Immer zum Arzt? Möglichkeiten und Grenzen der Selbstmedikation während der Schwangerschaft

Teil 1: Allgemeines zur Einnahme von Arzneimitteln in der Schwangerschaft

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Dass sich die Einnahme von Medikamenten während der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind auswirken kann, ist spätestens seit der Contergan®- Katastrophe in den 1960er-Jahren deutlich geworden. Contergan® galt in Hinblick auf Nebenwirkungen als relativ sicher und wurde bis Ende der 1950er-Jahre als rezeptfreies Beruhigungsmittel für Schwangere empfohlen. Erst später wurde der Zusammenhang zwischen den gehäuft auftretenden Fehlbildungen bei Neugeborenen und der Einnahme des Medikaments festgestellt. Trotzdem ist die Einnahme von Medikamenten während der Schwangerschaft manchmal unumgänglich bzw. sinnvoll. In unserer neuen Serie erfahren Sie, welche Medikamente während der Schwangerschaft eingenommen werden können und wann Sie die Schwangere besser zu ihrem Gynäkologen schicken sollten.

Schwanger – aber nicht krank

Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit. Dennoch kann die werdende Mutter von Beschwerden geplagt werden. Meist sind diese gesundheitlich nicht bedenklich, für die Schwangere jedoch lästig. Prinzipiell sind Viele, nicht zuletzt aufgrund des Contergan®-Skandals der Auffassung, dass Medikamente in der Schwangerschaft möglichst vermieden werden sollten. Trotzdem nehmen 80 bis 90 Prozent der Schwangeren gelegentlich Arzneimittel ein – meist wegen schwangerschaftstypischer Beschwerden.

Beschwerden in der Schwangerschaft: Hormoncocktail und der wachsende Bauch

Zu Beginn der Schwangerschaft hängen viele Beschwerden mit der neuen Hormonsituation zusammen, auf die sich der Körper zunächst einstellen muss. Meist hat sich der Organismus nach den ersten drei Monaten der Schwangerschaft angepasst und die Symptome verschwinden. Weiter können Beschwerden dann mit dem wachsenden Kind und den damit verbundenen körperlichen Veränderungen zusammenhängen. Sie machen die Schwangerschaft für die Frauen vor allem in den letzten Monaten zunehmend beschwerlich. Nicht jede Schwangere leidet gleichermaßen unter Schwangerschaftsbeschwerden. Die gute Nachricht für alle ist jedoch dass die Beschwerden zeitlich begrenzt sind und oftmals ein Zeichen dafür, dass die Schwangerschaft normal verläuft.

Kompetente Hilfe aus der Apotheke

Sie in der Apotheke sind dann die erste Anlaufstelle. Eine Beratung von Schwangeren sollte besonders sorgfältig erfolgen und dennoch müssen die Frauen Beschwerden nicht immer aushalten oder zum Arzt geschickt werden. Es gibt auch für die Schwangerschaft bewährte Medikamente, die Linderung verschaffen. Eine medikamentöse Therapie ist also nicht ausgeschlossen, muss aber mit den richtigen Präparaten und gegebenenfalls nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen. Außerdem gibt es für viele Beschwerden zahlreiche nichtmedikamentöse Tipps, die Sie Ihren Kundinnen mit auf den Weg geben können. Im Kommentar zur Leitlinie der Bundesapothekerkammer zur Qualitätssicherung „Information und Beratung des Patienten bei der Abgabe von Arzneimitteln in der Selbstmedikation wird nicht detailliert auf das Thema Selbstmedikation in der Schwangerschaft eingegangen. Lediglich bei den Grenzen der Selbstmedikation ist eine vorliegende Schwangerschaft als mögliche Grenze der Selbstmedikation erwähnt. Das heißt, es müssen während eines Beratungsgespräches ausreichend Informationen gesammelt werden, um zu entscheiden, ob die Selbstmedikation mit Arzneimitteln zu verantworten oder ob ein Arztbesuch anzuraten ist.

Ein gutes Hilfsmittel: Embryotox

Bei der Entscheidung, ob Sie der Schwangeren ein Arzneimittel für die Selbstmedikation empfehlen können, kann Ihnen „Embryotox“ eine große Hilfe sein. Dieses umfangreiche qualitätsgesicherte Informationsangebot zur medikamentösen Behandlung von Schwangeren und Müttern in der Stillzeit wird vom Pharmakovigilanzzentrum für Embryonaltoxikologie an der Charité Berlin zur Verfügung gestellt. Das öffentlich geförderte Institut bietet Ärzten und Apotheken bereits seit 1988 unabhängige Informationen zur Verträglichkeit der wichtigsten Arzneimittel und zur Behandlung häufig vorkommender Krankheiten in Schwangerschaft und Stillzeit an. Seit 2008 gibt es auch ein Internetportal (www.embryotox.de) welches bisher circa 420 Arzneimittel abdeckt. Die Angaben, die Sie bei www.embryotox.de finden, beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Daten und stimmen nicht immer mit den Informationen überein, die Sie in den Fachinformationen, auf den Beipackzetteln und in der Roten Liste finden. Kurzgefasste Mitteilungen auf Beipackzetteln oder in der Roten Liste vermitteln oft den Eindruck, dass die meisten Produkte in der Schwangerschaft nicht verwendet werden dürfen. Viele PTA und Apotheker betrachten diese Hinweise als rechtlich bindend und eine Behandlung als haftungsrechtlich problematisch. Auch, wenn die überwiegende Zahl der Arzneimittel unzureichend in der Schwangerschaft untersucht ist, muss man nicht befürchten, dass heute unerkannt Arzneimittel im Umlauf sind, die so stark schädigen, wie Contergan® (Thalidomid) vor knapp 60 Jahren. Sie können sich auf dem Portal über die Mittel der Wahl zu häufigen Erkrankungen in der Schwangerschaft informieren und die Fragestellung „Darf das Arzneimittel einer Schwangeren oder Stillenden abgegeben werden?“ beantworten. Weisen Sie bei Ihrer Beratung unbedingt darauf hin, dass im Beipackzettel diese abweichenden Angaben zu finden sind und nennen Sie ruhig auch Embryotox als Quelle.

Mitwirkung durch Schwangere selbst

Schwangere selbst können übrigens auch beim Pharmakovigilanzzentrum für Embryonaltoxikologie anrufen und sich individuell beraten lassen. Zu vielen Arzneimitteln mangelt es an Erfahrungen, um differenziert das Risiko beurteilen zu können. Daher dokumentiert Embryotox im Rahmen des so genannten Pharmakovigilanz-Netzwerkes des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den Verlauf von Schwangerschaften, bei denen das Institut beratend tätig wurde und werten diese Daten gemeinsam mit ähnlichen Zentren in anderen europäischen Ländern aus. Da an Schwangeren aus ethischen Gründen keine randomisierten Studien durchgeführt werden, beruht das Wissen auf klinischen Erfahrungen. Schwangere können durch ihre aktive Mitarbeit dazu beitragen, die Kenntnisse zu den Risiken - aber auch zur Sicherheit von Arzneimitteln zu verbessern. Davon profitieren andere Schwangere und Stillende. Daher bittet Embryotox darum, dass Schwangere, wenn sie den Service wegen einer konkreten Schwangerschaft lesen, Einzelheiten zu dieser Schwangerschaft einschließlich der verwendeten Arzneimittel mitzuteilen. Hierfür stellt das Institut einen Online-Fragebogen und eine Telefonnummer zur Verfügung.

Beispiel: Loratadin

Wie nutzt man also den Service im konkreten Fall? Die Erkältungssaison ist zwar noch in vollem Gange, aber bald schon droht der erste Pollenflug und damit strömen dann auch wieder Allergie-Geplagte in die Apotheken.

Eine Schwangere mit den typischen Symptomen einer Allergie betritt also die Offizin. Vor ihrer Schwangerschaft hat sie im vergangenen Jahr gute Erfahrungen mit dem Wirkstoff Loratadin, einem Antihistaminikum der neueren Generation gemacht.

Zunächst gehen Sie bei der Beratung wie immer nach der Leitlinie der Bundesapothekerkammer vor. Wenn Sie die wichtigsten Fragen geklärt haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass die Eigendiagnose zutreffend und der Arzneimittelwunsch plausibel sind, können Sie sich Embryotox als Hilfsmittel bedienen.

Gehen Sie also auf die Website www.embryotox.de und dort auf den Reiter Medikamente. Geben Sie in das Suchfeld den Wirkstoffnamen „Loratadin“ ein und klicken Sie auf „Enter“. Schnell gelangen Sie zu folgender Seite: http://www.embryotox.de/loratadin.html

Dort können Sie schnell feststellen, dass Loratadin das heute am besten untersuchte Antihistaminikum ist und in verschiedenen Untersuchungen mit zusammen über 5.000 prospektiv nachverfolgten Schwangerschaften wurde kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko beobachtet wurde. Loratadin kann in allen Phasen der Schwangerschaft eingenommen werden.

Wer steckt hinter Embryotox?

Das Pharmakovigilanzzentrum für Embryonaltoxikologie wurde 1988 als Einrichtung des Bezirksamtes von Berlin-Charlottenburg gstartet, es gehört jetzt zum Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Charité und wird mittlerweile als eines der führenden Referenzzentren für Arzneimittelsicherheit in der Schwangerschaft in Europa angesehen. Es ist Gründungsmitglied der klinisch-teratologischen Fachgesellschaft ENTIS und initiierte Kooperations- und Forschungsprojekte mit Instituten in Nordamerika, Russland, Israel und verschiedenen europäischen Ländern. Embryotox arbeitet unabhängig von der pharmazeutischen Industrie und wird gemeinsam vom Land Berlin und vom Bund (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – BfArM) finanziert. Für das BfArM und das Paul-Ehrlich-Institut erfasst, bewertet und übermittelt.

Im zweiten Teil erfahren Sie alles über die Möglichkeiten der Selbstmedikation bei Übelkeit und Erbrechen.


Cornelia Neth
PTA, Chefredakteurin PTAheute.de, Leitung der Online-Redaktion
onlineredaktion@ptaheute.de

Über die Autorin

Cornelia Neth, PTA und Redaktionsleiterin von PTAheute Online hat viele Jahre in der öffentlichen Apotheke gearbeitet und dort auch Schwangere beraten. Sie erwartet im Juni 2017 selbst ein Kind und hat sich eingehend mit dem Thema Selbstmedikation bei Schwangeren beschäftigt. In ihrer neuen mehrteiligen Serie erfahren Sie, wie Sie bei den gängigsten Schwangerschaftsbeschwerden unterstützend tätig werden und welche Arzneimittel Sie gegebenenfalls abgeben können.