Keine Sonder-PZN und keine schriftliche Begründung im Notdienst: Dürfen Krankenkassen dies retaxieren?

Bild: Schelbert / PTAheute.de

Sonder-Pharmazentralnummern und schriftliche Begründungen auf dem Rezept haben beim Abweichen von Rabattverträgen lägst einen alltäglichen Status in der Apotheke eingenommen. Seit Juni 2016 darf die Krankenkasse auch nicht mehr retaxieren, wenn eines der beiden Kennzeichen fehlt. Aber wie sieht es aus, wenn eine Apotheke im Notdienst tatsächlich beides vergisst – und weder eine schriftliche Begründung noch die Sonder-PZN die Nichtabgabe von Rabatt-Arzneimitteln erklärt? Müssen Apotheken eine Retaxation fürchten?

Ist ein Rabatt-Arzneimittel nicht lieferbar oder im Notdienst nicht vorrätig, müssen PTA oder Apotheker eines der drei preisgünstigen Arzneimittel oder das namentlich verordnete abgeben. Doch damit nicht genug: Der Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung fordert zudem, dass die Apotheke das Abweichen vom Rabattarzneimittel auf dem Rezept dokumentiert – und zwar mittels Sonder-PZN und einer schriftlichen Begründung inklusive Unterschrift. Im optimalen Fall ergänzt die Apotheke beides, also die Sonder-PZN und eine schriftliche Erklärung. Allerdings darf die Krankenkasse seit Juni 2016 auch keine Retaxation mehr aussprechen, wenn einer der beiden Vermerke fehlt. Denn: Es handelt sich sodann nur um einen unbedeutenden Fehler, der die Arzneimittelsicherheit des Patienten nicht gefährdet oder sich auf die Wirtschaftlichkeit der Versorgung maßgeblich auswirkt. Das regelt ebenfalls der Rahmenvertrag. Doch was passiert eigentlich, wenn bei einer Akutversorgung im Notdienst die Apotheke sowohl das Sonderkennzeichen als auch die Begründung vergisst?

Krankenkasse darf bei Fehlen der Sonder-PZN nicht retaxieren

Wörtlich steht im Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung:

„Der Vergütungsanspruch des Apothekers entsteht trotz nicht ordnungsgemäßer vertragsärztlicher Verordnung oder Belieferung dann, wenn (…) es sich um einen unbedeutenden, die Arzneimittelsicherheit und die Wirtschaftlichkeit der Versorgung nicht wesentlich tangierenden, insbesondere formalen Fehler handelt. Dies ist insbesondere der Fall, wenn (…) die Apotheke in den Fällen (…) Akutversorgung, Notdienst (…) dieses Vertrages

  • entweder nur das vereinbarte Sonderkennzeichen oder
  • nur einen Vermerk auf der Verordnung aufträgt oder
  • im Fall, dass Vermerk und Sonderkennzeichen auf der Verordnung fehlen, einen objektivierbaren Nachweis im Beanstandungsverfahren erbringt." 

Wie kann die Apotheke auf dem Rezept die notdienstliche Abgabe nachweisen?

Das heißt, der Rahmenvertrag berücksichtigt auch den dritten Fall, wenn wirklich weder Sonder-PZN noch schriftlicher Vermerk auf dem Rezept stehen, die Apotheke aber kein rabattiertes Arzneimittel abgegeben hat. Allerdings muss die Krankenkasse dies wohl nicht ohne weiteres akzeptieren, sondern die Apotheke ist offenbar in der „Bringschuld“: Sie muss einen „objektivierbaren Nachweis“ liefern, dass eine Akutversorgung stattgefunden hat. Das kann nach Ansicht der Retax-Experten beim DeutschenApothekenPortal (DAP) ein angekreuztes Noctu-Feld auf dem Rezept sein. Unter Umständen erklärt auch das Datum der Versorgung den Notdienst – so dieser ein Sonn- oder Feiertag war. Nicht zuletzt begründet auch die auf dem Rezept aufgedruckte Uhrzeit der Abgabe eine Akutversorgung. Somit darf die Krankenkasse auch Rezepte ohne Sonderkennzeichen und ohne schriftliche Begründung nicht ohne weiteres beanstanden.

Prinzipiell gilt: Sonder-PZN und schriftliche Erklärung bei Nichtabgabe von Rabatt-Arzneimitteln

Nun ist es jedoch nicht so, dass diese Regelung eine Art „Freifahrtschein“ für Apotheken ist, künftig grundsätzlich weder das Sonderkennzeichen noch eine schriftliche Begründung auf das Rezept aufzubringen, wenn kein Rabatt-Arzneimittel im Notdienst abgegeben werden kann. Sinn und Zweck ist der Retax-Schutz für den Ausnahmefall.