Rattengift als Diabetes-Ursache? ARD-Tatort gibt Rätsel auf

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Die Tatort-Kommissare Berg und Tobler untersuchen den Tod einer jungen Frau, die unerwartet auf einem Bio-Bauernhof im Schwarzwald an Diabetes verstorben war. Viele ARD-Zuschauer, die gestern den Tatort  „Sonnenwende“ gesehen haben, fragten sich bestimmt, ob Rattengift tatsächlich Diabetes auslösen kann, und ob es einen Diabetes Typ 3E wirklich gibt. Apothekerin Julia Borsch ist der Sache auf den Grund gegangen.

Die älteste Tochter eines Bio-Bauern im Schwarzwald stirbt. Todesursache: Stoffwechselentgleisung infolge eines Diabetes. Der behandelnde Arzt schließt ein Fremdeinwirken aus. Die Kommissare denken zunächst an einen möglichen Behandlungsfehler. Bei den Untersuchungen stellen sie fest, dass sich die Familie der Toten nicht nur dem Bio-Landbau, sondern auch rechtem Gedankengut sehr verbunden fühlt. Zudem zeigt sich, dass zuvor schon ein V-Mann unter den gleichen Umständen wie die Tochter zu Tode gekommen ist. Eine Geschichte mit Parallelen zur Realität: Ein V-Mann aus dem Umfeld der NSU-Attentäter war ebenfalls infolge eines diabetischen Komas verstorben. Im Tatort stellt sich letztlich heraus, dass die beiden Todesopfer wohl mit Rattengift vergiftet wurden. Auch beim „echten“ V-Mann wird das als Todesursache in Erwägung gezogen.

β-Zellgift Vacor

Konkret soll es um Vacor gehen, das seit 1979 nicht mehr auf dem Markt ist und in Europa nie zugelassen war. Es scheint auch bei Ratten, bei denen die üblicherweise eingesetzten Vitamin-K-Antagonisten nicht wirken, effektiv zu sein. Vacor, hinter dem die Verbindung Pyrinuron steckt, ist tatsächlich ein β-Zellgift. Das heißt, es zerstört die β-Zellen der Bauchspeicheldrüse und löst daher einen Diabetes aus, der von der Symptomatik her dem Typ-1-Diabetes ähnelt. Die dadurch ausgelöste Form des Diabetes wird als Typ-3E-Diabetes bezeichnet, ein Diabetes ausgelöst durch Chemikalien, Drogen oder Arzneimittel. Unter der Bezeichnung Diabetes Typ 3 werden alle möglichen Sonderformen zusammengefasst, die nicht Typ 1, Typ 2 oder einem Gestationsdiabetes (Typ IV) zuzuordnen sind. Auch ein durch Glucocorticoide ausgelöster Diabetes wird als Typ 3E bezeichnet.

  • Typ 1: absoluter Insulinmangel, früher oft auch als juveniler DM oder „Jugenddiabetes“ bezeichnet. Aufterten meist vor dem 40. Lebensjahr.
  • Typ 2: Diabetes mellitus mit relativem Insulinmangel
  • Typ 3:
    3 A: genetischer Defekt der β-Zelle
    3 B: genetische Defekte der Insulinwirkung
    3 C: Krankheiten des exokrinen Pankreas
    3 D: Endokrinopathien
    3 E: durch Drogen- oder Chemikalien induziert
    3 F : Infektionen
    3 G: seltene Formen eines immunologisch vermittelten Diabetes
    3 H : andere genetische Syndrome, die gelegentlich mit Diabetes vergesellschaftet sind
  • Typ 4: Gestationsdiabetes

Wie wirkt Vacor?

Neben der diabetogenen Wirkung löst Pyrinuron Hypotension aus, zudem wirkt es neurotoxisch. Man vermutet, dass die toxische Wirkung darauf beruht, dass die Substanz in den NAD/NADH- und somit den Energie-Stoffwechsel der Zelle eingreift. NAD (Nicotinamidadenindinukleotid) und dessen reduzierte Form NADH sind an zahlreichen Redoxreaktionen des Stoffwechsels der Zelle beteiligt, unter anderem sind sie in der Atmungskette essenziell für die Bereitstellung von ATP. Durch rasche Gabe von Nicotinamid lassen sich die neurologischen und endokrinen Schäden nach Aufnahme von Pyrinuron verhindern oder zumindest abmildern.

Ähnliche Effekte an β-Zellen wie Pyrinuron rufen Alloxan und Streptozocin hervor, die unter anderem zur experimentellen Induktion eines Diabetes mellitus im Tierversuch verwendet werden. Streptozocin wird zudem therapeutisch als Zytostatikum zur Behandlung von Tumoren der Betazellen verwendet.

Von daher sind die Fragen der Tatort-Zuschauer mit „ja“ zu beantworten. Eine Induktion eines Diabetes durch Rattengift ist pharmakologisch zumindest denkbar. Und diese Form würde man dann tatsächlich auch als Diabetes Typ 3E bezeichnen.