palm(kern)öl schließen lassen, tragen Namen wie Coconut Butter Substitute/Equivalent (CBD/CBS), Fatty Alcohol Sulphates oder Stearic Acid. Einen Hinweis auf möglicherweise enthaltenes Palm-(kern)öl erlauben zunächst folgende Wortteile: capr-, cet-, cetear-, cetyl-, coc-, coco-, glycer-, laur-, linol-, myrist-, ole-, stear-. Auf die Spur kommen können die Verbraucher diesem Öl in Kosmetikprodukten beispielsweise mit der App Codecheck, indem einfach der Strichcode eines Produkts mit der Handykamera gescannt wird. Anbieter der kostenfreien App ist ein Verein aus der Schweiz, der Expertenmeinungen und Testergebnisse unabhängiger Organisationen zusammenträgt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Palm- und Kokosöl sind Inhaltsstoffe zahlreicher Kosmetika.
  • Palmöl lässt sich aus dem Fruchtfleisch der Ölpalme gewinnen und wirkt hautglättend, antioxidativ und rückfettend. Palmkernöl stammt aus den Kernen und ist häufig Grundstoff für reinigungsaktive Substanzen in Waschmitteln und Kosmetika.
  • Trotz INCI-Liste und Deklarierungspflicht ist Palm(kern)öl in Kosmetikprodukten nicht immer auf den ersten Blick auszumachen.
  • Zu den Hauptbestandteilen des Kokosöls zählt die Laurinsäure mit einer antimikrobiellen und entzündungshemmenden Wirkung.

Problematisches Palmöl

Unbehandeltes, naturreines Palmöl an sich ist gesundheitlich nicht bedenklich. Beim Erhitzen auf etwa 200 °C können allerdings Glycidyl-Fettsäureester sowie 2- und 3-Monochlorpropandiol entstehen, die nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung als krebserregend gelten. Vermutlich tritt dieses Gefahrenpotenzial
von erhitztem Palmöl nur auf, wenn das Öl als Nahrung konsumiert wird, nicht aber bei der Nutzung als Bestandteil von Kosmetika. Letztendlich wird jedoch die verwendete Menge an Palmöl eine Rolle spielen, da die Haut sehr aufnahmefähig ist.

Was sind eigentlich Palmitate?

Aufgrund der Namensähnlichkeit werden Palmitate häufig mit reinen Palmölprodukten – den Palmaten – verwechselt. Der Begriff „Palmitat“ bezeichnet jedoch Salze und Ester der Palmitinsäure. Palmitinsäure wiederum ist eine gesättigte Fettsäure, die aus allen Pflanzenölen gewonnen werden kann. Aus dem Namen lässt sich also keinesfalls ableiten, dass Palm(kern)öl als Ausgangsprodukt verwendet wurde. Palmitinsäure wird lediglich so bezeichnet, weil sie bei ihrer Entdeckung 1840 durch Edmond Frémy aus der Ölpalm-Frucht isoliert wurde. Hingegen lassen sich Palmate allein aus Palmöl gewinnen. Es handelt sich dabei um die Salze der Palmöl-Fettsäuren. Ein Beispiel dafür ist Sodium Palmate, das Natriumsalz dieser Fettsäuren.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Kokosöle sind bei Raumtemperatur fest und zeigen bei Körpertemperatur ein angenehmes Schmelzverhalten auf der Haut.“
  • „Die Kosmetikhersteller setzen sich in den letzten Jahren vermehrt für einen nachhaltigen Anbau von Palmöl ein.“
  • „Kokosöl ist aufgrund seiner komedogenen Wirkung nicht zur Pflege von Aknehaut geeignet.“

Einsatz für Nachhaltigkeit

Palmöl steht immer wieder stark in der Kritik. Der Hauptgrund dafür ist die weltweit stark wachsende Nachfrage verbunden mit der Rodung tropischer Wälder in großem Stil. Das Ausweichen auf andere Ölpflanzen ist aufgrund der geringeren Ertragskraft allerdings keine Alternative. Fakt bleibt also: Palmöl zu ersetzen ist nicht ganz so einfach, nur einige wenige Naturkosmetik-Hersteller verzichten bereits komplett darauf. Zwar ist in den letzten Jahren der Anteil von nachhaltigem Palmöl kontinuierlich gestiegen, allerdings muss bei Palmöl-Derivaten momentan meist noch auf ein Verfahren zurückgegriffen werden, bei dem Palmöl von zertifizierten Plantagen mit herkömmlichem Palmöl vermischt wird. Um einen nachhaltigen Anbau der Ölpalmen zu fördern, gehen die Kosmetikhersteller unterschiedliche Wege: Weltweit über 3.000 Unternehmen – darunter Beiersdorf, Henkel, L’Oréal, Shiseido und Yves Rocher – sind beispielsweise Mitglied beim Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl geworden (Roundtable on Sustainable Palm Oil, RSPO). Die an dieser Initiative beteiligten Produzenten verpflichten sich, keine ökologisch wertvollen Waldflächen für Plantagen zu roden, gefährdete Tier- und Pflanzenarten zu schützen und Landnutzungs- und Eigentumsrechte zu beachten. In der Vergangenheit unterwanderten Konzerne, die Mitglied im RSPO sind, jedoch häufig die selbst auferlegten Richtlinien. Über den Verhaltenskodex des RSPO hinaus erfüllen die Produzenten der Palm Oil Innovators Group (POIG) weiterführende soziale und ökologische Kriterien beim Anbau von Palmöl. Hersteller, die ihre Kosmetikprodukte mit dem Siegel der ICADA (International Cosmetic and Device Association) versehen, dürfen kein billiges Palmöl aus umweltbelastendem Anbau verwenden. Das Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) hat das Ziel, den deutschen, österreichischen und schweizerischen Markt möglichst schnell mit 100 % zertifiziertem Palmöl zu versorgen. Es setzt sich zusätzlich für die Weiterentwicklung und Verbesserung der bestehenden Zertifizierungssysteme ein.

Ölwechsel gefällig?

Da auf Palmöl in der Kosmetikproduktion nicht einfach verzichtet werden kann, kommt ein weiterer Rohstoff aus der Palmenfamilie gerade recht – und zwar das Kokosöl (INCI: Cocos nucifera) oder Kokosfett, das aus dem Kokosfleisch extrahiert wird. Kokosöl besteht zu 90 bis 95 % aus gesättigten Fettsäuren. Hierzu zählt neben Myristin-, Palmitin- und Ölsäure als Hauptbestandteil vor allem die Laurinsäure, die über eine antimikrobielle und entzündungshemmende Wirkung verfügt. Auch Kokosöl ist bei Zimmertemperatur cremig-fest und schmilzt erst beim Auftragen auf die Haut. Diese Eigenschaft macht es neben Palmöl ebenfalls zu einer beliebten Pflegegrundlage, unter anderem in verschiedenen Hand- und Lippenpflegeprodukten. Darüber hinaus kommen Kokosöl und seine Derivate auch in Augen-Make-up und Sonnenschutzpräparaten effektiv zum Einsatz und finden zudem weiterverarbeitet als Tenside Verwendung als Schaumbildner in Shampoos, Seifen und Duschbädern. Somit ergibt sich eine lange Liste an Präparaten, die Kokosöl oder eine abgeleitete Verbindung enthalten. Der Food and Drug Administration, also der Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, wurden von der Industrie im Rahmen des „Voluntary Cosmetic Ingredient Reporting Program“ mehr als 600 Kosmetikprodukte mit Kokosöl gemeldet. Doch ist der große Hype um diesen Inhaltsstoff tatsächlich gerechtfertigt? Nicht immer! Zwar gilt Kokosöl als unbedenklich im Kosmetikgebrauch und ruft keine auffälligen negativen Hautreaktionen hervor, allerdings ist das Öl – entgegen allen Empfehlungen in verschiedenen Internetforen – beispielsweise nicht zur Pflege bei Akne geeignet. Vielmehr kann es hier das Hautbild aufgrund seiner komedogenen Wirkung sogar noch verschlechtern. Also ist mitunter Zurückhaltung geboten, denn Kokosöl kann einige, aber nicht alle ihm zugeschriebenen Versprechen erfüllen. Zudem liegen die Produktionskosten deutlich höher als beim Palmöl. So benötigt man für Öl aus der Kokospalme eine vier- bis fünfmal größere Fläche als für dieselbe Menge aus Ölpalmen. Und damit bleibt Palmöl wahrscheinlich auch in der Zukunft ein Favorit für Kosmetikprodukte.