Neue Empfehlungen zur Migränetherapie

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Migränepatienten sind in Deutschland nicht ausreichend versorgt. Dieser Meinung sind die Experten der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) sowie der Deutschen Migräne-und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). Die beiden Fachgesellschaften haben daher neue Empfehlungen für Migränetherapie und -prophylaxe vorgelegt.

Etwa zehn bis 25 Prozent aller Frauen und acht bis zehn Prozent der Männer in Deutschland leiden an Migräne. Doch die Behandlungsmöglichkeiten werden derzeit nicht bei allen Patienten ausgeschöpft, bemängeln Experten. Vor allem bei der Migräneprophylaxe hapere es. So erhalten nur 22 Prozent der Patienten, die von einer Prophylaxe profitieren könnten, auch tatsächlich vorbeugende Medikamente oder Maßnahmen. Dass auch nichtmedikamentöse Maßnahmen eingesetzt werden können, wissen viele Patienten gar nicht.

Damit Patienten besser versorgt werden

Die neue Leitlinie  soll die Versorgungssituation für Migränepatienten verbessern. Sie richtet sich an Behandler und Patienten und gibt Empfehlungen zu allen in der Akuttherapie und Prophylaxe eingesetzten Medikamenten.

Neues und Bewährtes

Neu ist die Erkenntnis, dass bei chronischer Migräne Topiramat und Botulinumtoxin A wirksam sind. Bei der Akuttherapie der Migräneattacken sind nach wie vor die Triptane am besten wirksam bei einem sehr guten Sicherheitsprofil. In der Prophylaxe ist die Wirksamkeit am besten belegt für die Betablocker Metoprolol und Propranolol, den Kalziumantagonisten Flunarizin, die Antikonvulsiva Topiramat und Valproinsäure und das trizyklische Antidepressivum Amitriptylin.

Nichtmedikamentöse Methoden haben hohen Stellenwert

Die medikamentöse Therapie sollte durch nichtmedikamentöse Verfahren ergänzt werden. So hilft laut Experten regelmäßiger Ausdauersport, Migräneattacken vorzubeugen. Auch Entspannungsverfahren und Stressmanagement haben sich in der Prophylaxe als wirksam erwiesen. Die nichtmedikamentösen Verfahren aus der Verhaltenstherapie seien so wirksam, dass sie als Alternative zur medikamentösen Prophylaxe einsetzt werden können.

Die wichtigsten Leitlinien-Empfehlungen

Medikamentöse Therapie der Migräneattacke:

  • Leichtere bis mittelstarke Migräneattacken sollten zunächst mit Analgetika wie Acetylsalicylsäure (ASS) und nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) behandelt werden. Am besten belegt ist die Wirksamkeit für ASS und Ibuprofen.
  • Bei Migräneattacken, die nicht auf Analgetika oder NSAR ansprechen, sollten Triptane (z.B. Almotriptan, Naratriptan, Sumatriptan) zum Einsatz kommen.
  • Die Kombination eines Triptans mit einem langwirksamen NSAR (z.B. Naproxen) ist wirksamer als eine Monotherapie.
  • Bei unzureichender Wirksamkeit eines Triptans kann dieses mit einem rasch wirksamen NSAR kombiniert werden. 
  • Egotamine sind zwar zur Attackentherapie wirksam, sollten aber nur ausnahmsweise eingesetzt werden,  da sie geringere Wirksamkeit und mehr Nebenwirkungen als die Triptane aufweisen. 
  • Migränemedikamente sind wirksamer, wenn sie früh in der Attacke eingenommen werden.
  • Ab zehn Einnahmetagen/Monat über mindestens drei Monate ist bei den Triptanen mit medikamenteninduziertem Kopfschmerz zu rechnen.

Medikamentöse Prophylaxe der Migräne:

  • Bei häufigen oder schweren Migräneattacken ist eine medikamentöse Migräneprophylaxe angezeigt.
  • Am besten durch Studien belegt ist die Wirkung bei den Betablockern Metoprolol und Propranolol, dem Kalziumantagonisten Flunarizin und den Antikonvulsiva Topiramat und Valproinsäure sowie dem Antidepressivum Amitriptylin.         
  • Valproinsäure sollte nicht bei Frauen im gebärfähigen Alter ohne sichere Verhütungsmethode eingesetzt werden.
  • Ebenfalls wirksam, aber weniger gut untersucht, sind der Betablocker Bisoprolol, Angiotensinrezeptblocker und Sartane.
  • Bei chronischer Migräne mit oder ohne Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln sind Topiramat und Botulinumtoxin A wirksam.

Nichtmedikamentöse Methoden:

  • Die medikamentöse Therapie soll durch nichtmedikamentöse Verfahren der Verhaltenstherapie (z.B. Entspannungsverfahren, kognitive Verhaltenstherapie, Biofeedback) ergänzt werden.
  • Akupunktur kann zur Prophylaxe der Migräne eingesetzt werden bei Patienten, die eine medikamentöse Prophylaxe ablehnen oder nicht vertragen.
  • Piercings sind in der Migräneprophylaxe nicht wirksam.
  • Die Homöopathie ist in der Migräneprophylaxe nicht wirksam.
  • Regelmäßiger aerober Ausdauersport wird empfohlen.
  • Bei Patienten mit einer hochfrequenten Migräne sowie erheblicher Einschränkung der Lebensqualität sollten Verfahren der psychologischen Schmerztherapie (Schmerzbewältigung, Stressmanagement, Entspannungsverfahren) eingesetzt werden.
  • Zur Behandlung der akuten Attacke eignet sich das Vasokonstriktionstraining.
  • Internetbasierte Angebote und Smartphone-Applications werden in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle spielen und die Therapie der Migräne komplementär ergänzen. Von einer generellen Empfehlung muss trotz möglichen Potenzials zurzeit allerdings abgesehen werden, da für viele der verfügbaren Angebote weder Qualitätsstandards noch aussagekräftige Evaluationsstudien vorliegen.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie