Verwendung der Mikrowelle in der Rezeptur

Kann anstelle des Wasserbades zum Aufschmelzen von Substanzen tatsächlich die Mikrowelle verwendet werden?
Bild: Francois Poirier/AdobeStock

Das Aufschmelzen von Bestandteilen ist in der Rezeptur regelmäßig von Bedeutung. Dazu wird im Galenikpraktikum das Wasserbad verwendet. Doch wäre es nicht viel einfacher, dafür die Mikrowelle zu benutzen? Unsere Galenikexpertin Dr. Annina Bergner ging dieser Frage auf den Grund.

Aus einer Apotheke erreichte uns folgende Anfrage:

Frage aus der Rezeptur

Ich arbeite seit kurzem in einer neuen Apotheke, dort wird im Rezepturbetrieb häufig die Mikrowelle eingesetzt. Kann ich denn anstelle des Wasserbades zum Aufschmelzen von Substanzen tatsächlich einfach die Mikrowelle benutzen und gibt es Richtwerte zur Obergrenze der Temperatur für bestimmte Salbengrundlagen? Auch bin ich mir unsicher, was ich beim Abkochen von Wasser mit diesem Gerät beachten muss.

Erwärmung durch Reibung von Wassermolekülen

Um Ihre Fragen zu beantworten, ist es zunächst wichtig sich mit der Funktionsweise einer Mikrowelle vertraut zu machen. Ein Mikrowellengerät funktioniert ohne Kontakt mit einer Wärmequelle zu haben, durch den Einfluss von Mikrowellenstrahlung werden Wassermoleküle bewegt und erzeugen durch Reibung Wärme. Wassermoleküle besitzen bekanntlich eine positive und eine negative Seite und bilden daher einen elektrischen Dipol. Die Mikrowellen wirken auf das Wasser als elektromagnetisches Wechselfeld und die Moleküle versuchen dieser Feldänderung zu folgen und bewegen sich daher.

Keimzahlreduktion von Wasser

Gereinigtes Wasser muss vor der Verwendung zur Herstellung von Arzneimitteln einer Keimzahlreduktion unterzogen werden. Dabei kann auch eine Mikrowelle zum Einsatz kommen. Um eine wirkungsvolle Reduktion der Keime zu erreichen, muss das Wasser in einem Glasgefäß wie vorgeschrieben mindestens 5 Minuten sieden.

Eine Temperaturkontrolle durch Verwendung eines Quecksilberthermometers ist dabei aber nicht praktikabel, da ein solches Thermometer nicht mikrowellenfest ist. Zur Kontrolle der Temperatur müsste daher wiederholt Kontakt mit dem siedenden Wasser hergestellt werden. Infrarot-Thermometer dagegen erlauben eine berührungslose Temperaturmessung in kurzen Zeitabständen und stellen so eine gut durchzuführende Inprozesskontrolle während der Mikrowellenbehandlung dar.

Weiterhin ist bei dieser Art der Keimzahlreduktion noch zu beachten, dass es auch thermoresistente Keime gibt, die an der Oberfläche des Glases einen Biofilm bilden können. Deshalb muss das verwendete Ansatzgefäß regelmäßig gründlich gereinigt und am besten auch desinfiziert werden.

Kruken elektrischer Rührsysteme oft mikrowellentauglich

Halbfeste Zubereitungen werden neben der Herstellung in einer Fantaschale zunehmend mit Hilfe elektrischer Rührgeräte verarbeitet. Oft können feste Bestandteile dabei direkt im Herstellungsgefäß geschmolzen werden. Diese Kruken bestehen meist aus Polypropylen und gelten als mikrowellenfest.

Nicht für wasserfreie Substanzen geeignet

Es ist allerdings zu beachten, dass ein Schmelzen in der Mikrowelle in Abwesenheit von Wasser nicht möglich ist. Feste, wasserfreie Substanzen wie Emulgatoren, Wachse oder Vaselin müssen daher im Wasserbad verflüssigt werden. Hier können Einsätze, die die Kruken gegen Umfallen sichern, verwendet werden. Wässrige Bestandteile können dagegen problemlos in der Mikrowelle geschmolzen werden. Dies sollte dann nach Möglichkeit intervallmäßig bei möglichst niedriger Wattzahl erfolgen.

Fantaschalen und Mikrowelle

Im Gegensatz zu den Kruken können Fantaschalen nicht ohne weiteres in die Mikrowelle gestellt werden. Fantaschalen aus Edelstahl sind wegen ihrer stromleitenden Eigenschaften grundsätzlich nicht zum Erwärmen in der Mikrowelle geeignet. Sie können aber problemlos auf ein Wasserbad gestellt werden.

Genau umgekehrt verhält es sich dagegen mit Glas-Fantaschalen: Aufgrund ihrer schlechten Wärmeleitung sind sie zum Erwärmen auf dem Wasserbad weniger geeignet, ein Aufschmelzen von Substanzen in der Mikrowelle ist dagegen gut möglich. Fantaschalen aus Melaminharzen sind nicht hitzebeständig und haben daher in einer Mikrowelle nichts zu suchen.

Dr. Annina Bergner
Apothekerin, Fachjournalistin
onlineredaktion@ptaheute.de

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