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Mit Kaugummi Grippeviren nachweisen?

Eine Frau schiebt sich einen Streifen Kaugummi in den Mund
Schmeckt das Kaugummi nach Thymian, hat sich der Kauende mit Influenzaviren angesteckt. | Bild: BillionPhotos.com / AdobeStock

Influenzaviren verursachen akute Atemwegserkrankungen, an denen jährlich rund eine halbe Million Menschen sterben. Eine Erkrankung äußert sich typischerweise durch einen schlagartigen Beginn – ohne Vorwarnung können bei gesunden Personen hohes Fieber, starkes Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen und Husten auftreten. 

Die Patienten hüten dann das Bett – Arbeiten oder ein Besuch der Schule ist meist nicht mehr möglich. Eine Weitergabe der Viren erfolgt zu diesem Zeitpunkt dann nur noch im häuslichen Umfeld. 

Das Tückische bei einer Infektion mit Influenzaviren ist jedoch, dass eine Ansteckung anderer Personen schon vor Symptombeginn möglich ist. 

Im Handel erhältliche Antigen-Selbsttests sind in dieser Hinsicht keine Hilfe, da sie den Erreger erst zu Beginn der Erkrankung nachweisen können. Vor dem Beginn der Symptome ist die Virusmenge im Nasen-Rachenraum noch zu gering, um ein positives Testergebnis anzeigen zu können. 

Abhilfe könnte hier eine neue Testmethode in Form eines Kaugummis schaffen. Pharmazeutische Technologen der Universität Würzburg arbeiten derzeit an einer Früherkennung von Grippeviren, die einen Nachweis schon vor dem Auftreten von Beschwerden möglich machen soll. 

Zudem ist die Methode äußerst anwenderfreundlich: Es muss kein Stäbchen in die Nase geschoben werden, zur Detektion wird der menschliche Geschmackssinn genutzt. 

Kaugummi-Test weist ein virales Enzym nach

Influenzaviren besitzen typischerweise ein Enzym, die sogenannte Neuraminidase, mit deren Hilfe sie die Zuckerverbindung N-Acetylneuraminsäure von bestimmten Proteinen abspalten können. 

Dieser Schritt ist für die Freisetzung neu gebildeter Influenzaviren aus der befallenen Wirtszelle von entscheidender Bedeutung. Die freigesetzten Viren können dann weitere Zellen im Körper infizieren und die Infektion breitet sich aus. 

Um die Anwesenheit dieser viralen Neuraminidase nachweisen zu können, entwickelten die Forscher um Prof. Lorenz Meinel eine Verbindung, in der die N-Acetylneuraminsäure an Thymol gebunden ist. Dieses sogenannte Sensormolekül gelangt dann mithilfe eines Kaugummis in den menschlichen Speichel. 

Zur Erinnerung: Neuraminidasehemmer bei Influenza

Zur Prävention und Therapie einer Infektion mit Influenzaviren werden sogenannte Neuraminidasehemmer eingesetzt. Diese antiviralen Wirkstoffe hemmen das Enzym Neuraminidase, damit wird die Freisetzung neuer Viren aus den befallenen menschlichen Zellen verhindert und die Vermehrung der Viren gestoppt. 

Bekannt sind vor allem die beiden Substanzen Oseltamivir (Tamiflu®) und Zanamivir (Relenza®). Um eine Wirkung zu erzielen, muss eine Therapie so früh wie möglich begonnen werden, idealerweise innerhalb der ersten 36 Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome.

Influenza: Thymiangeschmack bei positivem Testergebnis

Wird das Kaugummi nun von einer mit Influenzaviren infizierten Person gekaut, kann die Verbindung durch die virale Neuraminidase gespalten werden und es wird Thymol freigesetzt.

Chemisch gesehen handelt es sich beim Thymol um eine phenolische Verbindung, die als Pflanzeninhaltsstoff unter anderem in Thymian und Oregano vorkommt. Die Substanz schmeckt charakteristisch nach Thymian und kann auf der Zunge leicht wahrgenommen werden. Die Geschmacksschwelle dazu ist äußerst niedrig und liegt im ppb-Bereich. Diese Abkürzung steht für „parts per billion“ (Teile pro Milliarde) und entspricht einem Faktor 10-9

Bei Menschen, die nicht mit Influenzaviren infiziert sind, befindet sich im Speichel keine virale Neuraminidase und die im Kaugummi enthaltene Verbindung kann nicht gespalten werden. Es wird also kein Geschmacksstoff freigesetzt und das Kaugummi schmeckt nicht nach Thymian. 

Test auf Influenza: Ergebnis nach 30 Minuten

In infizierten Speichelproben wurde das Sensormolekül innerhalb von 30 Minuten gespalten und Thymol freigesetzt. Zukünftige Forschungen zielen darauf ab, diese Zeitspanne weiter zu verkürzen.

Dabei könnte Thymol auch durch andere Substanzen ersetzt werden, die eine noch geringere Geschmacksgrenze haben. Auch könnte ein Sensormolekül entwickelt werden, welches beim Spalten farbig wird und damit ein noch schnelleres Erkennen ermöglicht. 

Influenzatest: Kaugummi soll massentauglich werden

Die Würzburger Wissenschaftler haben ihre Erfindung bereits zum Patent angemeldet. Sie arbeiten nun daran, das Sensormolekül in verschiedene Kaugummis und Lutscher einzuarbeiten und einen solchen Test auf Influenzaviren massentauglich zu machen. Im Gespräch mit der Deutschen Apotheker Zeitung gibt Prof. Meinel an, dass der gesamte Entwicklungsprozess schätzungsweise noch rund vier Jahre dauern wird. 

Kommt ein Kaugummi zur Diagnose präsymptomatischer Grippeinfektionen auf den Markt, könnten zukünftige Influenzawellen effektiv ausgebremst und Risikopatienten durch Testen ihrer Kontaktpersonen geschützt werden. Zudem könnte eine mögliche Therapie mit Neuraminidasehemmern rechtzeitig begonnen werden. 

Grundsätzlich ist die neue Diagnosemöglichkeit auch variabel: Es können andere Geschmacksrichtungen wie beispielsweise süß oder salzig eingesetzt werden. Und möglicherweise können auch andere Krankheitserreger auf diese Weise detektiert werden. Quellen:
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2025/10/01/kaugummi-als-grippe-test-fuer-zuhause
https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acscentsci.5c01179?ref=pdf