Die Grippeimpfung 2017/18 schützte zu 15 Prozent – warum war das so?

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Dass die Grippeimpfung jedes Jahr aufs Neue mit einer mehr oder weniger guten Wirksamkeit kämpft, ist bekannt. In der letzten Influenzasaison 2017/18 wütete das Grippevirus besonders heftig – und die Impfeffektivität des Grippeimpfstoffes lag bei gerade einmal 15 Prozent. Ist das besonders schlecht oder „normal“ für eine Grippeimpfung? Und warum schützte die Influenzaimpfung nur zu 15 Prozent?

Die Grippeimpfstoffproduktion ist eine wahre Herausforderung. Jedes Jahr empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine neue Zusammensetzung des Impfstoffes – zwei Influenza-A-Komponenten und eine B-Komponente für den dreifachen Influenzaschutz und noch eine zusätzliche Influenza-B-Komponente für den Vierfach-Grippeimpfstoff. Wie gut die Grippeimpfstoffe dann zu den tatsächlich zirkulierenden Viren während der Grippezeit passen, lässt sich tatsächlich erst am Ende der Grippesaison sagen. Diese Aufgabe übernimmt das Robert-Koch-Institut, genauer gesagt die Grippeexperten dort von der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI). So auch in diesem Jahr – erst jüngst hat die AGI ihren Saisonbericht zur Grippe 2017/18 veröffentlicht und mit ihm auch die Daten zur Impfeffektivität der Influenzaimpfstoffe des vergangenen Winters.

Wie gut wirkte die Grippeimpfung 2017/18?

Die Impfeffektivität des letztjährigen saisonalen Influenzaimpfstoffes lag bei gerade einmal 15 Prozent: „Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die dominant zirkulierenden Influenza-B-Viren der Yamagata-Linie nicht im trivalenten Impfstoff für die Saison 2017/18 enthalten waren“, erklärt das RKI im Saisonbericht. Ausgewertet hat die AGI zusätzlich zur „Gesamt-Impfeffektivität“ sowohl die Impfeffektivität der Vakzine gegen Influenza A (H1/N1)pdm09 als auch gegen Influenza B Yamagata. Warum wählten die Grippeexperten ausgerechnet diese beiden Stämme, um die Wirksamkeit des Grippeimpfstoffes zu bestimmen? Diese beiden Stämme dominierten das Grippegeschehen in der vergangenen Saison. Influenza-B-Viren (Yamagata) zeichneten für die absolute Mehrheit der labordiagnostisch bestätigten Grippefälle verantwortlich, und zwar für 68 Prozent. Influenza-A-Viren des Subtyps H1/N1 machten 28 Prozent aller labordiagnostisch bestätigten Influenzafälle aus. Auf Influenza A H3/N2 entfielen gerade einmal 4 Prozent. Insgesamt liegen dem RKI derzeit 334.750 labordiagnostisch bestätigte Grippeinfektionen  und 1727 Todesfälle mit Influenza vor.

Grippeimpfstoffherstellung ist eine Herausforderung

Was macht es so schwierig, einen passenden Impfstoff zu entwickeln? Das Grippevirus ist extrem wandlungsfähig. Selbst nachdem die WHO ihre Impfstoffzusammensetzung für die nächste Grippesaison veröffentlicht hat, kann – bis diese dann etwa ein halbes Jahr später zum Einsatz kommt – dieser Impfstoff schon wieder weniger gut auf das Grippevirus passen. Die Dynamik der unterschiedlichen Subtypen lässt sich einfach nicht sicher vorhersagen. Ein besonders schwieriger Kandidat ist hier wohl das Influenza-B-Virus.

Schutz vor Influenza-B-Viren Yamagata lag bei 1 Prozent

Das deckt sich auch mit der Impfeffektivität des Influenzaimpfstoffes 2017/18 gegen Influenza B Yamagata. Für sich allein betrachtet, lag diese bei 1 Prozent, das heißt: Der Grippeimpfstoff schützte zu 1 Prozent vor Yamagata. Verschärft hat die Situation sicherlich, dass nur der vierfache Grippeimpfstoff überhaupt die Impfkomponente gegen Yamagata (B/Phuket/3073/2013-ähnliches Virus, Yamagata-Linie) enthielt. So zeigten auch Labor-Untersuchungen des RKI, dass der Vierfach-Impfstoff mit Yamagata reagierte. Das RKI schreibt zur Yamagata-Linie: „Diese Viren reagierten sehr gut mit dem Immunserum gegen den im quadrivalenten Impfstoff (QIV) enthaltenen Impfstamm B/Phuket/3073/2013“.

Kreuzreaktivität zu anderen Influenza-B-Viren wurde überschätzt

Dass die Impfeffektivität gegen Yamagata letztlich nur bei 1 Prozent liegt, hat wohl auch das RKI überrascht. Denn im Februar 2018 hoffte das Institut noch auf eine gewisse Kreuzreaktivität der B-Viren der Victoria-Linie, die im dreifachen Impfstoff enthalten waren. Schätzungen des RKI zur Impfeffektivität gegen Yamagata lagen damals bei 39 Prozent. Von einer Kreuzreaktivität spricht man in der Immunologie, wenn ein Antikörper gegen verschiedene Antigene wirkt, vereinfacht gesagt: Erhält ein Patient die dreifache Grippeimpfung und bildet Antikörper gegen Influenza B Victoria, liegt dann eine Kreuzreaktivität vor, wenn diese Antikörper auch auf Influenza B Yamagata passen. Diese Kreuzimmunität von B-Victoria wurde allerdings offenbar überschätzt.

Auch sprach das RKI davon, dass treue Grippeimpfstoff-Empfänger unter Umständen auch einen gewissen Schutz vor Yamagata hätten, da die Impfkomponente in früheren Dreifach-Impfstoffen enthalten war. Inwiefern sich dies bewahrheitet hat, lässt sich wahrscheinlich nicht exakt sagen.

Influenza B Yamagata mutierte während der Grippesaison 2017/18

Auch hat sich laut RKI das Influenza-B-Yamagata-Virus während der Saison weiterentwickelt, es ist mutiert, was sich in einer verminderten Reaktivität der Viren gegenüber dem Immunserum (Aufreinigung spezieller Antikörper gegen Influenza B Yamagata) zeigte. Allerdings scheinen die Mutationen in dem bekannten Oberflächenprotein Hämagglutinin nicht im Bereich der antigenen Bindungsstelle zu liegen (sprich, wo die vom Körper produzierten Antikörper das Grippevirus binden), so dass diese „Veränderungen unkritisch“ seien, so das RKI. Die Konsequenz: Auch in der kommenden Saison wird diese Impfkomponente im vierfachen Grippeimpfstoff enthalten sein.

STIKO empfiehlt Vierfach-Grippeimpfung ab 2018/19

Dass die Impfeffektivität gegen Influenza-B-Viren des Subtyps Yamagata nur bei 1 Prozent lag und der Impfschutz gegen Yamagata nur in der vierfachen Grippeimpfung enthalten war, hat die STIKO wohl zum Nachdenken bewegt. Bis zur letztjährigen Grippesaison sprach sich die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI nicht explizit für eine Vierfach-Grippeimpfung aus. So erhielten auch die meisten Patienten vornehmlich nur den dreifachen Grippeschutz. Das ändert sich mit der Influenzasaison 2018/19. Die STIKO empfiehlt ausdrücklich den tetravalenten Grippeimpfstoff. Diese Empfehlung hat der G-BA bereits in der Schutzimpfungs-Richtlinie verankert, so dass in der bevorstehenden Grippesaison alle Patienten, für die die Grippeimpfung empfohlen wird, mit dem vierfachen Impfstoff geschützt werden.

Schutz vor Influenza A(H1/N1) lag bei 48 Prozent

Aber es gibt auch sehr positive Nachrichten zum Influenza-Impfstoff aus dem letzten Jahr. Denn: Die Impfkomponente für A(H1/N1) passte gut und der Impfschutz lag bei 48 Prozent. Aus diesem Grund hält die WHO auch an dieser Komponente fest – sie wird auch in der Influenzasaison 2018/19 vor (H1/N1)pdm09 schützen. Zur Erinnerung: Influenza-A-Viren des Subtyps (H1/N1)pdm09 machten 28 Prozent aller labordiagnostisch bestätigten Influenzafälle 2017/18 aus.

Wirkte die Grippeimpfung schlechter als sonst?

15 Prozent Impfeffektivität beim Grippeschutz – das klingt nicht überzeugend. Vor allem vor dem Hintergrund, dass andere Schutzimpfungen einen deutlich besseren Impfschutz bieten. So liegt laut RKI nach einer zweimaligen Impfung gegen Masern (Lebendimpfstoff), der Impfschutz bei 99 Prozent. Auch nach einer zweimaligen FSME-Impfung spricht das RKI von einem 98-prozentigem Schutz. Allerdings ist Influenza hier ein Sonderfall, besonders trickreich macht die Herstellung von passenden Impfstoffen die hohe Variabilität des Grippevirus. Interessant also, will man die Impfeffektivität vergleichen, sind Zahlen hierzu aus den vergangenen Grippesaisons. Und 15 Prozent, wie im Grippewinter 2017/18, ist kein absoluter Ausreißer. So lag die Impfeffektivität in der Grippesaison 2014/15 bei 27 Prozent, ein Jahr später 2015/16 bei gerade einmal 15 Prozent. Auch in der darauffolgenden Influenzasaison 2016/17 erreichte die Grippeimpfung eine Wirksamkeit von 21 Prozent und in der letzten Saison 2017/18 lag sie wieder bei 15 Prozent. Wie sich die Impfeffektivität mit der standardmäßigen Vierfach-Impfung ändert, wird sich am Ende der nächsten Grippesaison 2018/19 zeigen.