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Bergungstod – späte Gefahr für Verunglückte

Für einen Bergungstod – also den Tod von verunglückten Bergsportlern, Schiffbrüchigen und anderen Katastrophenopfern bei ihrer eigentlichen Rettung – gibt es verschiedene Ursachen, die jedoch immer fatale Auswirkungen auf den Blutkreislauf haben. Oft spielt dabei Unterkühlung eine Rolle.
Für Berg-, Seenot- und Katastrophenretter ergeben sich daraus bestimmte Handlungsvorgaben.
Bergungstod bei Unterkühlung
Verliert ein Mensch – zum Beispiel nach einem Unfall im Hochgebirge oder in einer kalten Höhle – mehr Wärme an die Umgebung, als er durch die körpereigene Thermoregulation generieren kann, ziehen sich die Blutgefäße der Körperoberfläche zusammen und verringern deren Durchblutung.
Das warme Blut konzentriert sich auf die lebenswichtigen Organe, den sogenannten Körperkern; die Temperatur von Haut, Armen und Beinen – der sogenannten Körperschale – sinkt ab.
Wird der Patient jetzt aktiv erwärmt, weiten sich die Blutgefäße und das kalte Schalenblut fließt zurück zum Kern. Ist der Temperaturunterschied zwischen Kern und Schale zu groß, kommt es zum sogenannten Afterdrop, dem Nachkühlen des Körperkerns durch das zurückströmende kalte Blut um bis zu drei Grad.
Neben dem Afterdrop droht durch die Weitung der erwärmten Blutgefäße auch ein gefährlicher Blutdruckabfall.
In beiden Fällen kommt es zum sogenannten Rettungskollaps, also zu Herzrhythmusstörungen und im schlimmsten Fall dem Erliegen jeglicher Herz-Kreislauf-Tätigkeit. Aufgrund der Unterkühlung sind dann Wiederbelebungsmaßnahmen äußerst schwierig.
Wegen der Gefahren des aktiven Erwärmens sind bei Unterkühlungspatienten Rettungsdecken eine sinnvollere Wahl als beispielsweise Heizkissen und warme Getränke.
Gut zu wissen: Rettungskollaps auch beim Umlagern möglich
Der Rettungskollaps droht nicht nur bei aktiver Erwärmung des Geborgenen. Manchmal weiten sich die Blutgefäße schon, wenn die Person bei der Bergung viel bewegt oder auch nur umgelagert wird.
Bergungstod bei Verschütteten
Bei Verschütteten besteht zusätzlich zur Unterkühlung die Gefahr, dass nach dem Wegräumen von Trümmern gequetschte Gliedmaßen wieder durchblutet werden und somit Verletzungen erneut für einen hohen Blutverlust sorgen.
Noch größer ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass sich in den gequetschten Körperteilen Stoffwechselgifte ansammeln, die nach der Bergung auf einen Schlag in die Nieren fluten und zu einem Nierenversagen führen.
Bergung von Schiffbrüchigen: Verlagerung des Körpers problematisch
Bei Schiffbrüchigen lauert die Gefahr woanders: Sie treiben meist annähernd senkrecht im Wasser, wobei das Wasser Druck auf den Körper übt. Werden sie nun von einem Hubschrauber aus an einer Seilwinde aus dem Wasser gezogen, erweitern sich die Gefäße durch den verminderten Druck und das Blut sackt in die Beine, wodurch es zu einer Unterversorgung der lebenswichtigen Organe im Rumpf kommt.
Deshalb haben Rettungsboote idealerweise Türen am Rumpf, um eine möglichst schonende, waagerechte Bergung zu ermöglichen. Bei Hubschraubern werden Rettungstragen oder -körbe eingesetzt, um Schiffbrüchige in waagerechter Position zu halten.
Bergungstod am Berg und in Höhlen
Auch in der Berg- und Höhlenrettung kann es bei einem senkrechten Abtransport zu einem Rettungskollaps aufgrund der veränderten Kreislaufsituation kommen, der mitunter zum Bergungstod führt.
Bei einer hinzutretenden Unterkühlung ist die Gefahr am größten. Deshalb wird empfohlen, den Verunglückten liegend zu lagern und warm zu halten.
Selten, aber gefährlich ist das Hängetrauma: Verunglückt ein Kletterer, Gleitschirmflieger oder Höhenarbeiter und hängt daraufhin längere Zeit in aufrechter Position in seinem Gurtzeug, so versackt das Blut zunehmend in die herabhängenden Körperteile.
Dadurch tritt nach maximal 30 Minuten ein lebensbedrohlicher orthostatischer, also durch die aufrechte Körperhaltung ausgelöster Schock und eine anhaltende Sauerstoffminderversorgung des Gehirns ein.
Ist die Person bei der Bergung bewusstlos, so sollte sie ebenfalls in liegender Position geborgen werden. Ist sie bei Bewusstsein, wird empfohlen, sie selbst nach der bevorzugten Position zu fragen.
Bergungstod durch nachlassenden Stress
Bei allen Unglücks- und Katastrophenopfern besteht zudem die Gefahr, dass die adrenalinbasierte Stressreaktion des Körpers nach der Bergung aussetzt.
Diese kann jedoch lebenswichtig sein, denn nicht bewusstlose Unglücksopfer befinden sich in einer extremen Stresssituation, während der die Stresshormone Adrenalin und Cortisol die lebenswichtigen Organfunktionen wie den Blutkreislauf aufrechterhalten.
Nach der Rettung reduziert sich dieser Stressmechanismus, und einmal mehr droht durch die damit einhergehende Kreislaufveränderung – in diesem Fall das Zusammenbrechen des Blutkreislaufs – ein Rettungskollaps.
Bergrettung hautnah: Interview mit Toni Vogg
Im Mai 2026 lief in der ARD die Dokuserie „In höchster Not – Bergretter im Einsatz“, die echte Rettungsmomente der Bergwachten in Bayern begleitet hat. Die Serie ist noch in der ARD-Mediathek abrufbar.
Wir haben mit Toni Vogg, Bereitschaftsleiter bei der Bergwacht Grainau, über seine Erfahrungen im Einsatz gesprochen.

Als Bergwacht Grainau führt ihr Rettungseinsätze an Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze, durch. Musstest du persönlich schon einmal einen Bergungstod miterleben?
Persönlich hatte ich noch kein solches Erlebnis, durch unsere älteren Einsatzkräfte weiß ich aber von einem Einsatz am Jubiläumsgrat*, bei dem es fast zu einem Bergungstod gekommen wäre. Der Betroffene war schon so weit unterkühlt, dass er sich trotz Schneesturms und Minusgraden ausgezogen hatte.
Diese sogenannte Kälteidiotie ist ein Zeichen stärkster Unterkühlung und ein Zustand, in dem sich der Patient nicht mehr selbst helfen kann. Wenn er nun noch länger ausharren muss, wird der anschließende Transport gefährlich.
Das Phänomen ist also in der Bergwacht bekannt und wird in der medizinischen Grundausbildung unserer Einsatzkräfte umfangreich behandelt.
Hat man im Rettungsalltag Angst vor dem Phänomen?
Angst ist im Kontext von Bergwachteinsätzen der falsche Begriff. Ich würde eher von Respekt sprechen. Jeder Bergretter tut gut daran, bei Einsätzen im alpinen Bereich Respekt vor Naturgefahren, Herausforderungen oder auch medizinischen Komplikationen wie dem Bergungstod zu haben.
Verschiedene Richtlinien empfehlen eine möglichst waagerechte Bergung von Verunglückten, um einen Rettungskollaps und einen daraus resultierenden Bergungstod zu vermeiden. Lässt sich das beispielsweise bei der Hubschrauberrettung immer umsetzen?
Das Problem beim Bergungstod ist nicht zwangsläufig die Lagerung, sondern eher, wie viel man den Patienten bewegt. Dadurch kommt es zur Vermischung von kaltem Blut aus den Extremitäten (Arme/Beine) mit warmem Blut aus dem Körperstamm, welche zu Kreislaufproblemen bis hin zum Herzstillstand führen kann.
Hauptsächlich orientiert sich die Lagerung daher am Patientenwunsch (zum Beispiel aufgrund von Schmerzen durch Verletzungen) beziehungsweise an dessen Zustand. So winkelt man bei Bauchverletzungen meist die Beine an oder legt diese bei Kreislaufproblemen hoch (Schocklage).
Das versuchen wir auch bei schwierigen Transporten umzusetzen, ob bodengebunden in der Gebirgstrage oder per Hubschrauber im Luftrettungsbergesack. Dabei hilft uns eine sogenannte Vakuummatratze, die beim Absaugen an die gewünschte Lagerung anmodelliert werden kann.
Neben Unterkühlung und falscher Lagerung kann auch der nachlassende Stresslevel des Verunglückten bei der Bergung zum Zusammenbruch des Kreislaufs und so zum Bergungstod führen. Was lässt sich gegen diese spezielle Gefahr unternehmen?
Die psychische Betreuung des Patienten steht neben der Medizin und Rettungstechnik ganz vorne. Hier ist das Einfühlungsvermögen unserer Retter gefragt, um die Betroffenen in dieser Ausnahmesituation zu begleiten und ihnen Sicherheit zu vermitteln.
Genauso gehört dazu aber auch eine ehrliche Kommunikation in Hinblick auf Schmerzen, die Abtransportdauer oder Herausforderungen im weiteren Einsatzverlauf. Man sollte in jedem Fall ehrlich bleiben und kein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln.
Lieber Toni, wir danken dir für das Interview!
* hochalpiner Verbindungsgrat zwischen der Zugspitze und dem Garmisch-Partenkirchner Wahrzeichen, der pyramidenförmigen Alpspitze