mehr wissen: Hashimoto-Thyreoiditis: Angegriffene Funktion
von Alexandra Mayer
Aufgrund eines fehlgeleiteten Immunprozesses wird bei Hashimoto-Thyreoiditis Schilddrüsengewebe durch eine chronische Entzündung zerstört. In der Folge können nicht mehr ausreichend Schilddrüsenhormone gebildet werden und es kommt zur Unterfunktion (Hypothyreose). Da Schilddrüsenhormone an der Steuerung zahlreicher Stoffwechselvorgänge beteiligt sind, können die Symptome vielfältig sein: Müdigkeit, Haarausfall, Verstopfung, depressive Verstimmung, Kälteempfindlichkeit, Gewichtszunahme oder Kropfbildung.
Kurzfristige Überfunktion
Meist beginnt die Erkrankung schleichend und wird nur zufällig entdeckt, denn eine Unterfunktion entwickelt sich langsam. Zunächst kann die Schilddrüse die fehlende Hormonproduktion – häufig über längere Zeit – ausgleichen, indem sich noch funktionierendes Gewebe vergrößert. Dadurch bildet sich ein Kropf (Struma). Seltener gibt es akute Verläufe, die mit starken Halsschmerzen und allgemeinem Krankheitsgefühl einhergehen – dem Hashimoto-Schub. Dann beginnt das Gewebe abzusterben und setzt große Mengen an Schilddrüsenhormonen auf einmal frei. Es kommt kurzfristig zur Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose). Diese äußert sich unter anderem als Schwitzen, Zittern, Nervosität, Gewichtsabnahme, Herzrasen und Bluthochdruck. Man spricht bei dieser vorübergehenden Schilddrüsenüberfunktion in diesem Zusammenhang auch von einer Hashitoxikose. Da keine neuen Schilddrüsenhormone mehr gebildet werden, kommt es im Anschluss zur Hypothyreose.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die zur Zerstörung von Schilddrüsengewebe führt. Das hat eine Hypothyreose zur Folge. In akuten Krankheitsphasen kann jedoch vorübergehend eine Hyperthyreose auftreten.
- Die Diagnose ergibt sich aus einer Kombination verschiedener Untersuchungen, unter anderem auf spezifische Antikörper. Eine Unterscheidung zu Morbus Basedow ist wichtig.
- Für die Therapie müssen die fehlenden Schilddrüsenhormone substituiert werden. Bei guter Einstellung ist meist ein beschwerdefreies Leben möglich.
Herausfordernde Diagnosestellung
Bei Verdacht auf eine Hashimoto-Thyreoiditis wird die Ärztin oder der Arzt zunächst die Symptome erfragen und die Schilddrüse abtasten, um Auffälligkeiten wie eine Vergrößerung zu erkennen. Eine anschließende Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse macht mögliche Gewebeveränderungen sichtbar. Aus dem Blut werden zudem Hormone bestimmt, aus deren Werten man eine Schilddrüsenunterfunktion ableiten kann: Bei einer Hypothyreose ist das in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) gebildete Thyreoidea-stimulierende Hormon (TSH), das die Bildung der Schilddrüsenhormone anregt, in der Regel deutlich erhöht. Die im Blut zirkulierenden freien Schilddrüsenhormone Liothyronin (T3) und Levothyroxin (L-Thyroxin, T4) hingegen sind – zumindest bei einer fortgeschrittenen Unterfunktion – erniedrigt. Ob einer Hypothyreose dann tatsächlich eine Hashimoto-Thyreoiditis zugrunde liegt, kann meist mit einem weiteren Bluttest auf bestimmte Antikörper nachgewiesen werden. Charakteristisch, aber nicht zwingend ist ein erhöhter Wert von Antikörpern gegen das Enzym Thyreoperoxidase (TPO), das für die Bildung der Schilddrüsenhormone notwendig ist. Ein weiterer möglicher Hinweis ist das Vorhandensein von Antikörpern gegen Thyreoglobulin (Tg), das für die Bildung und Speicherung der Schilddrüsenhormone wichtig ist. Allerdings bedeutet das Fehlen von diesen Antikörpern nicht, dass eine Hashimoto-Thyreoiditis ausgeschlossen werden kann. Die Diagnosestellung muss deshalb das Ergebnis einer Kombination verschiedener Untersuchungen sein. Die Blutwerte dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Kontext der Symptomatik und weiterer Untersuchungsergebnisse.
Abgrenzung zu Basedow
Vor allem zu Beginn der Erkrankung kann eine Unterscheidung zwischen Hashimoto-Thyreoiditis und Morbus Basedow wegen der Hashitoxikose schwierig sein. Bei Morbus Basedow handelt es sich ebenfalls um eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, die aber zu einer Hyperthyreose führt. Auch bei der Basedow-Krankheit können erhöhte Werte von TPO- oder Tg-Antikörpern vorliegen. Um Klarheit zu bekommen, können zur Unterscheidung eine Schilddrüsenszintigrafie und eine histologische Untersuchung von Gewebeproben sinnvoll sein.
Beschwerdefrei leben
Geduld gefragt
Für eine erfolgreiche Einstellung der Substitutionstherapie ist manchmal Geduld erforderlich. Sie dauert oft mehrere Monate und kann im Einzelfall sogar bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen. Je länger eine Hypothyreose bereits besteht und je schwerwiegender sie ist, desto schwieriger ist eine gute Einstellung zu erreichen. Auch Schwankungen und Schübe, die zum Krankheitsbild einer Hashimoto-Thyreoiditis gehören können, erschweren eine geeignete Dosisfindung. Ziel der Therapie ist das Wohlbefinden der Betroffenen und dass sich der TSH-Wert innerhalb eines bestimmten Referenzbereichs befindet. Zum Schutz vor gesundheitlichen Nachteilen dürfen Schilddrüsenhormone weder über- noch unterdosiert werden. TSH-Wert und gegebenenfalls auch die Blutspiegel von T3 und T4 werden bis zur und auch nach erfolgter Dosisfindung regelmäßig überprüft, weil durch Veränderungen wie etwa des Gewichts Dosisanpassungen notwendig werden können.
Solange Betroffene noch eine normal funktionierende Schilddrüse haben, muss meistens nicht behandelt werden. Erst wenn der TSH-Wert eine bestimmte Konzentration übersteigt, wird mit der Substitution von Schilddrüsenhormonen in Form von Tabletten begonnen. Doch nicht nur der TSH-Wert, auch Symptomatik, Alter, Geschlecht oder die gesundheitliche Gesamtsituation spielen eine Rolle bei der Entscheidung, ob substituiert wird. Prinzipiell unterscheidet man zwischen latenter und manifester Schilddrüsenunterfunktion. Bei der latenten Form liegen zwar erhöhte TSH-Werte vor, Betroffene haben aber keine Symptome. Hier wird individuell entschieden, ob Schilddrüsenhormone eingenommen werden. Gegen eine Einnahme spricht, dass keine Beschwerden vorliegen. Dafür spricht, dass bei fehlender Substitution etwa das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht sein kann. Bei erhöhten TSH-Werten und Beschwerden spricht man von manifester Hypothyreose. In diesem Falle raten die Leitlinien generell, Schilddrüsenhormone einzunehmen.
Üblicherweise wird mit L-Thyroxin (z. B. in Eferox, Euthyrox) behandelt. Hierbei handelt es sich um ein synthetisch hergestelltes Schilddrüsenhormon, welches im Körper in das aktivere und wirksamere T3 umgewandelt wird. L-Thyroxin hat eine längere Halbwertszeit und damit den Vorteil der konstanteren Wirkspiegel. Manchmal, wenn die Umwandlung von T4 zu T3 gestört ist, werden beide Hormone in Kombination eingenommen (z. B. in Novothyral, Prothyrid). Falls kein Kombinationsprodukt mit dem erforderlichen Verhältnis von T3 und T4 auf dem Markt ist, gibt es auch Präparate nur mit T3 (z. B. in Thybon).
Bei richtiger Dosierung ist kaum mit Nebenwirkungen zu rechnen. Die Einstellung erfolgt einschleichend, das heißt, es wird mit einer niedrigen Dosierung begonnen und bei Bedarf gesteigert. Nach jeder Dosisänderung dauert es etwa vier bis acht Wochen, bis sich ein Gleichgewicht eingestellt und der Hormonspiegel stabilisiert hat. Dann werden erste Verlaufskontrollen durchgeführt. Bei erfolgreicher Einstellung wird danach zunächst halbjährlich und schließlich jährlich kontrolliert.
In einigen Fällen sind die Beschwerden trotz der Einnahme von Schilddrüsenhormonen nicht zufriedenstellend in den Griff zu bekommen. Dann führt nur eine operative Entfernung der Schilddrüse mit anschließender Substitution zur Besserung. Werden Symptome wie beispielsweise Haarausfall oder depressive Verstimmung nicht durch die Einnahme von Schilddrüsenhormonen gelindert, muss auch an weitere Krankheitsursachen wie andere Autoimmunerkrankungen oder eine Depression gedacht werden.
Morgens vor dem Frühstück
Hashimoto-Patienten müssen Schilddrüsenhormone in der Regel lebenslang einnehmen. Damit diese richtig wirken können, erfolgt die Einnahme einmal täglich morgens, mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück. Die morgendliche Einnahme wird empfohlen, weil auch die physiologische Hormonausschüttung in den Morgenstunden am höchsten ist. Schilddrüsenhormone besitzen eine geringe therapeutische Breite, bereits geringfügige Dosisänderungen können sich bemerkbar machen. Deshalb stehen sie auf der Substitutionsausschlussliste und dürfen nicht ausgetauscht werden. Eine gleichzeitige Einnahme mit der Nahrung würde die Bioverfügbarkeit reduzieren, weshalb die Nüchterneinnahme wichtig ist.
Wenn beispielsweise aufgrund von Lieferschwierigkeiten – nach Rücksprache mit dem Arzt – auf einen anderen Hersteller ausgewichen werden muss, sollten Kunden auf mögliche Symptome einer Überdosierung wie etwa Schwitzen, Herzklopfen oder Nervosität sowie einer Unterdosierung wie zum Beispiel Müdigkeit, Kältegefühl oder Verstopfung hingewiesen werden.
Vorsicht, Milchkaffee
Da sowohl Kaffee als auch die in Milch enthaltenen Calciumionen die Resorption von L-Thyroxin aus dem Darm hemmen, gilt der Hinweis „mindestens 30 Minuten vor der Mahlzeit“ auch für den Frühstückskaffee. Die Tabletten sollten immer mit mineralstoffarmem Leitungswasser geschluckt werden, da außer Calciumionen auch mehrwertige Kationen von Magnesium oder Aluminium zur verminderten Resorption von L-Thyroxin führen. Wenn gleichzeitig zu Schilddrüsenhormonen entsprechende Antacida (z. B. Riopan, Talcid, Rennie) abgegeben werden, muss auf einen Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden hingewiesen werden. Auch bei vielen Sportgetränken oder freiverkäuflichen Calciumpräparaten, wie sie häufig zur Osteoporoseprophylaxe eingenommen werden, muss daran gedacht werden, diese zeitlich versetzt zum L-Thyroxin einzunehmen. Weiterhin können Johanniskrautpräparate (z. B. Laif, Jarsin), die oft rezeptfrei in der Apotheke erworben werden, zum verstärkten Abbau von Schilddrüsenhormonen führen. Außerdem kann die Einnahme von Biotin den TSH-Wert bei Blutuntersuchungen verfälschen. Biotin wird auch als Vitamin H, B7 oder B8 bezeichnet.
Wie erkläre ich es meinen Kunden?
- „Ihr Arzt hat Ihnen Schilddrüsenhormone verordnet. Bitte nehmen Sie diese täglich mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück mit einem Glas Leitungswasser ein.“
- „Bitte achten Sie darauf, dass Sie Ihre Calciumtabletten nicht zusammen mit Ihren Schilddrüsenhormonen einnehmen. Halten Sie einen Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden zwischen den Tabletten ein.“
- „Es ist kein Problem, wenn Sie gelegentlich Kautabletten bei Sodbrennen einnehmen. Allerdings sollten Sie nach der Einnahme Ihrer Schilddrüsenhormone mindestens noch zwei Stunden warten, damit diese richtig wirken können.“
- „Ihre alljährliche Kontrolle der Schilddrüse steht demnächst wieder an? Dann sollten Sie die Einnahme von Biotin für Haut und Haar bis dahin aussetzen. Es könnte sonst zu falschen Ergebnissen bei der Blutbestimmung kommen.“
Ernährung bei Hashimoto
Wer an Hashimoto erkrankt ist, muss keine spezielle Diät einhalten. Lediglich hohe Mengen an Jod, wie sie in Algen, Seetang oder Jodtabletten enthalten sind, können problematisch sein und sind deshalb zu meiden. Vorsicht gilt aus dem gleichen Grund auch bei längerer und großflächiger Anwendung von jodhaltigen Desinfektionsmitteln. Die in Jodsalz enthaltenen Mengen sowie der moderate Genuss von Seefisch gelten als unbedenklich.
Möglicherweise wirkt sich eine entzündungshemmende Ernährung mit viel Gemüse, hochwertigen Pflanzenölen, wenig Zucker und wenig rotem Fleisch günstig aus. Auch der Verzicht beziehungsweise die Einschränkung von Gluten und Lactose scheint in einigen Fällen ratsam zu sein. Auf eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen wie Omega-3-Fettsäuren, Selen, Vitamin D, Zink und Eisen sollte besonders geachtet werden. Selen, Zink und Eisen müssen mit Abstand zu L-Thyroxin eingenommen werden. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sollte jedoch mit dem Arzt besprochen werden. •


