Engpässe bei Grippeimpfstoffen bitte melden!

Werden die Grippeimpfstoffe 2020/21 knapp oder sind sie es schon? Noch sieht das PEI keinen Grund zur Sorge.
Foto: Celine Müller

Gesundheitsminister Spahn lässt sich medienwirksam gegen Grippe impfen und ruft die gesamte Bevölkerung zur Influenzaimpfung auf. Die Apothekerkammer Schleswig-Holstein und der Hausärzteverband befürchten dadurch Engpässe und das PEI bittet, Lieferengpässe bei Grippeimpfstoffen zu melden.

Sollte ein Grippeimpfstoff nicht lieferbar sein, bittet das Paul-Ehrlich-Institut Apotheker, Ärzte und Patienten, diesen Engpass zu melden. Dies erfolgt über die Seite des PEI unter Verbrauchermeldungen zu nicht gelisteten Impfstoff-Lieferengpässen. Diese Meldungen wolle man als Grundlage nutzen, die regionale Versorgungslage zu bewerten und Maßnahmen zur Abhilfe anzuregen. Bislang gibt es keinen offiziellen Mangel an Grippeimpfstoffen.

Bezug von Influenzavakzinen teilweise problematisch

Ungeachtet dessen liegen unseren Kollegen von DAZ.online Meldungen aus Apotheken vor, dass sich der Bezug von Influenzavakzinen problematisch gestaltet. Und auch die Apothekerkammer Schleswig-Holstein erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa), dass der Großteil der 630 dort ansässigen Apotheken keinen Impfstoff mehr hat und dass sich Tausende Schleswig-Holsteiner nicht vor Grippe schützen könnten. Vor allem Privatversicherte hätten das Nachsehen – sie werden nicht über den GKV-Sprechstundenbedarf versorgt –, Einzelpackungen mit Influenzavakzinen gebe es nicht. Der Geschäftsführer der Apothekerkammer Frank Jaschkowski spricht von „großem Unmut“, auch wenn noch eine zweite Tranche an Impfstoffen erwartet wird, geht Jaschkowski davon aus, dass die Impfdosen „bei weitem“ nicht reichen werden.

Fehler liegt bei Spahn

„Der Hauptfehler besteht darin, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und einzelne Ärzteverbände im Blick auf Corona dazu aufgefordert haben, auch Menschen zu impfen, die keinen Schutz brauchen“, sagte Jaschkowski. Aus diesem Grund gebe es nun nicht ausreichend Impfdosen. In der Tat hatte Johannes Hübner, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädriatische Infektiologie (DGPI) im August geraten, dass Eltern ihre Kinder gegen Grippe impfen lassen sollten. Spahn stieß ins gleiche Horn. Man habe zusätzlichen Grippeimpfstoff besorgt, da das Gesundheitssystem eine gleichzeitige größere Grippewelle und Corona-Pandemie nur schwer verkraften könne: „Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun“, erklärte Spahn.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) fühlte sich sodann erst jüngst bemüßigt, ihre geltende Impfempfehlung zum Grippeschutz offiziell zu bestätigen und trotz grassierender COVID-19-Pandemie keine Empfehlung zum Grippeschutz für alle Menschen in der Bevölkerung auszusprechen. Den besten Effekt erzielt man laut STIKO durch Erhöhung der Impfquote bei Risikopatienten. Eine Impfempfehlung für die gesamte Bevölkerung hält die STIKO für „kontraproduktiv“.

Erhöhte Bestellmenge reicht nicht für alle Risikopatienten

Den Eindruck der knappen Impfstoffe und der Impfung von Nicht-Risikogruppen haben nicht nur Apotheken. Auch der Hausärzteverband sieht aktuell eine Grippeimpfstoffknappheit und denkt, dass sicher auch schon Patienten geimpft worden seien, die nicht zu Risikogruppen gehörten, da diese Spahns Empfehlung folgten. So äußerte sich der Hausärzte-Vorsitzende Thomas Maurer. Ihm zufolge ist die erste Impfstoff-Lieferung mit 700 Dosen in seiner Praxis bereits aufgebraucht, 1.200 hatte er bestellt. Ob die restlichen 500 Impfdosen reichen, die Patienten mit Indikation zur Grippeimpfung zu versorgen, sei offen, zitiert die dpa. Und: Die Nachfrage habe in dieser Saison deutlich zeitiger eingesetzt als die Jahre zuvor.

Die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) hat Aussagen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Verfügbarkeit von Grippeimpfstoff widersprochen. Er könne Spahns Aussage, es bestünden keine Engpässe bei Grippeimpfstoffen, nicht so stehen lassen, sagte BLÄK-Präsident Gerald Quitterer gegenüber der dpa. Fakt sei, dass in Bayern viele Praxen noch nicht einmal die vorbestellten Impfstoffe komplett erhalten hätten. Nachbestellungen seien zwar möglich, jedoch zeitlich nicht absehbar. „Ob in Zukunft fristgerecht geliefert werden wird, ist eine Hypothek auf die Zukunft“, sagte Quitterer.

Die Nachfrage bei Grippeimpfungen sei in diesem Jahr auch in Bayern sehr hoch. Daher seien in einigen Hausarztpraxen die ersten Impfdosen bereits verimpft. Quitterer appellierte an die Politik, sie solle „nicht nur die Bevölkerung zum Impfen aufrufen, sondern auch sicherstellen, dass die impfwilligen Patientinnen und Patienten, vor allem die Risikopatienten und chronisch Kranken, diese Impfung auch erhalten können“.

20 Prozent mehr Impfdosen als im vergangenen Jahr

Die Kassenärztliche Vereinigung (KVSH) hingegen kann derzeit keinen Impfstoffmangel ausmachen. Dennoch sei Spahns Aufruf wenig hilfreich gewesen, sagte Sprecher Nikolaus Schmidt der dpa. Richtschnur sollten weiter die Empfehlungen der Impfkommission sein. Doch gibt sich die KV Schleswig-Holstein der dpa gegenüber zuversichtlich: Die nächste Charge werde jetzt an die Großhändler geliefert und von dort an die Praxen weitergeleitet, sagte Sprecher Nikolaus Schmidt. Bis Ende des Jahres werde alles ausgeliefert sein, was bestellt wurde, insgesamt also 20 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Die Anzahl der erwarteten Impfstoffdosen für die Grippesaison 2020/21 ergibt sich aus der auf einer 2020 erstmals erhobenen Bedarfsermittlung basierenden Lieferplanung der Impfstoffhersteller und den Angaben des Bundesgesundheitsministeriums über zusätzlich bestellte Influenza-Impfstoffdosen.

Allerdings feit dies nicht vor einem Engpass: Selbst wenn mit der Reserve des Bundes insgesamt 25 bis 26 Millionen Impfstoffdosen verfügbar sein werden, reichen diese nicht einmal, um die von der STIKO umrissenen Risikogruppen zu immunisieren, da hierfür etwa 40 Millionen Impfdosen benötigt würden.

Übrige Grippeimpfstoffe in den letzten Jahren

Auch das PEI will die Pferde noch nicht scheu machen: „Ein lokal beobachteter Engpass bei Grippeimpfstoffen ist nicht unmittelbar mit einem Versorgungsengpass gleichzusetzen.“ Aufgrund der erhöhten Nachfrage zu Beginn der Impfsaison könne eine räumliche Ungleichverteilung der Grippeimpfstoffe gegebenenfalls zu zeitlich begrenzten lokalen oder regionalen Engpässen führen.

Berücksichtigt man das Grippeimpfverhalten der Bürger in den letzten Jahren und die in diesem Jahr erhöhte Anzahl von Grippeimpfstoffdosen, ist aus derzeitiger Sicht des PEI damit zu rechnen, „dass die Grippeimpfstoffe für die Saison 2020/21 ausreichen werden“. So hätten die letzten Jahre auch gezeigt, dass die jeweils verfügbaren Impfstoffgesamtmengen nicht vollständig in der entsprechenden Saison verbraucht wurden. Allerdings mussten in der Saison 2018/19 auch Grippeimpfstoffe bereits im November importiert werden.

Bei Mangel: Import nach § 79 AMG Abs. 5

Sollte dennoch im Verlauf der Impfsaison ein Mangel auftreten, so kann vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) ein Versorgungsmangel nach § 79 Abs. 5 Arzneimittelgesetz erklärt werden. Damit werden Importe von Impfstoffdosen aus dem Ausland erleichtert. Auf diese Möglichkeit griff Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schon öfter zurück, auch wurde dadurch der Import von Pneumokokken-Vakzinen im März dieses Jahres möglich und auch Grippeimpfstoffe wurden 2018/19 nach Bekanntgabe eines Versorgungsmangels importiert.