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ganz natürlich: Ingwer: Mehr als ein Gewürz

von Lea Schödel

In der botanischen Fachsprache trägt Ingwer den Namen Zingiber officinale und gehört zur Familie der Ingwergewächse – synonym bezeichnet als Zingiberaceae. Zu dieser Pflanzenfamilie zählen unter anderem auch Curcuma, Galgant oder Kardamom. Charakteristisch ist die Ausbildung eines unterirdisch wachsenden, fleischigen Wurzelstocks – des sogenannten Rhizoms. Beim Ingwer wird dieses als Zingiberis rhizoma bezeichnet und bildet den sowohl pharmazeutisch als auch kulinarisch genutzten Pflanzenteil.

Aus Asien in die ganze Welt

Seine ursprüngliche Heimat hat der Ingwer in Südostasien. Heute wird er in zahlreichen tropischen Regionen angebaut, darunter Indien, China, Indonesien und Teilen Lateinamerikas. Ingwer für pharmazeutische Zwecke wird vor allem aus China importiert. Zudem wird Ingwer seit 2017 auch in Deutschland versuchsweise kultiviert – unter anderem in Bamberg.

Für ein optimales Wachstum benötigt die Pflanze warme Temperaturen, halbschattige Standorte sowie einen nährstoffreichen, leicht feuchten Boden. Als ausdauernde Staude erreicht Ingwer Wuchshöhen von 50 bis über 150 Zentimetern. Die mehr als 20 Zentimeter langen, lineal-lanzettlichen Laubblätter bilden mit ihren röhrenförmigen Blattscheiden einen Scheinstängel. Oberirdisch erscheinen purpurfarbene oder gelbliche Blüten, die von Vögeln oder Fledermäusen bestäubt werden. Das Rhizom wächst horizontal verzweigt im Boden und dient als Überdauerungs- und Verbreitungsorgan. Im Inneren zeigt es ein hellgelbes, faseriges Fruchtfleisch.

Das Wichtigste in Kürze

  • Als pharmazeutische Droge des Ingwers (Zingiber officinale) wird der getrocknete Wurzelstock (Zingiberis rhizoma) der Pflanze verwendet.
  • Zu den Hauptbestandteilen des Ingwers zählen ätherisches Öl und nicht flüchtige Scharfstoffe, vor allem Gingerole, aus denen bei Lagerung Shogaole entstehen.
  • Ingwer hat eine gut belegte Wirkung zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit.
  • Traditionell wird Ingwer bei leichten krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden und Appetitlosigkeit sowie zur Linderung weiterer Symptome einer Reisekrankheit, leichter Gelenkschmerzen und von Erkältungssymptomen angewendet.

Ätherisches Öl und Scharfstoffe

Arzneilich verwendet werden die getrockneten, ganzen oder geschnittenen Wurzelstöcke des Ingwers. Diese müssen vollständig oder mindestens an den Flachseiten von Kork befreit sein. Charakteristisch sind ihr aromatischer Geruch und der würzig-brennende Geschmack. Beide Eigenschaften lassen sich auf die Inhaltsstoffe zurückzuführen. So enthält das Rhizom ätherisches Öl mit Bestandteilen wie Borneol, Cineol und vor allem Zingiberen, das maßgeblich zum typischen Duft des Ingwers beiträgt. Weitere Hauptinhaltsstoffe sind nicht flüchtige Scharfstoffe – insbesondere Gingerole. Bei Lagerung entstehen daraus die noch schärfer schmeckenden Shogaole. Ergänzend finden sich im Ingwer-Wurzelstock Vitamin C sowie einige Mineralstoffe, zum Beispiel Magnesium, Eisen, Calcium, Natrium, Phosphor und Kalium.

Vom Heilmittel über Jahrhunderte …

Die medizinische Nutzung des Ingwers reicht weit zurück. Bereits in der Antike wurde die Pflanze als Heilmittel geschätzt. In der ayurvedischen Medizin gilt sie seit mehr als 5.000 Jahren als Mittel zur Stärkung der Verdauung und bei Erkältungen. In Europa wird die Pflanze im Mittelalter bekannt, beispielsweise durch Hildegard von Bingen. In der Hildegard-Medizin wurde Ingwer vor allem bei Magenleiden, Koliken und zur Stärkung Kranker eingesetzt. Noch heute sind Ingwer-Lutschtabletten oder gepulverte Ingwerwurzel nach ihren überlieferten Rezepturen erhältlich.

Heilpflanze oder Arzneipflanze des Jahres?

Als Heilpflanze des Jahres wurde 2026 die Gemeine Nachtkerze ausgezeichnet. Ingwer trug diesen Titel bereits im Jahr 2018. Die Auszeichnung wird vom Verein NHV Theophrastus vergeben und würdigt vor allem die Heiltradition, die naturheilkundliche Praxis und die Bedeutung der Pflanze für die Gesundheitsbildung.

Die Arzneipflanze des Jahres wird hingegen vom Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg gewählt. Im Mittelpunkt stehen hier insbesondere pharmazeutische Aspekte wie Arzneimittelqualität, Evidenzbasis und Anerkennung durch die entsprechenden wissenschaftlichen Gremien wie das HMPC.

… zur evidenzbasierten Phytotherapie

Moderne Untersuchungen bestätigen viele der traditionellen Anwendungen. Studien zeigen, dass Ingwer Appetit, Speichelfluss und Magensaftsekretion anregen kann. Zudem wirken seine Inhaltsstoffe antagonistisch an Serotonin-Rezeptoren. Dadurch wird verhindert, dass Serotonin an diese Rezeptoren bindet und Übelkeit sowie Erbrechen auslöst. Das erklärt den prokinetischen und antiemetischen Effekt der Pflanze.

Darüber hinaus besitzt Ingwer antientzündliche Eigenschaften. Diese werden unter anderem auf eine Hemmung des Enzyms Cyclooxygenase zurückgeführt, das bei der Entstehung von Schmerzen und Entzündungsprozessen im Körper beteiligt ist.

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat im Mai 2025 die Monographie zu Ingwer überarbeitet und die Wirksamkeit erneut bestätigt. Diese Neubewertung war ein wesentlicher Grund für die Auszeichnung zur Arzneipflanze des Jahres.

Eine gut belegte Anwendung – bezeichnet als „well-established use“ – hat die Pflanze laut HMPC zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit.

Als traditionelles Arzneimittel – sogenannter „traditional use“ – wird Ingwer zur Behandlung leichter krampfartiger Magen-Darm-Beschwerden mit Blähungen sowie zur Linderung weiterer Symptome der Reisekrankheit wie Unwohlsein, Schwindel, Kopfschmerzen und Ermüdung eingesetzt. Neu hinzugekommen sind die Anwendungsgebiete vorübergehende Appetitlosigkeit, leichte Gelenkschmerzen und Erkältungssymptome (siehe Tabelle auf dieser Seite).
Dosierungsempfehlungen für die orale Einnahme gepulverter Ingwerwurzelstockdroge
(nach HMPC-Monographie )
Indikation (Einstufung nach HMPC)
Erwachsene
Jugendliche (13 bis 18 Jahre)
Kinder (6 bis 12 Jahre)
Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen durch Reisekrankheit (well-established use)
1 bis 2 g
(60 Minuten vor Reiseantritt)
Anwendung nicht empfohlen
Anwendung nicht empfohlen
Linderung der Symptome der Reisekrankheit
(traditional use)
0,5 bis 0,75 g
(30 Minuten vor Reiseantritt und danach alle 4 Stunden),
max. 2,5 g pro Tag
0,5 bis 0,75 g
(30 Minuten vor Reiseantritt und danach alle 4 Stunden),
max. 2,5 g pro Tag
0,25 bis 0,5 g
(30 Minuten vor Reiseantritt und danach alle 4 Stunden),
max. 1,5 g pro Tag
krampfartige Magen-Darm-Beschwerden und Blähungen
(traditional use)
3 x tgl. je 0,18 bis 1 g,
max. 2 Wochen
Anwendung nicht empfohlen
Anwendung nicht empfohlen
vorübergehende Appetitlosigkeit
(traditional use)
3 x tgl. je 0,25 bis 1 g,
max. 2 Wochen
Anwendung nicht empfohlen
Anwendung nicht empfohlen
Linderung leichter Gelenkschmerzen
(traditional use)
3 x tgl. je 0,25 bis 1 g,
max. 4 Wochen
Anwendung nicht empfohlen
Anwendung nicht empfohlen
Linderung von Erkältungssymptomen
(traditional use)
3 x tgl. je 0,25 bis 1 g,
max. 1 Woche
Anwendung nicht empfohlen
Anwendung nicht empfohlen

Wurzelstockpulver gegen Reiseübelkeit

Aufgrund seiner vielseitigen Einsatzmöglichkeiten ist Ingwer sowohl in Arzneimitteln als auch in zahlreichen Nahrungsergänzungsmitteln enthalten. Das Rhizom wird beispielsweise als Tee (z. B. Sidroga Ingwer Tee, Bombastus Ingwertee, H&S Bio Ingwer) oder als Tropfen (z. B. Ingwer Pure, Resana Ingwer Tropfen spezial) angeboten. Das Bitter Elixier kombiniert Ingwer mit Enzian, Kalmus, Schwarzem Pfeffer und Wermut zur Anregung der Verdauung.

In fester Form ist Ingwer als Pulver oder in Kapseln erhältlich. Zintona Kapseln enthalten 250 mg Ingwerwurzelstockpulver pro Hartkapsel und sind als Arzneimittel zur Vorbeugung der Symptome einer Reisekrankheit bei Kindern ab sechs Jahren und Erwachsenen zugelassen. Für eine optimale Wirkung werden eine halbe Stunde vor Reiseantritt zwei Kapseln eingenommen, anschließend alle vier Stunden zwei weitere, mit ausreichend Wasser.

Der Wirkstoffgehalt von Nahrungsergänzungsmitteln – insbesondere der Gingerolgehalt – kann stark variieren. Nach dem Europäischen Arzneibuch muss qualitativ hochwertiger Ingwer 1,5 bis 3 % ätherisches Öl und 1 bis 2 % nicht flüchtige Scharfstoffe enthalten.

Nicht für Kinder geeignet

Auch wenn pflanzliche Arzneimittel häufig als natürlich wahrgenommen werden, sind sie nicht automatisch frei von Nebenwirkungen. Ingwer gilt zwar als gut verträglich, dennoch sind Grenzen der Anwendung zu beachten. Bekannt sind vor allem leichte gastrointestinale Beschwerden wie Aufstoßen, Sodbrennen oder Übelkeit. In seltenen Fällen können Überempfindlichkeitsreaktionen der Haut oder Atemwege auftreten.

Nicht geeignet sind Ingwerpräparate für Kinder unter sechs Jahren, da für diese Altersgruppe keine ausreichenden Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit vorliegen. Zudem sollten Patienten, die an Gallensteinen leiden, vorsichtig sein, denn Ingwer wirkt leicht galletreibend, wodurch die Beschwerden verstärkt werden können.

Wie erkläre ich es meinen Kunden?

  • „Kapseln mit Ingwerpulver sind ein gutes pflanzliches Arzneimittel gegen Reiseübelkeit. Am besten nehmen Sie bereits eine halbe Stunde bevor es losgeht zwei Kapseln ein. Danach können Sie alle vier Stunden zwei weitere Kapseln mit ausreichend Wasser einnehmen.“
  • „Da Sie Medikamente einnehmen, die Ihre Blutgerinnung hemmen, empfehle ich Ihnen, vor der Anwendung der Ingwerkapseln Rücksprache mit Ihrem Arzt zu halten. Ingwer kann die Blutgerinnung beeinflussen und die Wirkung Ihrer Medikamente möglicherweise verstärken.“

In der Schwangerschaft kann Ingwer grundsätzlich angewendet werden. Hinweise auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko oder fetotoxische Wirkungen liegen nicht vor. Embryotox nennt Ingwer sogar als Mittel der Wahl gegen Schwangerschaftsübelkeit, bevor andere pharmakologische Therapien eingesetzt werden. Dennoch sollte vor der Einnahme eine ärztliche Rücksprache erfolgen. Zur Anwendung in der Stillzeit sind nur begrenzte Erfahrungswerte vorhanden, sodass auch hier eine ärztliche Beratung empfohlen wird.

Da Ingwer in höherer Dosierung die Blutgerinnung und möglicherweise den Blutzuckerspiegel beeinflussen kann, sollten Patienten mit Gerinnungsstörungen oder Diabetes mellitus ebenfalls vor der Einnahme ärztlichen Rat einholen. Andere Wechselwirkungen mit Medikamenten sind bisher nicht bekannt. •

Lea Schödel

Apothekerin

Meiningen

autor@ptaheute.de