Aktuelles

In der Apotheke werden PTA mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert. Lesen Sie hier die tagesaktuellen News aus den Bereichen Pharmazie, Forschung, Ernährung, Gesundheit und vielem mehr. Bleiben Sie informiert, um Ihre Kunden stets kompetent zu beraten.

4 min merken gemerkt Artikel drucken

Warum sich die Feuerwehreinsätze 2026 häufen: Pikrinsäure in Apotheken

Feuerwehr, Polizei, Landeskriminalamt und sogar Kampfmittelräumdienste – gleich mehrfach sorgte Pikrinsäure in diesem Jahr für spektakuläre Einsätze. | Bild: U. J. Alexander

Gleich mehrfach sorgte Pikrinsäure in diesem Jahr für spektakuläre Einsätze. Seit April 2026 wurden deutschlandweit mehrere alte Bestände der Chemikalie entdeckt. Verletzt wurde zwar niemand, die Fälle zeigen jedoch: Auch heute lagern in manchen Apotheken noch Reagenzien, die bei falscher Lagerung zur Gefahr werden können.

Fünf Einsätze innerhalb weniger Monate

Den Anfang machte im April ein Fund am Hamburger Falkensteiner Ufer. Ein Spaziergänger entdeckte eine Flasche mit der Aufschrift „Pikrin“, die sich als Pikrinsäure herausstellte. Da die Substanz vermutlich auskristallisiert war, wurde sie von Spezialisten untersucht und anschließend kontrolliert gesprengt.

Im Juni löste ein Pikrinsäurefund in einer Apotheke im brandenburgischen Briesen einen Großeinsatz aus. Feuerwehr und Polizei rückten an, zeitweise wurde sogar über die Warn-App NINA informiert. Nach der Begutachtung stellte sich heraus, dass keine akute Gefahr bestand.

Im Juli folgten gleich zwei weitere Fälle: In Aschheim bei München ließ ein Apotheker einen alten Pikrinsäurebestand vorsorglich durch Spezialisten auf einem freien Feld kontrolliert sprengen. Ebenfalls im Juli wurden bei Aufräumarbeiten in einer ehemaligen Apotheke in Ettlingen alte Gefahrstoffe entdeckt. Feuerwehr und Landeskriminalamt sicherten und entsorgten die Chemikalien fachgerecht.

Erst Anfang August sorgte schließlich eine Flasche mit Pikrinsäure in einer Apotheke im rheinland-pfälzischen Rödersheim-Gronau für einen Großeinsatz. Straßen wurden gesperrt und Anwohner vorsorglich evakuiert. Nach der Begutachtung gab das Landeskriminalamt jedoch Entwarnung: Die Chemikalie war ordnungsgemäß gelagert und stellte keine akute Explosionsgefahr dar.

Warum ist Pikrinsäure überhaupt gefährlich?

Pikrinsäure (2,4,6-Trinitrophenol) wurde früher als Nachweis- und Identitätsreagenz eingesetzt, beispielsweise für Benzylpenicillin, Chloroquin oder Pethidin. Mittlerweile stehen alternative Identifizierungsverfahren zur Verfügung, sodass die Substanz heute praktisch nicht mehr benötigt wird. Trotzdem finden sich in älteren Apotheken vereinzelt noch Restbestände.

Die eigentliche Gefahr entsteht nicht durch die Pikrinsäure selbst, sondern durch ihre Lagerung:

  • Feucht gelagerte Pikrinsäure mit einem Wassergehalt von mindestens 30 Prozent gilt als ausreichend desensibilisiert und ist transportfähig.
  • Verdunstet das Wasser, bilden sich gelbliche Kristalle. Dann wird die Substanz hoch explosionsgefährlich.
  • Bereits Erschütterungen, Reibung oder das Öffnen des Schraubverschlusses können eine Explosion auslösen. 
  • Besonders kritisch sind Metallgefäße oder Metallverschlüsse. Hier können sich hochempfindliche Metallpikrate bilden.

Infokasten: Pikrinsäure auf einen Blick

  • Chemischer Name: 2,4,6-Trinitrophenol
  • Früheres Einsatzgebiet: Identitätsprüfungen im Apothekenlabor
  • Heute: weitgehend durch alternative Prüfverfahren ersetzt
  • Sicher bei Lagerung mit mindestens 30 % Wassergehalt
  • Gefährlich bei Austrocknung oder Kristallbildung
  • Niemals trockene oder unklare Bestände selbst öffnen oder transportieren

Woran erkennt man ein Risiko?

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn

  • gelbliche Kristalle am Flaschenhals oder Verschluss sichtbar sind,
  • die Flasche seit Jahrzehnten ungeöffnet gelagert wurde,
  • unklar ist, ob die Pikrinsäure noch ausreichend feucht ist,
  • sich die Chemikalie in einem Metallbehälter oder einem Behälter mit Metallverschluss befindet.

Trifft einer dieser Punkte zu, sollte das Gefäß weder geöffnet noch bewegt werden.

Was ist zu tun?

Die aktuellen Handlungsempfehlungen der Behörden (z. B. der Hessischen Landesregierung) sind eindeutig:

  • Behälter keinesfalls öffnen.
  • Das Gefäß nicht transportieren oder umstellen.
  • Den Lagerraum sichern und Unbefugte fernhalten.
  • Polizei beziehungsweise Feuerwehr oder – je nach Bundesland – das zuständige Landeskriminalamt informieren.
  • Die Desensibilisierung beziehungsweise Entsorgung ausschließlich Fachleuten überlassen.

Alte Laborbestände überprüfen

Die aktuellen Einsätze zeigen, dass Pikrinsäure keineswegs nur ein Thema aus alten Lehrbüchern ist. Gerade bei Apotheken mit langer Geschichte, bei Inhaberwechseln oder Laborauflösungen können alte Chemikalien wieder auftauchen. Deshalb lohnt sich ein Blick auf den Bestand im Apothekenlabor.

Wer noch Pikrinsäure vorfindet, sollte prüfen, ob sie überhaupt noch benötigt wird. Ist dies nicht der Fall, empfiehlt sich eine frühzeitige fachgerechte Entsorgung, solange die Chemikalie noch ausreichend feucht und damit sicher handhabbar ist. Ist der Zustand dagegen unklar oder sind bereits Kristalle sichtbar, gilt: Finger weg und Fachleute verständigen.

Sichere Lagerung von Pikrinsäure 

  • Empfohlene Lagerungstemperatur: 12–28 °C
  • Vor Sonnenbestrahlung und Hitze schützen.
  • Material jederzeit nass halten und nicht austrocknen lassen.
  • Alle sechs Monate überprüfen und nach Bedarf Wasser hinzufügen; Behälter alle drei Monate umdrehen, um das Wasser zu verteilen.
  • Behälter dicht geschlossen an einem gut gelüfteten Ort aufbewahren.
  • Pikrinsäure bildet hochempfindliche explosionsgefährliche Metallverbindungen, daher sind Metallbehälter ungeeignet.
  • Vorsichtig handhaben – Stoß, Reibung, Schlag vermeiden.
  • Deckel und Verschlüsse immer vor dem Verschließen von anhaftenden Produktresten reinigen.
  • Material, das älter als zwei Jahre ist, sollte beseitigt werden.