Arzneipflanze des Jahres 2018: der Andorn

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Der Gemeine Andorn (Marrubium vulgare) wurde zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gekürt. Damit steht diesmal eine Pflanze im Blickpunkt, die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Das war nicht immer so. Jahrhundertelang gehörte dieser Lippenblütler zu den beliebtesten Heilpflanzen. Vereinzelt findet sich der Andorn noch in der heutigen Heilkunde als Hustenmittel. Er ist auch in wenigen Fertigpräparaten enthalten.

Seit über 2000 Jahren im Einsatz

Alljährlich bestimmt ein Forschergremium der Universität Würzburg die Arzneipflanze des Jahres. In 2017 wird noch der Saat-Hafer geehrt, im vergangenen Jahr hatte der Echte Kümmel die Auszeichnung erhalten. In 2018 gebührt diese Ehre nun dem Gemeinen Andorn. Mit ausschlaggebend für die Wahl von Marrubium vulgare war die historische Bedeutung der Pflanze. Von der Antike bis weit in die Neuzeit war der Andorn eine geschätzte und verbreitete Heilpflanze. Sein Kraut wurde vor allem bei Lungenerkrankungen eingesetzt, außerdem bei Verdauungsbeschwerden und verschiedenen anderen Leiden.

Erkältungsbedingter Husten und dyspeptische Beschwerden

Auch heute ist Marrubii herba sowohl als Mittel gegen Katarrhe der Atemwege als auch gegen leichte dyspeptische Beschwerden anerkannt. Andornkraut ist allerdings nicht mehr so gebräuchlich. Die Würzburger Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Droge zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Mit der Wahl zur Arzneipflanze des Jahres wollen sie dem Andorn wieder zu etwas mehr Popularität verhelfen. Die Experten verweisen insbesondere auf die schleimlösende Wirkung bei erkältungsbedingtem Husten.

Wirksamkeitsbestimmende Bitterstoffe

Als wirksamkeitsrelevante Inhaltsstoffe des Andornkrauts gelten in erster Linie die Diterpen-Bitterstoffe. Wichtigste Substanz ist dabei das Marrubiin. Neben Bitterstoffen enthält das Kraut unter anderem Flavonoide, Lamiaceen-Gerbstoffe und eine geringe Menge ätherisches Öl. Wissenschaftlichen Daten zufolge entfalten die Bitterstoffe einen interessanten Mechanismus: Demnach gibt es nicht nur im Mund- und Rachenraum Bitterstoffrezeptoren, sondern auch auf den glatten Muskelzellen des Bronchialsystems. Deren Aktivierung erweitert die verengten Bronchien, wodurch sich der Schleim besser löst.
Dem Andornkraut wird außerdem eine choleretische Wirkung zugesprochen. Dies unterstützt die verdauungsfördernden Effekte.

Wie die Droge zum Einsatz kommt

Andornkraut kann als Tee zubereitet werden (1,5 g fein geschnittene Droge pro Tasse, Tagesdosis 4,5 g Droge). Zum Schleimlösen bei erkältungsbedingtem Husten kann ein Andornkraut-Fluidextrakt eingesetzt werden. Er ist im traditionellen pflanzlichen Arzneimittel Marrubin® Andorn-Bronchialtropfen (früher: Angocin® Bronchialtropfen) enthalten. Außerdem steht ein Andorn-Heilflanzensaft von Schoenenberger zur Verfügung. Im Weleda Hustenelixier ist unter anderem ein Dekokt aus Marrubium vulgare enthalten.

Lippenblütler aus dem Mittelmeerraum

Marrubium vulgare ist ein bis zu 60 Zentimeter hoch wachsender Lippenblütler, der ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammt. In wärmeren Gebieten findet man den Andorn vereinzelt auch bei uns verwildert an. Er wurde früher in größerem Maßstab bei uns angebaut. Die ausdauernde Pflanze erinnert im Aussehen ein wenig an Melisse oder Ackerminze. Ihre Blätter sind jedoch rundlicher und unterseits filzig behaart. Zur Blütezeit von Juni bis August bilden sich die beinahe kugelförmigen Scheinquirle aus dichtgedrängten kleinen, weißen Blüten.

Quellen: Welterbe Klostermedizin; Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka, WVG 2016; Schilcher/Kammerer/Wegener: Leitfaden Phytotherapie, Urban & Fischer 2010

 

 

 

Ulrike Weber-Fina
Diplom-Biologin, Fachjournalistin
onlineredaktion@ptaheute.de