Aus dem Blister in den Abguss? Diclofenac im
Trinkwasser gefunden

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Arzneimittel gehören nicht in die Toilette und nicht in den Abguss. Diese einfache Entsorgungsmethode nutzen jedoch offenbar nicht wenige Bundesbürger – in Hessen wurde nun Diclofenac im Trinkwasser nachgewiesen.

Nicht jedes Diclofenac erreicht ganz offenbar seinen eigentlichen Bestimmungsort – den schmerzenden Körper des Patienten. Vielmehr landet ein gewisser Teil des Entzündungshemmers aus der Apotheke wohl auch in den bundesweiten Abgüssen oder Toiletten. Die hessische Wasserversorgung schlägt Alarm – sie hat Diclofenac nun im Trinkwasser gefunden.

Vierte Klärstufe wäre effektiv, aber teuer

Laut Trinkwasserexperten könnte eine zusätzliche, vierte Reinigungsstufe im Klärwerk Trinkwasser langfristig gegen Abwassereinflüsse – und somit zumindest auch in gewissem Maße vor Arzneimittelrückständen – schützen. Allerdings kostet dieser weitere Reinigungsprozess Geld. Die Wasserversorgung Offenbach sieht anstelle dieser technischen Maßnahme viel eher die Bürger in der Pflicht, Arzneimittel sachgerecht zu entsorgen. Und die Pharmaindustrie, die leichter abbaubare Arzneimittel herstellen solle.

Diclofenac: falsch entsorgt oder von Patienten „natürlich“ ausgeschieden?

Wie oft pro Tag geben Sie Diclofenac an Patienten in der Apotheke ab? Selten ist der Gang zur Diclo- oder Voltaren-Schublade nicht, auch zu den mittlerweile rezeptfreien Präparaten mit bis zu 25 mg Wirkstoff pro Tablette oder Kapsel greifen Apotheker und PTA täglich mehrmals. Könnte es also nicht auch sein, dass sich der Diclofenac-Fund im Trinkwasser einfach auf die „natürliche“ Ausscheidung des Wirkstoffes mit dem Urin oder den Fäzes der Patienten zurückführen lässt?

Falsche Entsorgung von Arzneimitteln gefährdet Trinkwasser

Die Ernüchterung folgt auf raschem Fuße: Diclofenac unterliegt im Körper einer ausgeprägten Verstoffwechselung in der Leber: 30 Prozent des Wirkstoffes werden anschließend metabolisiert über die Fäzes ausgeschieden, 70 Prozent gehen als wasserlöslicher, inaktiver Metabolit über die Nieren. Kein unverändertes Diclofenac verlässt also den Körper, und somit gibt es keinen Freispruch für die Patienten. Im Falle des Diclofenacs wählen wohl doch einige von ihnen schlicht die Toilette oder den Abguss als Entsorgungsweg. Denkbar wäre vielleicht, dass Zäpfchen oder Retardtabletten bei Ausscheidung noch gewissen Mengen an Diclofenac enthalten – allerdings dürften vor allem die rektalen Zubereitungen eher einen Platz auf der Reservebank einnehmen und nicht zu den Top-Sellern bei Diclofenac-Präparaten zählen.

Arzneimittel dürfen meist über den Hausmüll entsorgt werden

Eigentlich ist mittlerweile bekannt, dass Arzneimittel nicht über das Abwassersystem entsorgt werden dürfen. Auch wenn Deutschland die Medikamentenentsorgung nicht völlig einheitlich gestaltet, gibt es grundlegende Regeln, wo verfallene oder nicht benötigte Arzneimittel hingehören: Die allermeisten Arzneimittel können über den Hausmüll entsorgt werden, der Umkarton und der Beipackzettel zum Papiermüll, und die Tablettenblister gehören in den Restmüll. Nicht über den Hausmüll entsorgt werden dürfen Betäubungsmittel oder Zytostatika. BtM müssen vernichtet werden, dass eine – auch nur teilweise Wiedergewinnung des Wirkstoffs – ausgeschlossen ist. Manche Apotheken bieten ihren Patienten diesen Service an – teilweise auch noch die Rücknahme von „normalen“ Arzneimitteln zur sachgerechten Entsorgung. Einige Gemeinden haben auch Recyclinghöfe oder Schadstoff-Sammelstellen, die ebenfalls Arzneimittel annehmen.

Diese Entsorgungswege sind sicher und umweltbewusst. Der Müll wird hierzulande verbrannt und enthaltene Arzneimittel somit inaktiviert. Sie landen nicht einfach und unbehandelt auf Deponien. Vielleicht sind auch solche Hinweise ab und an eine hilfreiche Information für den Patienten – genauso wie der Einnahmehinweis zu magensaftresistenten Tabletten eine halbe Stunde vor der Mahlzeit.