Tagebuch aus Haiti: Eine Apothekerin ohne Grenzen berichtet aus dem Krisengebiet

Bild: © Apotheker ohne Grenzen e.V.

Am 4. Oktober zog der Hurrikan „Matthew“ über Haiti hinweg und hinterließ verheerende Schäden in der Natur und der Infrastruktur. Vor Ort helfen Apothekerinnen und ein PTA, die die medizinischen Teams mit Arzneimitteln versorgen und vieles mehr. Barbara Weinmüller ist eine von ihnen. Die Apothekerin aus München ist derzeit im Nothilfeeinsatz der Apotheker ohne Grenzen in Haiti. Sie berichtet von ihren erschütternden Erlebnissen.

Die Brücke hat Hurrikan Matthew weg gerissen. Wir stehen mit den Allrad-Fahrzeugen der mobilen Klinik, an der wir als Apothekerinnen angegliedert sind, vor einem breiten Fluss. An beiden Ufern liegen Trümmerteile der einstigen Betonbrücke, Baumstämme und angeschwemmtes Gestrüpp. Das Wasser ist zu tief zum Durchqueren. Zeitraubend mühsam suchen wir einen anderen Weg. Wir wissen, dass im Dorf Dori bereits viele Kranke auf uns warten.

Auf der Suche nach einer flachen Furt kommen wir durch einen Weiler. Aus einer der Hütten wird gerade eine Leiche getragen. Wir halten sofort an, um zu helfen. Doch die Hilfe kommt zu spät: Höchstwahrscheinlich Cholera vermuten die Ärzte als sie die ca. Vierzigjährige untersuchen. Cholera auch hier. Niemand hat damit gerechnet. Noch ein roter Punkt auf der Karte, wo es vor roten Punkten nur so wimmelt. Jeder rote Punkt steht für noch nicht versorgte Dörfer. Zusätzlich der Eintrag „Cholera!“.

Über 140.000 Menschen warten im Südwesten Haitis seit sechs Wochen noch immer auf Hilfe: Sauberes Wasser, Medikamente und Nahrungsmittel. 140.000 Einzel-Schicksale. In großer Not. Die Lage der Menschen in Haiti ist katastrophal. Und bei uns berichtet niemand mehr darüber. Ich fasse es nicht. Beim Erdbeben waren genug Hilfsorganisationen vor Ort. Jetzt, hier, fehlen sie. Warum? Das kann mir niemand erklären.

Überall zerlumpte Menschen in erbärmlichem Zustand am Wegesrand. Ich mag sie gar nicht fotografieren. Das kommt mir so voyeuristisch vor. Mit Schaufeln und den bloßen Händen versuchen sie die angeschwemmten Bäume, Steine und den Müll von ihren kleinen Äckern zu räumen. Ihren Hütten fehlen die Seitenwände oder das Dach. Das einstmals grüne Land sieht aus, als hätte das Kind eines Riesen Matsch und Dreck in gewaltigen Haufen darüber verteilt.

In Dori angekommen, schlagen wir unsere „Klinik“ und „Apotheke“ in der Dorfschule auf – auch hier ist das Dach zum Teil weggeflogen. 50 Patienten sitzen hier schon seit Stunden geduldig wartend. Kaum wird unsere Ankunft bekannt, strömen die Menschen aus allen Richtungen auf uns zu: Mütter, selbst krank mit ihren verletzten Kindern auf dem Arm und an der Hand, alte Leute gestützt auf einfache Holzstecken humpeln zu uns. Viele barfuß. Hinsehen tut weh. Für die Behandlung haben sie ihre Sonntagskleider herausgesucht. Da erst fällt mir auf: Es ist auch Sonntag.

Die Ärzte sortieren nach Schwere des Falls und erklären das Procedere. Im Minutentakt werden die Patienten behandelt: Entzündungen, Schnittverletzungen, Durchfall, Schwangerschaftsprobleme…Blutdruck und Temperatur messen. Rezepte ausstellen. Alle wandern zur improvisierten Apotheke – eine Schulbank mit schmalem Tisch.

Amoxicillin…Cephalexin…Tetracyclin…Ibuprofen…ORS…Zinksulfat…Wasserdesinfektionstabletten. Die Koffer leeren sich schnell. Ein leises, dankbares „Merci“. Eine tiefe Verbeugung. So viel Dankbarkeit, Würde und Geduld habe ich nach den Berichten über aggressive Überfälle nicht erwartet. Ich bin zutiefst gerührt. Mit Gesängen versuchen die Haitianer, sich gegenseitig zu stützen und ihre traurige Lage irgendwie etwas aufzuhellen. Die Gesänge treffen mich ins Mark. Genauso wie die Auskunft des Arztes auf meine Frage, wann wir denn wieder zur Kontrolle vorbei kommen: „Gar nicht, Barbara. Mehr können wir im Moment nicht tun. Du weißt, dass noch viele Menschen auf uns warten …

Sechs Teams fahren täglich von Les Cayes aus über die Dörfer – in der Hauptsache haitianische Ärzte und Krankenschwestern, mit Verständigung in der Muttersprache geht die Hilfe schneller von statten. 200-250 Menschen können pro Tag versorgt werden. Die Hin- und Rückfahrten über die zerstörten Straßen rauben unendlich viel Zeit. Und abends packen wir neue Medikamente in die Koffer für den nächsten Tag.

14 – 16 Stunden hat unser Arbeitstag. Kein einziger Tag frei. In fünf Tagen müssen Maria Baumann und ich wieder zurück. Ich bin sehr froh, dass ein weiteres AoG-Team kommt. Es warten noch so viele. Diese unschuldigen Menschen brauchen uns. 

Hoffentlich reichen die gepackten Arzneimittel-Koffer, bete ich und überprüfe gleichzeitig die Abgabelisten. Im Minutentakt werden die Patienten behandelt, sortiert nach Schwere des Falles. Amoxicillin…Cephalexin…Tetracyclin…Ibuprofen…ORS…Zinksulfat, Wasserdesinfektionstabletten ... Die Koffer leeren sich schnell. Bild: © Apotheker ohne Grenzen e.V.

Helfen Sie mit!

Apotheker ohne Grenzen wird ein weiteres Team nach Haiti entsenden und ist dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Wenn auch Sie helfen wollen, können Sie über folgenden Link http://www.apotheker-ohne-grenzen.de/spenden/ spenden oder direkt über folgende Bankverbindung:

Deutsche Apotheker- und Ärztebank
IBAN: DE 88 3006 0601 0005 0775 91
BIC: DAAEDEDDXXX

Vielen Dank an Apothekerin Barbara Weinmüller, die sich für Apotheker ohne Grenzen derzeit in Haiti befindet.