Tagesthemen warnen vor Ciprofloxacin

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Wie oft legen Patienten in der Apotheke ein Rezept über Cipropfloxacin oder Levofloxacin vor? Eine Rarität sind diese Antibiotika nicht gerade im Apothekenalltag – zumindest stutzen weder Apotheker noch PTA bei Verordnungen über Fluorchinolone. Doch vielleicht sollten Pharmazeuten wieder häufiger die Stirn runzeln und kritisch nachhaken beim Arzt. Denn laut einem Beitrag der Tagesthemen setzen Ärzte Fluorchinolone viel zu inflationär ein. Was ist so gefährlich bei Cipro-, Levo- und Moxifloxacin?

Keine Milchprodukte zu Ciprofloxacin, die Sonne meiden und bei einem Ziehen in der Achillessehne sofort dem Arzt Bescheid geben: Das sind wohl die Beratungs-Basics zu Antibiotika vom Typ der Fluorchinolone oder Gyrasehemmer. Neben Ciprofloxacin zählen auch Levofloxacin, Norfloxacin, Moxifloxacin und Ofloxacin zu diesen Antiinfektiva. Sie werden häufig bei Nasennebenhöhlenentzündung, Bronchitis und Harnwegsinfekten eingesetzt. Und – so in einem Beitrag der Tagesthemen vom 1. November – häufig wohl auch zu unüberlegt. Denn Fluorchinolone haben schwerwiegende Nebenwirkungen. Unter denen Patienten unter Umständen wohl dauerhaft leiden könnten.

Tagesthemen:
„Umstrittenes Antibiotikum: Ciprofloxacin – eine unterschätzte Gefahr“

In dem Beitrag der Tagesthemen schildert eine 35-jährige Patientin ihre persönliche Ciprofloxacin-Geschichte: Sie erhielt das Antibiotikum zunächst gegen eine Harnwegsinfektion, dann gegen eine Sinusitis. Seither sei sie krank, sie leide seit anderthalb Jahren an „Erschöpfung, Schwindel, Schmerz“, sei arbeitsunfähig und habe mehrere Klinikaufenthalte hinter sich. Auch ein Arzt und das pharmakritische Arzneitelegramm kommen zu Wort und warnen in dem dreiminütigen Beitrag vor Fluorchinolonen. Doch während sich der Arzt verwundert, ob des Nebenwirkungsspektrums von Ciprofloxacin gibt, wundert sich das Arzneitelegramm eher darüber, dass die gefährlichen Wirkungen einer Therapie mit diesen Antibiotika bei den Ärzten wohl immer noch nicht hinreichend angekommen sei – man warne seit 30 Jahren vor Fluorchinolonen.

Kein Einzelfall

Ciprofloxacin als Auslöser für chronische Schmerzen, Schwindel, Erschöpfung – ist der geschilderte Fall eine Ausnahme? Offenbar nicht. Die Fachinformation zu Ciprofloxacin warnt vor unerwünschten Arzneimittelwirkungen, wie sie die Patientin schildert: „Die Behandlung mit Ciprofloxacin sollte bei Patienten, die Neuropathiesymptome entwickeln, einschließlich Schmerz, Brennen, Kribbeln, Benommenheit und/oder Schwäche, abgebrochen werden, um der Entwicklung einer irreversiblen Schädigung vorzubeugen“, heißt es dort. Und auch die Überwachungsbehörden sowohl in den USA als auch in Europa haben die Antibiotika vom Fluorchinolon-Typ im Visier, insbesondere die „irreversible Schädigung“ ist derzeit im Fokus der Überwachungsbehörden.

In den USA: Fluorchinolone nur Reserve

Der Einsatz der Fluorchinolone in den Vereinigten Staaten ist bereits stark eingeschränkt beziehungsweise sollte es sein. Denn die FDA mahnt die Ärzte zu einem restriktiven Verordnungsverhalten bei Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin und Ofloxacin: Bei banalen Infektionen wie einer Sinusitis, einer akuten Verschlimmerung einer chronischen Bronchitis und unkomplizierten Harnwegsinfektionen ist eine Therapie mit Fluorchinolonen nicht vertretbar, wenn es wirksame Alternativen gibt.

Und auch in Europa schaut die EMA genauer hin: Seit Februar dieses Jahres läuft ein Risikobewertungsverfahren, das insbesondere die Persistenz, also das dauerhafte Bleiben von Nebenwirkungen, bei Ciprofloxacin und anderen Fluorchinolonen prüft. Ergebnisse liegen noch nicht vor, doch gibt es auch hierzulande bereits Einschränkungen für diese Antibiotika: nur für ernste, lebensbedrohliche bakterielle Infektionen.

Welche Nebenwirkurgen sind so schwerwiegend bei Fluorchinolonen?

Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone sind tatsächlich nicht unkritisch. Nebenwirkungen wie Sehnenrupturen der Achillessehne oder QT-Zeit-Verlängerungen am Herzen sind seit langem bekannt. Risse der Achillessehne treten insbesondere bei einer gleichzeitigen systemischen Therapie mit Corticoiden auf. QT-Zeit-Verlängerungen am Herzen können zu Herzrhythmusstörungen führen, was vor allem dann gefährlich wird, wenn der Patient gleichzeitig weitere Arzneimittel einnimmt, die die QT-Zeit verlängern – wie Neuroleptika (zum Beispiel Risperidon, Melperon), Antidepressiva (zum Beispiel Citalopram, Fluoxetin), Antiasthmatika wie Salbutamol oder Antiarrhythmika wie Amiodaron.
Fluorchinolone haben auch ein neurotoxische Potenzial: Im Zentralnervensystem (ZNS) kann sich dies durch Krampfanfälle oder psychotische Reaktionen äußern; für das periphere Nervensystem sind Neuropathien beschrieben.

Nicht in der Überprüfung: Ciprofloxacin und Ofloxacin in
Augentropfen oder Augensalben und Ohrentropfen

Das Risikobewertungsverfahren umfasst systemisch und inhalativ zu applizierende Fluorchinolone. In Deutschland sind derzeit Ciprofloxacin, Enoxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin für eine systemische Antibiose zugelassen, wobei ENoxacin nicht im Handel ist. Auch ein inhalatives Fluorchinolon ist seit 2016 zugelassen: Levofloxacin als Inhalationslösung bekommen Patienten mit Cystischer Fibrose zur Behandlung chronischer Pseudomonas-Infektionen bei Mukoviszidose. Nicht im Überprüfungsfokus sind lokal anzuwendende Fluorchinolonpräparate wie Ciprofloxacin in Ohrentropfen (zum Beispiel Cilodex, Panotile Cipro) oder Augentropfen (Ciloxan) oder Ofloxacin (Floxal und Generika) in Augentropfen beziehungsweise Augensalben.