mein Beruf: Trauer: Wie geht man damit um?
von Dr. Uta Fröhlich
Eine Kundin kommt in die Apotheke und bittet um ein Mittel gegen Schlafstörungen. Während sie über ihre Situation spricht, wird deutlich: Ihr Mann ist vor wenigen Wochen verstorben und das hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen und ihre Welt auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr, wie es vorher war.
Wenn Traurigkeit, Verzweiflung oder andere Emotionen, die mit einem Verlust zusammenhängen, Trauernde stark vereinnahmen, bleiben sie oft lieber zu Hause und ziehen sich zurück. Trauer zeigt sich aber nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Auch wenn sie verdrängt wird, sucht sie sich ihren Weg. Daher kann es sein, dass trauernde Menschen in der Apotheke Hilfe suchen, um Erschöpfung, Schmerzen oder innere Unruhe zu lindern.
Nicht immer erkennen Betroffene selbst, dass die Ursache ihrer Beschwerden Trauer ist oder wann professionelle Unterstützung sinnvoll wäre. Auch lässt sich Trauer nicht immer im Gesicht eines Menschen ablesen. Das Apothekenteam kann Orientierung geben, wenn es auf Menschen trifft, die gerade einen Trauerfall im engsten Familien- oder Freundeskreis erlebt haben und sich durch den Verlust überfordert fühlen: empathisch, klar abgegrenzt und mit einem Blick für Warnsignale, bei denen fachliche Hilfe notwendig ist.
Psychisch, sozial und körperlich
Trauer entsteht nicht nur nach dem Tod eines geliebten Menschen. Auch eine Trennung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine schwere Erkrankung können Trauerprozesse auslösen. Alles, was identitätsstiftend wirkt und verloren geht, kann Trauerreaktionen hervorrufen. Trauer beschreibt somit einen Übergangs-, Ablösungs-, Akzeptanz- und im besten Fall auch einen Integrationsprozess.
Auch wenn Trauer ein äußerst individueller Prozess ist, lassen sich typische psychische, soziale und körperliche Symptome benennen.Trauer geht auf psychischer Ebene häufig mit Gefühlen von Hilfslosigkeit, Verzweiflung, Leere und Traurigkeit einher, teils begleitet von starkem Weinen. Hinzu kommen häufig Gedankenspiralen, Antriebslosigkeit, Sinnverlust, innere Unruhe. Die Symptome verstärken sich, je länger sie anhalten. Entsprechend belastend kann ein solcher Zustand empfunden werden und professionelle Hilfe, zum Beispiel durch Psychologen, Psychotherapeuten oder Trauerbegleiter, kann angebracht sein.
Auf sozialer Ebene besteht die Gefahr von Isolation und Einsamkeit, wenn Menschen aus Scham oder falscher Rücksicht Kontakte konsequent meiden. Dies geschieht oft aus dem Gefühl heraus, anderen zur Last zu fallen oder mit den intensiven Emotionen nicht mehr zum Freundeskreis zu passen. Menschen in Trauer erleben sich mit extremen oder auch sehr dumpfen Gefühlen. Das führt häufig dazu, sich selbst nicht mehr zu kennen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Psychologie versteht die Trauer als Prozess, um Sinn und Bedeutung nach einem Verlust neu zu ordnen.
- Trauer kann viel Zeit in Anspruch nehmen und die Trauernden durchlaufen dabei verschiedene emotionale Phasen. Die Phasen können auch wiederholt erlebt werden und verlaufen bei jedem Menschen anders.
- Zeigt sich während der Trauer lang anhaltende Hoffnungs- und Freudlosigkeit, sollte Betroffenen behutsam und empathisch zu professioneller Hilfe geraten werden.
Trauer als Übergang und Ablösung
In der Psychologie wird Trauer nicht als Krankheit verstanden, sondern als Prozess mit unterschiedlichen Aufgaben, durch die Sinn und Bedeutung neu geordnet werden. Nach William Worden, einem amerikanischen Psychologen und Trauerforscher, gehört dazu unter anderem, den Verlust zu akzeptieren und den Schmerz der Trauer zuzulassen. Moderne Modelle wie das „Dual Process Model“ betonen zudem, dass Trauernde zwischen Schmerz und Alltagsbewältigung hin- und herpendeln.
Trauer kommt in Wellen. Das bedeutet, nicht jeder Tag ist gleich, und auf stabile Phasen können sehr schwere folgen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn ein Kunde an einem Tag ganz normal und unbeschwert erscheint und an einem anderen vielleicht tieftraurig und völlig überfordert wirkt.
Ein Verlust von etwas zutiefst Bedeutsamem trifft einen Menschen mit voller Wucht. Häufig ist die erste Reaktion ein Schockzustand. Ist der erste Schock überwunden, bleibt ein großes Nein, der Unglaube, dass etwas doch gar nicht sein kann oder darf. Die neue Realität ist noch nicht erfasst, der Verlust nicht akzeptiert. Es kommt zu einer Ablehnung und damit geht oft eine innerliche Rebellion einher. Frust, Wut, Unverständnis, Ärger, aber auch Traurigkeit bahnen sich ihren Weg. Emotionen brechen auf und sind teilweise kaum zu stoppen. Das alte Leben existiert so nicht mehr, aber ein neues auch noch nicht. Betroffene fühlen sich im Schwebezustand zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Akzeptanz und Integration
Trauer ist kein gleichbleibender Prozess, sondern im ständigen Wandel, ein Hin und Her zwischen unterschiedlichen Emotionen. Eine Form von Akzeptanz tritt ein, wenn ein innerlicher Kampf gegen den Verlust aufgegeben werden kann. Eine neue Realität zeichnet sich ab und wird vertrauter. Im besten Fall wird der Verlust irgendwann ins eigene Leben integriert, sodass dadurch ein neuer Lebenssinn entsteht.
Diese Transformationsprozesse können mehrere Jahre dauern und sind keinesfalls nur zeitlich vorwärtsgerichtet, sondern werden in vielen Trauermodellen als nichtlinear beschrieben, da einzelne Phasen übersprungen oder mehrfach durchlaufen werden können. Dadurch zeigt sich, mit welcher Zerrissenheit Trauernde ihrem eigenen Leben nach einem schweren, nahen Verlust begegnen. Trauerarbeit ist immer auch Identitätsarbeit und bedeutet, Aufgaben und innerliche Herausforderungen aktiv anzugehen. Dabei muss Trauer von außen betrachtet nicht klar sicht- oder erkennbar sein.
Warnsignale ernst nehmen
Trauer ist ein natürlicher Prozess. Dennoch: Wenn Beschwerden über Monate nicht abklingen, wenn jede Freude verschwindet oder wenn Hoffnungslosigkeit überhandnimmt, ist professionelle Unterstützung wichtig. Auch Suizidgedanken oder die dauerhafte Unfähigkeit, den Alltag zu bewältigen, sind klare Warnsignale. Dann sollten Betroffene sanft ermutigt werden, ärztliche oder psychologische Hilfe zu suchen. Spricht ein Kunde nicht von sich aus über seine Trauer, sollten Mitarbeitende Zurückhaltung wahren. Dann braucht es nur unmittelbare mitfühlende kleine Gesten, zum Beispiel das stille Reichen eines Taschentuchs, falls ein Kunde plötzlich in Tränen ausbricht. Es ist jedoch übergriffig, Gefühle anzusprechen, die nicht geäußert wurden. Dennoch kann der Drang verspürt werden, etwas zu tun beziehungsweise zu helfen – vielleicht, weil man das Gefühl hat, der Kunde leidet seelisch. Hilfreich ist dann eine vorbereitete Liste mit professionellen Unterstützungsangeboten, die kurzfristig erreichbar sind. Solch eine Liste kann man dem Kunden am Ende des Beratungsgesprächs geben.
Wie geht man am besten mit Trauernden um?
Diese fünf Punkte bieten eine Orientierung für den Umgang mit Trauernden in der Apotheke:
- zuhören, ohne zu analysieren: Ein kurzer, offener Satz wie „Das klingt gerade sehr schwer“. Mehr braucht es häufig für Trauernde nicht, um gesehen zu werden. Dabei ist es wichtig, keine Diagnosen zu stellen oder lange nachzufragen.
- mit kleinen Worten Nähe zeigen: Kurze Gesprächsimpulse wie „Es tut mir leid, dass Sie das erleben müssen“ signalisieren Mitgefühl, ohne das Gespräch zu vertiefen.
- eigene Grenzen wahren: Apotheken müssen keine psychologische Beratung leisten. Das kann durch abgrenzende Sätze kommuniziert werden, die trotzdem Unterstützung signalisieren: „Hier in der Apotheke kann ich Ihnen vor allem mit Ihren Medikamenten helfen.“
- praktische Unterstützung anbieten: Sanfte Hinweise können dabei helfen, den richtigen Ansprechpartner zu wählen: „Manchmal ist es gut, auch mit dem Hausarzt oder einer Beratungsstelle zu sprechen.“
- Floskeln vermeiden: Sätze wie „Das wird schon wieder“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“ sind gut gemeint, aber wenig hilfreich. Besser sind die bereits genannten ehrlichen, kurzen Anerkennungen.
Orientierung geben
Ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit, ein ehrliches Wort oder ein Hinweis auf weiterführende Hilfe – mehr braucht es oft nicht. Apotheken können so einen wichtigen Unterschied machen: Sie bieten nicht nur Medikamente, sondern auch einen kleinen Anker im Alltag von Menschen, die gerade Halt suchen. Für das Team bleibt die Situation handhabbar – empathisch, aber mit klaren Grenzen. •

