Harnstoff

Harnstoff kann allein oder in Kombination mit anderen Wirkstoffen in unterschiedlichen Dermatika angewendet werden. Die entsprechende Anzahl infrage kommender Grundlagen und sinnvoll zu kombinierender Arzneistoffe sowie seine leichte Verarbeitbarkeit machen Harnstoff zu einem der wichtigsten rezepturmäßig verwendeten Wirkstoffe. Wegen seiner Fähigkeit, die Wasserbindungskapazität der Epidermis zu erhöhen, werden Rezepturen mit Harnstoff häufig zur Therapie von trockenen Hauterkrankungen eingesetzt. Bei Rezepturen mit Harnstoff tauchen immer die gleichen Probleme und Fragen auf: Es geht um die chemische Stabilität der Substanz und auch um die galenische Verarbeitung. Wir wollen Ihnen mit diesem Artikel wichtige Informationen liefern, damit Sie in der Rezeptur die entsprechenden Harnstoffsalben richtig herstellen können. Einen schnellen Überblick ermöglicht die Tabelle „Verarbeitung von Harnstoff in Rezepturen“ auf Seite 106.

Verwendung und Dosierung

Harnstoff ist ein natürlicher Feuchthaltefaktor der Haut mit einer hohen Wasserbindungskapazität. Rezepturen mit Harnstoff werden daher unter anderem bei chronischen Ekzemen und Neurodermitis verwendet, die eingesetzte Konzentration liegt dabei im Bereich zwischen fünf und zehn Prozent. Das Eindringen des Harnstoffs in die Haut ist von der ausgewählten Grundlage abhängig. Aus W / O-Systemen penetriert er langsam aber gleichmäßig, es kommt zu einer nachhaltigen und tiefen Wirksamkeit. Wird Harnstoff dagegen in O / W-Grundlagen verarbeitet, so befeuchtet er lediglich oberflächlich und kurzfristig. In höheren Konzentrationen (40 %) wirkt er keratolytisch, unter Anwendung von lipophilen Pasten werden unter Okklusion Nagelmykosen behandelt. Harnstoff fördert aber auch die Penetration anderer Wirkstoffe. Er wird daher häufig in Kombination mit externen Glucocorticoiden, Clotrimazol oder Polidocanol rezeptiert.

Manchmal kommt es auf die Größe an

Harnstoff liegt in Form von farblosen Kristallen vor, die sich sehr leicht in Wasser lösen. In lipophilen Stoffen ist die Substanz praktisch unlöslich, deshalb liegt Harnstoff in hydrophoben Grundlagen nicht gelöst, sondern suspendiert vor. Bei der Verarbeitung in Suspensionssalben kommt es daher entscheidend auf die Teilchengröße an. Wasserfreie Harnstoff-Suspensionssalben sind sehr stabil, allerdings relativ aufwendig in der Herstellung (siehe Rezepturbeispiel 1). Dermatika mit gelöstem Harnstoff dagegen sind leicht herzustellen. Allerdings spielt in wasserhaltigen Zubereitungen der rezeptierbare pH-Bereich eine wichtige Rolle. Das Stabilitätsoptimum von Harnstoff liegt bei pH 6,2 – der Bereich, der stabile wasserhaltige Zubereitungen erwarten lässt, liegt bei pH 4 bis 8. In Abhängigkeit vom pHWert zersetzt sich Harnstoff in wasserhaltigen Rezepturen in seine Ausgangsstoffe Ammoniumcyanat, Ammoniak und Kohlendioxid. Saure oder basische pH-Werte bewirken eine solche Reaktion die durch Temperatur-Erhöhung beschleunigt wird. Schon bei einer minimalen Zersetzung des Harnstoffs erfolgt durch Entstehung von Ammoniak ein starker pH-Anstieg, der die weitere Abbaureaktion katalysiert.

Harnstoff ist sehr wärmeempfindlich

Bei der Herstellung von wasserhaltigen Rezepturen mit Harnstoff sind daher zwei Punkte besonders wichtig:
- Die Zufuhr von Wärme ist zu vermeiden.
- Der Zusatz eines Puffers erhöht die Stabilität.
Das Auflösen von Harnstoff in Wasser darf nicht durch Wärmeanwendung erfolgen, die durch den endothermen Vorgang abgekühlte Lösung darf lediglich durch vorsichtiges Erwärmen auf Raumtemperatur gebracht werden. Achtung: Beim Einsatz von Salbenrührsystemen kann es bei langen Mischzeiten mit hohen Drehzahlgeschwindigkeiten Probleme geben. Daher sind die geräte- und rezepturspezifischen Angaben der Hersteller unbedingt zu beachten. Um den pH-Wert einzustellen, werden Puffer benötigt. Als solcher eignet sich ein Lactat-Puffer, der aus 1 % Milchsäure und 4 % Natriumlactat-Lösung 50 % besteht – die Konzentrationsangaben beziehen sich dabei auf die gesamte Zubereitung. Die beiden Flüssigkeiten können als Grundstoffe bezogen werden und stabilisieren eine entsprechende Rezeptur im schwach sauren pH-­Bereich. Von Bedeutung ist der Puffer-Zusatz zudem bei Verwendung eines sauren Konservierungsmittels, beispielsweise bei Sorbinsäure oder Benzoesäure. Instabilitäten ungepufferter Rezepturen sind außerdem zu erwarten bei Kombination mit basenempfindlichen Arzneistoffen (z. B. Glucocorticoide). Doch nicht nur der Puffer, auch die verwendete Grundlage spielt eine wichtige Rolle, wenn es um die Verarbeitung von Harnstoff geht. Im Folgenden haben wir drei Beispiele aufgeführt.

Harnstoff und Vaselin

Wasserfreie Salbe mit 40 % Harnstoff
Harnstoff 40,0 g
Weißes Vaselin 60,0 g
Herstellung:
Der Harnstoff liegt in dieser Paste suspendiert vor, beim Verreiben enthält man zunächst eine körnige Zubereitung. Um eine ausreichende Zerkleinerung der Teilchen auf durchschnittlich 50 ?m zu erreichen, ist eine Bearbeitung am Dreiwalzenstuhl nötig. Dabei wird die Zubereitung mehrmals bei geringem Walzenabstand über das Gerät gegeben, in einer zweiten Salbenschale aufgefangen und homogenisiert. Bei visueller Prüfung dürfen keine einzelnen Kristalle mehr zu erkennen sein. Ein Mörsern des Harnstoffs mit Aceton zur Vorzerkleinerung wird nicht mehr empfohlen, da diese Maßnahme auch bei Verwendung von gepulvertem Harnstoff als Rezeptursubstanz den Dreiwalzenstuhl nicht ersetzen kann. Um sich die Herstellung zu erleichtern, empfiehlt sich der Einsatz einen Harnstoff-Stammverreibung 50 % (NRF S.8.). Falls in der Apotheke häufiger Suspensionssalben mit ungelöstem Harnstoff benötigt werden, kann man sich durch Verwendung einer Stammverreibung die Verwendung des Dreiwalzenstuhls bei jeder Einzelrezeptur ersparen. Die verordnete Salbe lässt sich in Anlehnung an die NRF-Vorschrift Harnstoff-Paste 40 % (NRF 11.30.) zubereiten, diese enthält jedoch zusätzlich noch Wollwachs zur Verbesserung der Haftfähigkeit auf dem Nagel. Besteht beim Patienten eine Unverträglichkeit auf Wollwachs, muss die Paste auf Basis von Weißem Vaselin allein hergestellt werden.
Konservierung:
Die Salbe ist wasserfrei und daher mikrobiell nicht anfällig. Sie enthält deshalb kein Konservierungsmittel.
Verpackung und Aufbrauchsfrist:
In einer Tube oder einer Spenderdose beträgt die Verwendbarkeit der Rezeptur drei Jahre.

Harnstoff und Lipophile Creme

Lipophile Creme mit 10 % Harnstoff
Harnstoff 5,0 g
Natriumchlorid 5,0 g
Gereinigtes Wasser 15,0 g
Wollwachsalkoholsalbe 25,0 g
Herstellung:
In einem Becherglas wird Natriumchlorid zunächst unter Erwärmen in Gereinigtem Wasser gelöst. Die Löslichkeit von Natriumchlorid erhöht sich zwar mit steigender Temperatur nur wenig, um jedoch den Auflösungsvorgang der gesättigten Lösung zu erleichtern, wird die Lösung erhitzt. Der Harnstoff wird erst in der erkalteten Natriumchlorid-Lösung gelöst, anschließend wird die wässrige Lösung kalt in die Wollwachsalkoholsalbe emulgiert. Natriumchlorid wird hier ebenfalls als feuchtigkeitsbindende Substanz eingesetzt. Die Empfehlung für die kombinierte Anwendung mit Harnstoff wird mit der irritativen Wirkung des Harnstoffs in höheren Konzentrationen begründet. Um die Einarbeitung dieser Lösung in die Salbengrundlage zu erleichtern, muss die Konsistenz der Wollwachsalkoholsalbe vorab durch kräftiges Rühren erniedrigt werden.
Konservierung:
Es handelt sich bei dieser Verschreibung um die Lipophile Harnstoff-Natriumchlorid- Creme (NRF 11.75.), lediglich die rezeptierte Menge ist verändert. Laut NRF ist kein Konservierungsmittel nötig, da bei hoher Harnstoff- und Natriumchlorid-Konzentration das Risiko einer Verkeimung nicht besteht.
Verpackung und Aufbrauchsfrist:
Das NRF verzichtet in dieser Vorschrift auf den Zusatz des Lactat-Puffers, der pH-Wert steigt durch die Lagerung bei Raumtemperatur auf 8,6. Die Laufzeit wird daher sowohl in einer Aluminiumtube als auch in einer Spenderdose auf sechs Monate begrenzt.

Harnstoff und Hydrophile Creme

Hydrophile Creme mit 5 % Harnstoff
Harnstoff 2,5 g
Milchsäure (90 %) 0,5 g
Natriumlactat-Lösung (50 %) 2,0 g
Wasserhaltige Hydrophile
Salbe DAB 45,0 g
Herstellung:
In einer Salbenschale werden der Harnstoff, die Milchsäure und die Natriumlactat-Lösung mit der Grundlage, Wasserhaltige Hydrophile Salbe DAB, verrührt. Die flüssigen Bestandteile Milchsäure und Natriumlactat-Lösung werden mithilfe eines Normaltropfenzählers nach der Tropfentabelle des DAC dazugegeben. Der Harnstoff kann alternativ aber auch auf die fertige Creme aufgestreut werden. Anschließend wird dann so lange gerührt, bis kein Knirschen mehr zu hören ist. Der Harnstoff löst sich dabei im Wasseranteil der O / W-Creme auf.
Konservierung:
Fertig bezogene Wasserhaltige Hydrophile Salbe ist in der Regel mit 0,1 % Sorbinsäure konserviert. Auf dem Etikett der Rezeptur muss das Konservierungsmittel nach Art und Menge deklariert werden. Die Konzentrationsangabe für die gesamte Rezeptur beträgt in diesem Fall 0,09 % Sorbinsäure.
Verpackung und Aufbrauchsfrist:
Um ein Verdunsten des Wassers zu verhindern, ist bei hydrophilen Cremes ein dicht schließendes Packmittel besonders wichtig, da es ansonsten zu einem spürbaren „Sandeffekt“ auf der Haut kommen kann. Betroffenen Kunden klagen, dass die Salbe beim Auftragen „kratzt“. Dieser Effekt entsteht, weil der zuvor gelöste Harnstoff in der Rezeptur auskristallisiert. In einer Tube aus Aluminium beträgt die Aufbrauchsfrist ein Jahr, in einer Spenderdose lediglich sechs Monate.

 

Für den Überblick: Verarbeitung von Harnstoff in Rezepturen
EigenschaftHinweise
Harnstoff Ph. Eur.Synonyme: Urea pura, Carbamidum,
Carbamid
therapeutische Konzentrationbei trockener Haut 5 – 10 % zur Hydratisie-
rung der Epidermis, 40 %ig als Keratolytikum
zur Nagelablösung
rezeptierbarer pH-BereichpH 4 – 8, Stabilitätsoptimum bei pH 6,2
Stabilitätwasserfreie Salben: der Harnstoff ist suspen-
diert chemisch und physikalisch sehr stabil
wasserhaltige Grundlagen: der Harnstoff ist
gelöst, ohne Pufferung Zersetzung und pH-
Anstieg, Zersetzung durch Wärme beschleunigt
Pufferzusatzin wasserhaltigen Zubereitungen Zusatz eines
Lactat-Puffers: vier Teile Natriumlactat-Lösung
50 % und ein Teil Milchsäure 90 % (bezogen
auf die gesamte Zubereitung)
Herstellung

wasserfreie Grundlagen

wasserhaltige Grundlagen
bei Harnstoff kann eine Einwaagekorrektur
aufgrund der Arzneibuchspezifikation erfor-
derlich sein
den Harnstoff trocken vorzerkleinern, die
Homogenisierung erfolgt mit dem Dreiwal-
zenstuhl bei engem Walzenabstand oder
durch Einsatz einer Harnstoff-Stammverrei-
bung 50 % (NRF S.8.).
W / O: den Harnstoff vorher lösen, dann
einarbeiten
O / W: den Harnstoff aufstreuen und ein-
arbeiten; die Anwendung von Wärme ver-
meiden!
KonservierungKonservierung wasserhaltiger Zubereitungen
mit Kaliumsorbat 0,14 % bei saurer Puffe-
rung

 

 

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