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ganz natürlich: Für Muskeln und Gelenke

von Dr. Ulrike Sobeck

Klagen Kunden in der Apotheke über leichte Muskel- und Gelenkschmerzen, können eine Reihe pflanzlicher Präparate empfohlen werden. Ihre Indikationsgebiete reichen von Prellungen und Verstauchungen bis hin zu Muskel- und leichteren Gelenkschmerzen. Einige pflanzliche Zubereitungen sind für diese Indikationsbereiche im „traditional use“ oder sogar im „well-established use“ von dem HMPC – dem Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur – monografiert (siehe Tabelle auf Seite 86). Welcher Kategorie eine pflanzliche Droge und/oder Zubereitung zugeordnet ist, ist vom Evidenzgrad abhängig. Werden sie schon länger als zehn Jahre eingesetzt und liegen gesicherte wissenschaftliche Wirksamkeits- und Sicherheitsbelege vor, können sie im „well-established use“ monografiert werden. Für eine Monografie mit „traditional use“ reicht es aus, wenn die entsprechende pflanzliche Zubereitung oder Droge länger als 30 Jahre und davon mindestens 15 Jahre in der EU medizinisch verwendet wurde.
Pflanzliche Zubereitungen bei Muskel- und Gelenkschmerzen
Pflanzenextrakt/ -bestandteil
Einstufung laut HMPC
Indikation/Anwendungsart
Arnikablüten
traditional use
äußerliche Anwendung in halbfester und flüssiger Darreichungsform
zur Linderung von Blutergüssen, Prellungen, Verstauchungen und örtlich begrenzten Muskelschmerzen
Beinwellwurzel
traditional use
äußerliche Anwendung in halbfester Darreichungsform
zur symptomatischen Therapie kleinerer Verstauchungen, Prellungen und Blutergüsse
Bitterklee
traditional use
innerliche Anwendung in flüssiger oder fester Form oder als Tee
bei leichten Gelenkbeschwerden und Muskelschmerzen
Brennnesselkraut
traditional use
innerliche Anwendung als Tee und in fester oder flüssiger Darreichungsform
zur Linderung leichter Gelenkbeschwerden
Cayennepfeffer
well-established use
äußerliche Anwendung in Form eines medizinischen Pflasters oder einer halbfesten Darreichungsform
zur Linderung von Muskelschmerzen im unteren Rückenbereich
Eschenblätter
traditional use
innerliche Anwendung als Tee
zur Linderung leichter Gelenkbeschwerden
Eukalyptusöl
traditional use
äußerliche Anwendung als Lösung, in 10%igen Salben oder als Badezusatz
symptomatische Therapie örtlich begrenzter Muskelschmerzen
Mädesüßkraut
traditional use
innerliche Anwendung als Tee und in fester oder flüssiger Darreichungsform
zur Linderung leichter Gelenkbeschwerden
Pfefferminzöl
traditional use
äußerliche Anwendung in flüssigen und halbfesten Zubereitungen von 5 – 20 %
symptomatische Therapie örtlich begrenzter Muskelschmerzen
Schwarze Johannisbeerblätter
traditional use
innerliche Anwendung als Tee und in fester Darreichungsform
zur Linderung leichter Gelenkbeschwerden
Teufelskrallen-wurzel
traditional use
innerliche Anwendung in flüssiger oder fester Form oder als Tee
zur Linderung leichter Gelenkschmerzen
Wacholderöl
traditional use
äußerliche Anwendung als Badezusatz
unterstützende Behandlung von leichten Muskel- und Gelenkschmerzen
Weidenrinde
traditional use
innerliche Anwendung in flüssiger oder fester Form oder als Tee
zur Linderung leichter Gelenkschmerzen
well-established use
auf den Gehalt von 15 % Salicin eingestelltes pflanzliches Arzneimittel zur innerlichen Anwendung in festen Arzneiformen
zur kurzfristigen Behandlung von Schmerzen im unteren Rückenbereich

Der Klassiker: Arnikablüten

Nicht umsonst wurde Arnica montana L. zur Blume des Jahres 1986 und zur Arzneipflanze des Jahres 2001 ernannt. Damals wie heute werden Zubereitungen mit Arnikablüten unter anderem zur äußerlichen Behandlung von Prellungen, Verstauchungen, Blutergüssen, entzündlichen Hauterkrankungen und bei leichten rheumatischen Beschwerden eingesetzt. Die Pflanze stammt aus der Familie der Korbblütler und enthält neben Flavonoiden, Kaffeesäurederivaten und ätherischem Öl insbesondere einen hohen Anteil an Sesquiterpenlactonen mit den dominierenden Stoffen Helenalin und Dihydrohelenalin. Die Stoffe greifen ins Entzündungsgeschehen ein und machen die traditionell bekannte Wirksamkeit von Arnikaextrakten wissenschaftlich erklärbar.
Präparate bei Muskel- und Gelenkbeschwerden
Pflanzenextrakt/ -bestandteil
Präparatebeispiele
Arnikablüten
doc Arnika Creme
Kneipp Arnika Kühl- und Schmerzgel
Klosterfrau Arnika Intensiv-Creme
Retterspitz äußerlich
Arnika-Salbe 30 %
Beinwellwurzel
Kytta Schmerzsalbe
Traumaplant Schmerzcreme
Brennnesselkraut
Brennnesselsaft Schoenenberger
Hox alpha Hartkapseln
Cayennepfeffer
Rheumaplast Wärmepflaster
ABC Wärme-Pflaster
ABC Wärmecreme
Kytta Wärmecreme
Eukalyptusöl
Tiger Balm Muskel & Gelenk Fluid
Voltamed pflanzliche Schmerzcreme
Doloplant bei Muskel- und Gelenkschmerzen Creme
Pfefferminzöl
Voltamed pflanzliche Schmerzcreme
Doloplant bei Muskel- und Gelenkschmerzen Creme
Teufelskrallen-wurzel
Teufelskralle-Loges Tabletten
Teufelskralle-ratiopharm Tabletten
Harpavit Tabletten
Wacholderöl
Kneipp Badekristalle Muskel Aktiv
Li-il Wacholderbad Muskellockerung
Schupp Wacholder Ölbad

Die Antientzündliche: Beinwellwurzel

Ethanolische Extrakte aus der Wurzel des Echten Beinwells (Symphytum officinale L.) können laut HMPC traditionell in Form einer halbfesten Zubereitung bei leichteren Verstauchungen, Prellungen, Zerrungen und Blutergüssen eingesetzt werden. Beinwellextrakte wirken als Vielstoffgemisch, die unter anderem Allantoin, Schleimpolysaccharide und Gerbstoffe enthalten. So hat zum Beispiel der Beinwellextrakt der Kytta Schmerzsalbe in Studien entzündungshemmende, abschwellende, schmerzlindernde und wundheilende Effekte gezeigt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei leichten Muskel- und Gelenkbeschwerden können pflanzliche Präparate eingesetzt werden.
  • Für diese Indikation haben sich unter anderem Zubereitungen mit Arnikablüten, Beinwellwurzel, Teufelskrallenwurzel und Brennnesselkraut bewährt.
  • Je nach Darreichungsform sind sie zur äußerlichen oder innerlichen Anwendung bestimmt.
  • Zubereitungen aus Cayennepfeffer wirken bei lokaler Anwendung analgetisch und antiinflammatorisch.

Der Exot: Teufelskrallenwurzel

Zubereitungen aus der Wurzel der Afrikanischen Teufelskralle (Harpagophytum procumbens, Harpagophytum zeyheri) werden von der HMPC traditionell zur innerlichen Anwendung bei leichten Gelenkschmerzen empfohlen. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen der arzneilich verwendeten Wurzel gehören Iridoidglykoside mit ihrer Leitsubstanz Harpagosid, Phenolglykoside und Saccharide. Für Zubereitungen aus Teufelskralle konnten in verschiedenen Untersuchungen antientzündliche Effekte beschrieben werden. Zusätzlich zeigten kleinere Studien eine Erleichterung für Patienten mit degenerativen Erkrankungen wie Arthrose, rheumatischen Schmerzen und Rückenbeschwerden. Extrakte aus der Teufelskralle werden innerlich entweder als Tee, Tropfen oder Tabletten eingenommen und von der HMPC als traditionelle Arzneimittel eingestuft.

Das natürliche ASS: Weidenrinde

Arzneilich wird die getrocknete Rinde junger Weidenzweige genutzt. Die Weidenrinde (Salicis cortex) kann laut HMPC-Monografie aus verschiedenen Weidenarten (Salix) gewonnen werden, muss allerdings als Trockenextrakt für den „well-established use“ einen standardisierten Gesamt-Salicin-Gehalt von 15 Prozent enthalten. Für diesen Fall bestätigt die HMPC einen moderaten lindernden Effekt bei Schmerzen im unteren Rücken. Denn Salicin wird im Körper zu seiner eigentlichen Wirkfom Salicylsäure metabolisiert. Diese hemmt verschiedene an Entzündungsprozessen beteiligte Enzyme (COX-1 und COX-2) und Zytokine und wirkt entzündungshemmend und moderat schmerzlindernd bei Arthrosepatienten und bei Patienten mit leichteren Gelenkbeschwerden. Aktuell sind keine Arzneimittel mit Weidenrinden auf dem Markt, allerdings stehen eine Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln mit Weidenrinde zur Verfügung (z. B. Weidenrinden GPH Kapseln, Weidenrinden Junek Kapseln, Weidenrinde Kapseln von Hirundo).

Ätherisches Eukalyptus-, Pfefferminz- und Wacholderöl

Die Blätter des Eukalyptusbaums (Eucalyptus globulus) oder der Pfefferminze (Mentha x piperita) enthalten einen hohen Anteil an ätherischem Öl, das bei der Pfefferminze zum Großteil aus Menthol und beim Eukalyptus aus Eucalyptol besteht. Die ätherischen Öle beider Pflanzen werden von der HMPC im „traditional use“ monografiert. Sie werden aufgrund langjähriger Erfahrung zur Linderung von örtlich begrenzten Muskelschmerzen eingesetzt. Verwendet werden flüssige und halbfeste Darreichungsformen oder Badezusätze. Wacholderöl wird vor allem aus den reifen Beerenzapfen des Heide-Wacholders (Juniperus communis) gewonnen und enthält neben seinem Hauptbestandteil α-Pinen hauptsächlich Myrcen, Sabinen und Limonen. Aufgrund seiner schmerzlindernden, entzündungshemmenden und durchblutungsfördernden Wirkung eignet sich das ätherische Öl unterstützend zur Behandlung von leichten Muskel- und Gelenkschmerzen. Aufgrund seiner langjährigen Anwendung bestätigt der HMPC Wacholderöl in diesem Indikationsgebiet einen „traditional use“ für den äußerlichen Gebrauch als Badezusatz.

Weit mehr als Unkraut: Brennnesselkraut

Das Kraut der Großen oder Kleinen Brennnessel (Urtica dioica, Urtica urens) kann als Tee, frischer Presssaft oder in Form eines ethanolischen oder wässrigen Extrakts laut HMPC im „traditional use“ zur Verbesserung leichterer Gelenkbeschwerden eingesetzt werden. Das Brennnesselkraut enthält unter anderem Flavonoide und Kaffeesäureester und hat aufgrund seiner antiphlogistischen und diuretischen Eigenschaften eine lange Tradition als Heilpflanze. Zum Beispiel konnte gezeigt werden, dass Brennnesselextrakte in Entzündungsprozesse eingreifen und Symptome wie Schmerzen, Schwellungen, Bewegungseinschränkungen und Gelenksteifigkeit verbessern. Bisher gibt es noch keine größeren Studien zum Einsatz von Brennnesselkrautzubereitungen bei Rheumapatienten, ärztliche Guidelines für Rheuma empfehlen Brennnesselkraut nicht.

Wie erkläre ich es meinen Kunden?

  • „Die Wirkung von Arnika bei Prellungen oder Verstauchungen ist durch langjährige Erfahrung bestätigt. Arnika kann je nach Bedarf äußerlich in Form von Umschlägen, Einreibungen, als Salbe, Creme oder als Gel angewendet werden.“
  • „Wenn Sie ein pflanzliches Präparat einnehmen möchten, sind Extrakte aus der Teufelskralle oder aus der Brennnessel empfehlenswert. Sie können als Tropfen oder Tabletten eingenommen werden, wirken antientzündlich und werden traditionell bei leichten Gelenkschmerzen eingesetzt.“
  • „Bei Muskelschmerzen im unteren Rückenbereich kann ich Ihnen Schmerzpflaster oder eine Creme mit Cayennepfefferextrakten empfehlen.“

Some like it hot: Cayennepfeffer

Die Früchte des Cayennepfeffers (Capsicum annuum var. minimum) enthalten durchblutungsfördernde Substanzen. Die wissenschaftlichen Daten reichen für eine „well-established-use“-Monografie aus, die dem Cayennepfeffer eine Wirkung bei Muskelschmerzen im unteren Rückenbereich bestätigt. Die Inhaltsstoffe wirken analgetisch und antiinflammatorisch. Eingesetzt werden ein auf 2 bis 2,78 % standardisierter Extrakt in der Darreichungsform eines Pflasters oder einer Creme sowie weitere alkoholische Extrakte oder Dickextrakte in Salben oder Wärme- beziehungsweise Schmerzpflastern. •

Dr. Ulrike Sobeck

PTA und Apothekerin

Aichwald

autor@ptaheute.de