Eine PTA als Lebensretter

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In den ersten Minuten eines lebensbedrohlichen Notfalls sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit alle 60 Sekunden um zehn Prozent. Achteinhalb Minuten dauert es in Deutschland durchschnittlich, bis ein Rettungswagen eintrifft. Schnellere zumindest allererste Hilfe verspricht das Konzept der First Responder. PTA Lisa Herbig ist neben ihrer Arbeit in der Apotheke im Landkreis Würzburg als First Responder tätig und musste schon mehrfach Menschen reanimieren.

Lisa Herbig ist 28 Jahre alt und arbeitet als PTA in einer Apotheke im Landkreis Würzburg. Neben ihrer Tätigkeit im HV ist sie quasi rund um die Uhr einsatzbereit, Leben zu retten. Mit der Freiwilligen Feuerwehr fährt sie sogenannte First-Responder-Einsätze. Das bedeutet, dass sie zu lebensbedrohlichen Notfällen in ihrer näheren Umgebung gerufen wird und dort professionelle Erste Hilfe leistet, bis Notarzt und Rettungswagen eintreffen.

PTAheute.de: Frau Herbig, Sie sind PTA und arbeiten nebenbei bei der Rettung. Können Sie uns erzählen, wie es zu diesem speziellen „Hobby“ gekommen ist?

Lisa Herbig: Vor acht Jahren habe ich meinen Ehemann kennengelernt. Als ich das erste Mal bei ihm zuhause war, sah ich, dass ein Feuerwehr-Pieper auf dem Esstisch liegt und fragte meinen Mann, was es damit auf sich hat. Er meinte damals nur „wenn das Teil losgeht, hast du zwei Möglichkeiten: mitkommen zur Feuerwehr oder zuhause warten, bis ich wieder da bin“. Die Neugierde hat damals gesiegt und ich bin mitgegangen und kurz darauf selbst bei der Feuerwehr eingetreten.

PTAheute.de: Wie viel Zeit nimmt das in Anspruch?

Lisa Herbig: Kommt drauf an. Da ich inzwischen die Mannschaft auch ausbilde, haben wir einmal im Monat eine Übung bzw. ein Treffen. Ansonsten bin ich 24 Stunden pro Tag an sieben Tagen in der Woche auf Abruf. Durchschnittlich haben wir bei uns im Landkreis Würzburg circa zwei Einsätze pro Woche. In unserem Landkreis ist das First-Responder-Netzwerk gut ausgebaut, sodass es viele Helfer gibt und fast immer jemand in unmittelbarer Rufweite des Einsatzortes ist.

PTAheute.de: Gutes Stichwort! Was bedeutet First Responder genau?

Lisa Herbig: First Responder können allererste Hilfe bei akuten Notfällen leisten. Wenn der Rettungswagen hier in der Gegend bereits im Einsatz oder auf dem Weg zur Klinik ist, benötigen die Retter noch oft mehr als zehn Minuten. Bei einem Notfall jedoch kommt es mitunter auf Sekunden an: In den ersten Minuten sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit alle 60 Sekunden um zehn Prozent. Freiwillige können das bestehende Rettungsnetz verfeinern und vor allem beschleunigen. Die Feuerwehr und andere Hilfsorganisationen haben mittlerweile vor allem in ländlichen Gegenden Stützpunkte für First Responder eingerichtet, in denen es eher länger dauert, bis ein Rettungswagen eintrifft. Die Ehrenamtlichen arbeiten dabei nicht zwangsweise in der Gesundheitsbranche wie ich. Die Helfer sollten allerdings vor ihrem ersten Einsatz gezielt Erstversorgungs-Kompetenzen erworben haben. Darum kümmern sich spezielle Trainingszentren für Erste Hilfe und Notfallmedizin oder wie in meinem Fall die Freiwillige Feuerwehr.

PTAheute.de: Können Sie sagen, welches Ihr schönstes und Ihr schlimmstes Erlebnis im Einsatz war?

Lisa Herbig: Schwierig zu sagen. Schöne Sachen gibt es meist nie, denn wenn man den Rettungsdienst ruft, braucht man generell Hilfe weil es einem schlecht geht. Das Schönste ist, wenn man die Leute mal wieder trifft und man ein Lob und ein Dankeschön für die Hilfe bekommt. Das Schlimmste für mich sind immer die Einsätze, bei denen ich mich um die Angehörigen kümmere und ich die Verzweiflung in ihren Augen sehe. Und leider kommt es auch vor, dass ich für einen Patienten trotz Reanimation nichts mehr für tun kann.

PTAheute.de: Inwiefern hilft es Ihnen bei der Arbeit im Rettungsdienst, dass Sie PTA sind?

Wenn wir am Einsatzort eintreffen, verschaffen wir uns erst einmal in Sekunden einen Überblick. Dazu gehört auch, dass wir fragen, was die Patienten für Medikamente einnehmen. Mir reicht da oft schon ein Blick auf den Medikationsplan und ich kann ganz gut abschätzen, welche Vorerkrankungen der Patient hat und was wir dementsprechend beachten müssen.

PTAheute.de: Welche Befugnisse haben Sie bei Ihren Einsätzen?

Lisa Herbig: Da ich nicht direkt beim Rettungsdienst fahre, sondern bei der Feuerwehr als First Responder, darf ich einen Defibrillator an den Patienten verwenden, Medikamente für den Arzt in Spritzen aufziehen und eine spezielle Intubation bei den Patienten durchführen.

PTAheute.de: Wir sind auf Sie gestoßen, als wir eigentlich auf der Suche nach PTA waren, die einen Defibrillator in der Apotheke haben und von ihren Erfahrungen damit berichten wollen. Wie oft haben Sie mit dem Thema Wiederbelebung zu tun? Und wie können Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen vielleicht die Angst davor nehmen?

Lisa Herbig: Mit dem Thema Wiederbelebung kam ich in den letzten acht Jahren meiner Zeit bei der Feuerwehr etwa zehn Mal in Kontakt. Da wir zweimal im Jahr Fortbildungen bei uns im Team haben, bei denen es auch immer um Reanimation geht, habe ich schon etwas Routine. Wobei es schon immer eine große Anspannung ist. Wichtig für meine Kolleginnen und Kollegen ist es, einfach zu helfen! Für eine Wiederbelebung gibt es drei einfache Regeln: prüfen, rufen und drücken. Bricht eine Person bewusstlos zusammen, prüft man erstens durch Schütteln an den Schultern, ob sie noch reagiert, und beobachtet, wie sie atmet. Als Zweites ruft man den Rettungsdienst über die Telefonnummer 112. Bis zum Eintreffen des Notarztes muss drittens sofort mit der Wiederbelebung begonnen werden. Natürlich ist ein regelmäßiger Besuch eines Erste-Hilfe-Kurses wichtig. Je öfter man das übt, desto leichter fällt es einem bei einem Notfall wieder ein. Die Defibrillatoren, die öffentlich aushängen, sind ganz einfach zu bedienen. Diese Geräte sagen wirklich jeden einzelnen Schritt den man zu machen hat. Wenn der Patient nicht defibrillationspflichtig ist, macht das Gerät auch nichts. Also kann man nichts falsch machen. Das einzige, was man falsch machen kann, ist es nichts zu tun.

Wenn in Deutschland der Rettungsdienst kommt, haben nicht einmal in einem von fünf Fällen Laien mit dem Reanimieren begonnen. Sie haben meist Angst, etwas falsch zu machen. Dabei ist der weitaus größere Fehler, gar nichts zu tun. Wenn ein Kreislaufstillstand am Arbeitsplatz beobachtet wird, hilft hierzulande immerhin in 34 Prozent der Fälle jemand. Zu Hause wird nur in 18 Prozent der Fälle eingegriffen, dabei ereignet sich der größte Teil der Herzstillstände dort.

Warum Defibrillation?

Hinter den meisten Notfällen mit Herz-Kreislauf-Stillstand steht bei Erwachsenen ein akutes Herzversagen, etwa bei einem Herzinfarkt. Bei einem solchen Herzversagen ist zumindest anfänglich häufig noch eine sehr leichte, nach außen allerdings nicht wahrnehmbare Herztätigkeit vorhanden, das Kammerflimmern. Beim Kammerflimmern ist die Reizleitung im Herz gestört, sodass sich der Herzmuskel sehr schnell und leicht zusammenzieht, ohne wirksam Blut zu pumpen – er fibrilliert. Durch die äußerliche Gabe eines starken Stromimpulses wird die gestörte Reizleitung für kurze Zeit elektrisch „ausgeschaltet“. Dadurch setzt in vielen Fällen der Herzschlag wieder koordiniert und rhythmisch ein. Gibt es in der Nähe eines Notfallgeschehens einen öffentlichen Defibrillator, so soll dieser sofort herbeigeschafft werden. Piktogramme auf dem Gerät sowie Sprachanweisungen führen den ungeschulten Ersthelfer durch den gesamten Vorgang. Fast jeder Erwachsene, der einen akuten, nicht durch einen Unfall bedingten Herzstillstand ohne neurologische Folgeschäden überlebt, verdankt dies einer rechtzeitigen Defibrillation! Die Wirksamkeit der Defibrillation ist stark zeitabhängig: Mit jeder Minute, die nach einem Herzstillstand verstreicht, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Wiederbelebung um etwa 8 %. Nach zehn Minuten tendiert die Überlebenswahrscheinlichkeit also gegen null.

Sobald der Defibrillator einsatzfähig und angeschaltet ist, werden die Elektroden des Defibrillators an der Brust des Notfallopfers angebracht (Sprachanweisung oder Piktogramme beachten). Während dies geschieht, wird die Wiederbelebung fortgeführt! Die Sprachanweisungen geben an, wenn das Gerät die Herzaktion analysiert. In dieser Zeit sollte niemand den Verunglückten berühren. Stellt das Gerät einen entsprechenden, durch Defibrillation zu behandelnden Herzrhythmus fest, so muss der Auslöseknopf für den Stromstoß gedrückt werden. Auch jetzt darf niemand den Verunglückten berühren. Danach wird die Wiederbelebung sofort wieder aufgenommen und zwei Minuten lang fortgesetzt, bevor das Gerät erneut den Herzrhythmus analysiert und eventuell einen erneuten Stromstoß „verlangt“. Findet das Gerät keine behandelbare Herzaktion, so wird die Wiederbelebung sofort wieder aufgenommen. Die geglückte Wiederbelebung erkennen Sie daran, dass die Atmung sowie andere Lebenszeichen wieder einsetzen. Die Hautfarbe des Wiederbelebten sollte sich normalisieren und die Pupillen klein bleiben.

PTAheute.de: In jeder Apotheke muss es einen Ersthelfer geben. Bei den übrigen Mitarbeitern wird dem Thema Erste Hilfe oft wenig Bedeutung beigemessen. Wie sehen Sie das? Sollte für Apothekenmitarbeiter ein regelmäßiger Auffrischungs-Kurs zur Pflicht werden?

Lisa Herbig: Ja, ich sehe da schon die Notwendigkeit einer Pflichtschulung. Wir versorgen Patienten in der Apotheke mit lebenswichtigen Medikamenten. Die Patienten sehen die Apotheke als einen Ort der Sicherheit. Ich hatte in der Stadt schon öfter den Fall, dass Patienten blutverschmiert in die Apotheke kamen und Hilfe brauchten. Dann nicht helfen zu können ist nicht gerade ein Aushängeschild für eine Apotheke.

PTAheute.de: Vielen Dank für das interessante Interview. Toll, dass es Menschen wie Sie gibt, die in Ihrer Freizeit anderen Menschen helfen.

Cornelia Neth
PTA, Chefredakteurin PTAheute.de, Leitung der Online-Redaktion
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