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für mich: Smart Rings: Ein Ring, sie zu tracken

Schlicht und schlank sitzt ein Smart Ring am Finger. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein dezentes Schmuckstück aus Titan – doch sein Innenleben ist so vollgepackt mit Technik, dass selbst Tolkiens Sauron vermutlich lieber zur Gesundheitsüberwachung gegriffen hätte. Gesundheitsringe tauchten erstmalig Mitte der 2010er-Jahre auf. Seit 2021 stieg die Anzahl an Publikationen rapide, was von einem wachsenden wissenschaftlichen Interesse zeugt. Als neue Generation von Gadgets zur kontinuierlichen Überwachung verschiedener Gesundheitsdaten bieten die Ringe im Vergleich zu Smart Watches und Fitnesstrackern ähnliche Funktionen, jedoch in diskreterer Form und mit oft längerer Akkulaufzeit.

Wie Gesundheitsringe funktionieren

Ausgestattet mit winzigen Sensoren, sind Smart Rings in der Lage, vitale Parameter rund um die Uhr zu erfassen. Grundlage ist – wie auch bei ihren Vorgängern – die sogenannte Photoplethysmographie (PPG), ein optisches Verfahren. Dabei wird Licht, meist Infrarot oder Grün, über LED ins Gewebe eingestrahlt und das zurückgestreute Signal über eine Photodiode im Gerät erfasst. Jede Herzaktion verändert das Blutvolumen in den Gefäßen und damit die Lichtabsorption. Aus diesen Schwankungen, die als typische PPG-Wellen sichtbar werden, lassen sich Herzfrequenz (HR → Ruhepuls), Herzratenvariabilität (HRV → Hinweise auf Belastung und Stress) und auch die Sauerstoffsättigung (SpO₂) ableiten. Für die Messung der Sauerstoffsättigung wird der Absorptionsunterschied von rotem und infrarotem Licht genutzt: Oxyhämoglobin absorbiert stärker im Infrarot-, Desoxyhämoglobin mehr im Rotbereich. Das Verhältnis der beiden Signale erlaubt die Berechnung des prozentualen Anteils von dem mit Sauerstoff gesättigten Hämoglobin am Gesamthämoglobin.

Bewegung und Trainingsdaten

In Smart Rings sind neben den PPG-Sensoren auch 3D-Bewegungssensoren verbaut, die Schritte zählen, allgemeine Aktivitätsniveaus erkennen sowie grob den Kalorienverbrauch abschätzen können. Neben einem Beschleunigungssensor, der misst, ob und wie stark sich der Ring bewegt, ist oft auch ein Gyroskop-Sensor enthalten. Dieser erkennt, wie sich die Lage des Rings im Raum verändert – also beispielsweise, ob man geht, liegt oder sich dreht. Aufgrund des geringen Platzes für Elektronik und der Position am Finger bleibt die Bewegungserfassung jedoch rudimentär: Workouts werden nicht automatisch erkannt, und für Strecke oder Pace braucht es entweder das Smartphone-GPS oder eine manuelle Eingabe in der App. Sportuhren sind hier klar im Vorteil: Mit GPS, Höhenmesser und Kompass zeichnen sie Routen und Geschwindigkeit eigenständig auf, allerdings auf Kosten der Akkulaufzeit.

Temperaturüberwachung

Smart Rings nutzen meist NTC-Thermistoren (Negative Temperature Coefficient) beziehungsweise RTDs (Resistance Temperature Detectors), also Widerstandssensoren aus Oxidkeramik oder Metall, die ihren elektrischen Widerstand abhängig von der Temperatur ändern. Die Sensoren messen die Hauttemperatur am Finger vor allem über Nacht. Sie liefern zuverlässige Trends, eignen sich aber nicht zur exakten Bestimmung der Körperkerntemperatur, weil Umgebungstemperatur, Schweiß und Hautkontakt die Messung beeinflussen.

24/7-Gesundheitsdaten

Trendbeobachtung ist bei den Smart Rings das Stichwort: Durch die Kombination der Messung von Bewegung, Herzfrequenz und Körpertemperatur gibt es für die intelligenten Schmuckstücke viele mögliche Anwendungen. Sie sind leicht, stören nachts kaum und sitzen nah an gut durchbluteten Gefäßen – ideal für das Schlaftracking, indem Schlafdauer und Schlafphasen erfasst werden. In Kombination mit Apps wie Natural Cycles kann der Zyklus überwacht und natürliche Familienplanung betrieben werden: Die App analysiert nächtliche Hauttemperatur-Schwankungen, um die fruchtbaren Tage abzuschätzen. Die Kombination aus Oura Ring und Natural Cycles ist von der FDA zugelassen und in Europa CE-zertifiziert, in Deutschland wird sie jedoch nicht als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) erstattet.

Alarm bei Sauerstoffabfall

Eine weitere denkbare Anwendung der Ringe ist das Pulsoximeter: Mit den abgeleiteten Daten zur Atemfrequenz und Blutsauerstoffsättigung können nächtliche Atemaussetzer beziehungsweise Schlafapnoe-Risiken erkannt werden. Der Viatom O2Ring besteht aus Silicon, misst Sauerstoffsättigung und Puls kontinuierlich ohne Fingerclip und alarmiert bei Sauerstoff-Abfällen per Vibration. Die US-amerikanische FDA hat das Gerät im Februar 2025 als medizinisches Pulsoximeter zugelassen, eine CE-Zertifizierung besteht ebenfalls. Erste Daten deuten beim Screening auf Schlafapnoe auf eine gute Sensitivität und Spezifität im Vergleich zur Polysomnographie hin, momentan basierend auf kleinen Studien mit begrenzter Aussagekraft.

Einige neue Modelle erweitern das Spektrum. So verfügt der Amazfit Helio Ring über einen Sensor zur Messung der elektrodermalen Aktivität (EDA). Dieser misst Veränderungen des elektrischen Hautwiderstands, die durch Aktivität der Schweißdrüsen entstehen. Schon geringe Schweißabgaben mit Elektrolyten wie Natrium und Chlorid erhöhen die elektrische Leitfähigkeit beziehungsweise senken den Hautwiderstand im Vergleich zur trockenen Haut. EDA kann Hinweise auf Stress oder emotionale Erregung liefern, ist aber störanfällig durch Umgebungstemperatur, Luftfeuchtigkeit oder den individuellen Hauttyp, sodass die Ergebnisse ebenfalls Tendenzen liefern und im Kontext betrachtet werden müssen.

Smart Rings – ein Marktüberblick

  • Oura Ring ist der Pionier aus Finnland und gilt als einer der genauesten Ringe fürs Schlaf- und Erholungs-Tracking. Er misst HR, HRV, SpO2 und Temperatur. Unabhängige Studien zeigen gute Übereinstimmung mit der Polysomnographie bei Gesamtschlaf und ausgewählten Schlafstadien; im Vergleich schnitt er beim Schlaf-Staging besser ab als Apple Watch und Fitbit. Nachteil: Oura setzt auf ein Abo-Modell – neben circa 300 € Anschaffung fallen monatlich rund 6 € für alle Funktionen an.
  • Der Samsung Galaxy Ring ist seit 2024 erhältlich. Er bietet für 399 € etwa 7 Tage Akkulaufzeit und erfasst Puls, SpO2 und Temperatur. Damit deckt er Herz-, Schlaf- und Zyklus-Tracking ab. HRV wird hauptsächlich nachts ausgewertet. Der Fokus liegt auf Wellness und der Integration ins Samsung Ökosystem; eine medizinische Zulassung besteht nicht.
  • Ultrahuman Ring Air (ca. 280 €) ist mit seinen 2,4 bis maximal 3,6 Gramm besonders leicht und richtet sich vor allem an Sport- und Biohacking-Interessierte. Er erfasst die gängigen Parameter wie Schlaf und HRV. In Kombination mit einem Glucosesensor soll er Stoffwechselreaktionen besser verstehen helfen – diese Funktion gibt es bislang allerdings nur gegen eine stattliche monatliche Gebühr von 250 €.
  • Der Amazfit Helio Ring ist seit Mai 2024 erhältlich und misst neben HR, HRV, SpO2 und Schlaf auch Stress mithilfe eines EDA-Sensors. Die Akkulaufzeit beträgt etwa 4 Tage. Ohne Abo, kostet rund 200 €, nur wenige Ringgrößen und begrenzte Appfunktionalität.
  • Ringconn (China – 250 €) und Circular (Frankreich – ca. 300 €) sind weitere Alternativen. Ringconn punktet mit langer Akkulaufzeit (teils > 10 Tage) und Abo-Freiheit. Circular kündigte für die nächste Generation eine integrierte EKG-Funktion an.
  • Der Movano Evie Ring ist ein Neuzugang für circa 240 € aus den USA, der sich in puncto Design und Größen speziell an Frauen richtet. Er misst HR, HRV, SpO2, Schlaf und Temperatur; die App erlaubt Einträge zu Stimmung und Menstruationssymptomen. Eine FDA- Validierung der Herzfrequenzmessung läuft noch.
  • Daneben gibt es erste medizinische Spezialringe. Der O2Ring (ca. 250 €) ist bereits von der FDA zur kontinuierlichen SpO2- und Herzfrequenzüberwachung bei Schlafapnoe zugelassen. Der CART-Ring wiederum misst den Blutdruck ohne Manschette und zeigt eine hohe Genauigkeit, ist aber noch nicht erhältlich.

Hinweis: Die meisten Modelle gelten bislang als Lifestyletracker, nicht als vollwertige Medizinprodukte.

Aktuelle und künftige Entwicklungen

Der kommende Circular Ring 2 soll als einer der ersten ein 1-Kanal-EKG an Bord haben, bei dem Elektroden im Ring die elektrische Aktivität des Herzens ableiten – ein Vorteil gegenüber der PPG-Pulswelle, die nur Blutvolumenänderungen registriert. Einige Smart Watches arbeiten bereits mit der Technologie: Indem ein Finger auf die Krone der Uhr gelegt wird, entsteht ein geschlossener Stromkreis, der die Herzaktivität erfasst. Die Aussagekraft ist im Vergleich zum 12-Kanal-EKG zwar begrenzt, dennoch können mit einer Smart Watch Herzrhythmusstörungen frühzeitig erkannt werden. Auf Basis der Daten könnte beim Kardiologen abgeklärt werden, welche Ursachen dahinterstecken und ob eine Behandlung nötig ist. Der südkoreanische CART-Ring indes misst den Blutdruck ohne Manschette und ist bereits in Studien mit guter Übereinstimmung zur 24-Stunden-Blutdruckmessung evaluiert worden. Allerdings befindet er sich noch nicht auf dem Markt. Neben diesen Beispielen ist weitere Sensorik für Hydration oder Blutzucker Gegenstand von Prototypen und Forschungsprojekten.

Da Gesundheitsringe relativ neu sind, wird ihre Genauigkeit intensiv erforscht. Ein systematisches Review von 2024 zeigte, dass Smart Rings die Herzfrequenz im Ruhezustand sehr genau erfassen: Die Abweichung zur EKG-Messung lag nachts im Schnitt bei -0,4 Schläge pro Minute. Neuere Ergebnisse aus 2025 bestätigen die gute Übereinstimmung für die nächtliche Ruhefrequenz, dort schnitten Oura Gen 3 und Oura Gen 4 sehr gut ab. Zur HRV-Messung liegen bislang nur wenige Daten vor. Einige Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass Ringmessungen in Ruhe gut mit einem Brustgurt-EKG korrelieren. Diese Genauigkeit und die kontinuierliche Tragbarkeit machen Ringe interessant für das Langzeitmonitoring von Herzfrequenz- und Erholungs-Trends. Für Diagnose und Verlaufskontrolle spezifischer Rhythmusstörungen wie Vorhofflimmern bleibt jedoch ein EKG erforderlich, da dieses die elektrische Aktivität des Herzens direkt misst, während PPG nur Blutvolumenänderungen erkennt. Arrhythmien oder Extrasystolen können deshalb übersehen oder falsch interpretiert werden.
Smart Rings versus Smart Watches
Vorteile
Nachteile
Smart Rings
hoher Tragekomfort, auch nachts
optisch unauffällig
keine Ablenkung durch Display
lange Akkulaufzeit (3–7 Tage)
hohe Genauigkeit bei Puls/HRV in Ruhe, v. a. im Schlaf
Zyklus-Tracking über Temperatur möglich
eingeschränkte Bewegungssensorik
weniger Features, z.B. kein Höhenmesser, GPS
keine automatische Trainingserkennung
keine Anzeige/Alarme am Gerät → App nötig
Funktionsumfang begrenzt, oft Abo für volle Daten nötig
Anpassung an Fingergröße erforderlich
bislang weniger klinische Validierungen
Smart Watches
viele Zusatzsensoren (GPS, EKG, Höhenmesser)
sehr gutes Sport- und Trainingstracking
direktes Feedback mit Display, Alarme & Notruf
teilweise klinisch validierte Features (z. B. Erkennung von Vorhofflimmern)
breite App-Anbindung
kürzere Akkulaufzeit (meist 1–2 Tage)
weniger komfortabel beim Schlafen
Hautreizungen durch Schweiß oder Reibung möglich
Ungenauigkeiten bei Schlafphasen und optischer HR-Messung in Bewegung

Ausgefeiltes Schlaftracking

Schlafdauer sowie die Unterscheidung von Schlaf und Wachheit lassen sich durch die Wearables bereits gut detektieren. Die angesprochene Metaanalyse aus 2024 berichtete aber über deutliche Unterschiede bei der Identifizierung einzelner Schlafphasen: Der Mittelwert der Gesamtschlafzeit wurde um etwa 21 Minuten unterschätzt, die REM-Dauer um etwa 18 Minuten. Die Ringe schnitten am besten bei Gesunden und bei Vier-Stufen-Klassifikation (Wach, Leichtschlaf, Tiefschlaf, REM) ab. In Kohorten mit Schlafstörungen nimmt die Genauigkeit dagegen ab. Weiterhin spannend ist, dass Ringsensoren teils eine höhere Übereinstimmung mit der Polysomnographie erreichten als einige Smart Watches.

Achillesferse Datenschutz

Sowohl Smart Watches als auch Ringe erheben als Consumer-Geräte Daten außerhalb des medizinischen Versorgungssystems und diese unterliegen daher nicht automatisch den gleichen Datenschutzanforderungen wie Patientendaten. Zwar greift die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) für in Europa tätige Hersteller, dennoch sollte man im Hinterkopf behalten, dass die Geräte sensible Informationen wie Herzrhythmus-, Schlaf- und Zyklusdaten sammeln. Nutzer sollten Datenschutzerklärungen prüfen und überlegen, ob sie einer Cloud-Speicherung zustimmen. Generell gilt: Keiner der beiden Gerätetypen ist komplett offline nutzbar und die Geschäftsmodelle können sich ebenfalls unterscheiden – etwa in Form eines Abozwangs, der dem einmaligen Kauf gegenübersteht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Smart Rings nutzen wie Smart Watches winzige Sensoren, die überwiegend auf Photoplethysmographie (PPG) basieren. Damit werden Daten über Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität und Blutsauerstoffsättigung gesammelt. Auch Bewegung und Temperatur können erfasst werden.
  • Die Ringe haben eine hohe Genauigkeit beim Schlaftracking und eignen sich teils gut zur natürlichen Familienplanung. Außerdem sind sie optisch unauffällig bei hoher Akkulaufzeit.
  • Zum kontinuierlichen Gesundheitsmonitoring sind sie gut geeignet, bieten allerdings aufgrund begrenzter Sensoranzahl und -leistung bislang weniger komplexe Funktionen im Vergleich zu Smart Watches.

Potenzial und Grenzen

Kein Smart Ring ersetzt professionelle Diagnosen und die Beratung. Allerdings können Gesundheitsringe schon heute wertvolle Trendsignale für Schlaf, Erholung und Belastung liefern. Mit zunehmender technischer Reife und neuen Sensoren können sie künftig weitere Daten zugänglich machen, doch für viele Anwendungsfelder fehlen noch unabhängige klinische Validierungsstudien. Für das pharmazeutische Personal und potenzielle Endverbraucher heißt das: kritisch bleiben, Chancen und Grenzen benennen und bei auffälligen Daten zur ärztlichen Abklärung raten. Denn anders als Tolkiens „einer Ring“ sind moderne Smart Rings nicht dazu da, ihre Träger zu beherrschen – sondern ihnen einen besseren Überblick über die eigene Gesundheit zu verschaffen. •

Bärbel Scherf

PTA, Fachjournalistin

Nürnberg

autor@ptaheute.de