Doc Morris plant „Tele-Apotheke“

Beratungsservice per Video und ein Kommissionierautomat, weil sich kein Apotheker findet

Video-Beratung statt echter Menschen: Geht es nach DocMorris ist das bald Realität. / Foto: DocMorris

Die niederländische Versandapotheke DocMorris plant in der baden-württembergischen Gemeinde Hüffenhardt eine neue Art von „Apotheke“: Ein pharmazeutischer Beratungsservice per Video, kombiniert mit einem Kommissionierautomaten, soll in die Räume der ehemaligen Vor-Ort-Apotheke einziehen und ab September die Arzneimittelversorgung in dem kleinen Dorf sicherstellen. Aber wie soll das gehen und ist eine solche „Apotheke light“ überhaupt rechtens?

Die Gemeinde Hüffenhardt in Baden-Württemberg hat rund 2.000 Einwohner, ein paar Restaurants, einen mittelständischen Kosmetik-Hersteller und einen Hausarzt, einen Zahnarzt und einen Tierarzt. Seitdem Apotheker Reinhold Fuchs 2014 in den Ruhestand ging, sieht es mit der Arzneimittelversorgung in der 2000-Einwohner-Gemeinde in der Nähe von Sinsheim jedoch schlecht aus. Es gibt keine Apotheke mehr, weil sich kein Nachfolger für Reinhold Fuchs gefunden hat. Auch nicht, nachdem der Bürgermeister der Gemeinde, Walter Neff, sich auf die Suche nach einem neuen Apotheker machte. Entgegenkommen wollte er dem potenziellen Nachfolger unter anderem mit einer gesenkten Miete für die Räumlichkeiten der Apotheke. Daraufhin wurde das holländische Unternehmen DocMorris auf die Gemeinde aufmerksam und kam mit der Idee auf Bürgermeister Neff zu, die Arzneimittelversorgung in Hüffenhardt per Telepharmazie zu übernehmen. Nun verkündete DocMorris seine Pläne per Pressemitteilung: „In den Räumen der ehemaligen Brunnen-Apotheke soll „ein telepharmazeutischer Beratungsservice mit einer Abholfunktion für Arzneimittel“ eingerichtet werden. Ein Service, der bewusst auf die Akutversorgung ausgerichtet sei, betont der Versender. Im September wird es losgehen – so der Plan.

Welcome-Manager, Beratungskabine und ein Kommissionierautomat

Nun fragt man sich, wie das aussehen soll. Nun in den Räumlichkeiten der früheren Apotheke soll es künftig einen Eingangs- und Wartebereich geben. Dort erwartet die Kunden ein „Welcome-Manager“, ein echter Mensch, der die Kunden in die Nutzung der Telepharmazie-Services einweisen und bei Fragen zur Verfügung stehen soll. Außerdem gibt es eine diskrete Beratungskabine. Dort können sich die Kunden dann mit einem Apotheker oder einer PTA des 90-köpfigen DocMorris-Beraterteams im niederländischen Heerlen in Verbindung setzen. Über ein Video-Terminal werden sie pharmazeutisch beraten – „ganz diskret und individuell“, verspricht DocMorris. Im Anschluss kann der Kunde OTC-Präparate bestellen und ein Rezept einlösen. Vor Abgabe des Rx-Arzneimittels erfolge „die gesamte pharmazeutische Rezept-Prüfung, Beratung und Abgabe anhand des Originalrezeptes“, erläutert DocMorris gegenüber den Kollegen von DAZ.online, auf die Frage, ob ein gescanntes Rezept reichen soll. Per Post schicken muss der Kunde die Verordnung jedenfalls nicht – es sei denn er möchte seine Bestellung nach Hause geliefert bekommen. Ein Kommissionierautomat wird bereitstehen und die Arzneimittelabgabe übernehmen. Das pharmazeutische Fachpersonal sorgt zuvor für die Freigabe. Bei der Auswahl des Sortiments habe man sich von den ortsansässigen Ärzten und Gesundheitsdienstleistern unterstützen lassen, so DocMorris.

Gemeinde lobt den digitalen Fortschritt

Bürgermeister Neff ist begeistert: „Dank des digitalen Fortschritts können sich die Hüffenhardter zukünftig wieder von Angesicht zu Angesicht persönlichen Rat bei ihrem Apotheker holen und mit den wichtigsten Medikamenten sofort vor Ort versorgen“, zitiert ihn DocMorris in der Pressemitteilung. Die DAZ fragte nach, ob er nicht vielleicht auch an eine Rezeptsammelstelle gedacht habe. Doch so weit war er offenbar noch nicht – nachdem er das Angebot von DocMorris bekommen hatte, hat er nach solchen Alternativen nicht mehr Ausschau gehalten.

Rechtlich fragwürdig

Es wird bereits umgebaut – doch ob DocMorris das Projekt tatsächlich umsetzen kann, ist fraglich. Der Bürgermeister und der Gemeinderat haben sich zwar für die Tele-Apotheke eingesetzt, aber die zuständige Apothekenaufsicht und auch die Landesregierung von Baden-Württemberg betrachten den Vorstoß kritisch. Einen Antrag auf eine Apothekenbetriebserlaubnis hat DocMorris noch nicht gestellt. Da in Deutschland ein Fremdbesitzverbot für Apotheken besteht – also ein Apotheker persönlich die Verantwortung übernehmen muss und nicht etwa eine Kapitalgesellschaft wie DocMorris –, hätte dieser ohnehin keine Aussicht auf Erfolg. Es bleibt also unklar, welchen Weg die Niederländer gehen wollen. Seitens des Regierungspräsidiums, das eine solche Betriebserlaubnis erteilen müsste, gibt es aber auch sonst Bedenken gegen das Projekt. Man verweist auf das Apotheken- und Arzneimittelrecht – und die Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte. Danach ist es verboten, Arzneimittel durch Automaten in den Verkehr zu bringen, wenn Kunden das Medikament ohne Einschaltung eines Apothekers nach Bezahlung automatisch erhält. Das Stuttgarter Sozialministerium fürchtet zudem, dass die Vor-Ort-Apotheken unter dem DocMorris-Angebot leiden und die Versorgung weiter ausgedünnt werden könnte.