Was ist eigentlich die Bohnenkrankheit?

In vielen südlichen Ländern ist die Saubohne Haupteiweißquelle.
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In manchen südlichen Ländern decken die Menschen einen Großteil ihres Eiweißbedarfs mit den Samen von Vicia faba – der Saubohne (Dicke Bohne). Wer allerdings unter der sogenannten Bohnenkrankheit leidet, muss sich bei diesem Nahrungsmittel sowie bestimmten Medikamenten zurückhalten. 

Dicke Bohne im Blickpunkt

Die Dicke Bohne ist auch unter den Namen Saubohne, Ackerbohne, Puffbohne oder Favabohne bekannt. Sie gehört zwar wie die Gartenbohne (Phaseolus vulgaris) zur Familie der Schmetterlingsblütler (Fabaceae), ist jedoch mit den Wicken verwandt. Ihre rundlich-ovalen, abgeplatteten Samen können die Größe von 50-Cent-Münzen erreichen. Sie werden als Gemüse, in Suppen, Eintopfgerichten oder als Püree gegessen. In vielen Ländern rund ums Mittelmeer, in Afrika und Asien stellen Dicke Bohnen ein wichtiges traditionelles Nahrungsmittel dar.

Enzymmangel bedingt schwere Anämie

Zahlreiche Menschen müssen die nährstoffhaltigen Favabohnen jedoch meiden. Sie leiden am Favismus, auch Bohnenkrankheit genannt. Das Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch einen Zerfall roter Blutkörperchen (Hämolyse). In schweren Fällen kann daraus eine lebensbedrohliche Anämie resultieren. Dem Favismus liegt eine der häufigsten genetischen Störungen zugrunde – der Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel (G6PD-Mangel). In Ländern des Mittelmeerraums, Afrikas und Asiens sind 3 bis 35 Prozent der Bewohner von diesem Enzymmangel betroffen. In Deutschland liegt die Häufigkeit dagegen weit unter 1 Prozent. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit immerhin 400 Millionen Menschen einen G6PD-Mangel aufweisen.

Symptome nur durch äußere Auslöser

Eine Hämolyse entwickeln die Betroffenen meist nur dann, wenn sie Substanzen zu sich nehmen, die über ein hohes Maß an freien Radikalen verfügen. Denn aufgrund des G6PD-Mangels steht dann nicht genug Glutathion zur Verfügung, welches als Antioxidans die roten Blutkörperchen vor dem oxidativen Stress schützt. Die Erythrozyten werden deshalb zerstört. Ein klassischer Auslöser sind Dicke Bohnen. Sie enthalten die Favismus-Substanzen Vicin und Convicin. Nach dem Verzehr kann es innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen zu einer lebensbedrohlichen Anämie – einer sogenannten hämolytischen Krise – kommen. Erkennbar wird die hämolytische Krise unter anderem durch körperliche Schwäche, Gelbfärbung von Haut und Augen sowie Dunkelfärbung des Urins.

Bestimmte Lebensmittel und Medikamente meiden

Auch Erbsen und Johannisbeeren zählen zu Favismus-Auslösern, da sie Wasserstoffperoxid-bildende Inhaltsstoffe haben. Außerdem können bei G6PD-Mangel einige Medikamente Favismus auslösen. Dazu gehören vor allem Acetylsalicylsäure, Metamizol und Sulfonamide. Zu meiden sind darüber hinaus das Antirheumatikum Dapson, das Antibiotikum Nitrofurantoin, das Analgetikum Phenazon sowie das Malariamittel Primaquin. Kritisch können auch beispielsweise Diclofenac, Doxorubicin, Fentanyl und Levofloxacin sein.

Frauen im Vorteil

Bei vielen Menschen mit G6PD-Mangel ist die Restaktivität der Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase hoch genug, sodass die antioxidative Schutzfunktion in den Erythrozyten ausreicht und sich nach dem Bohnenverzehr keine Symptome zeigen. Das trifft vor allem auf Frauen zu, denn der G6PD-Mangel wird X-chromosomal vererbt. Da Frauen zwei X-Chromosomen besitzen, gleicht das zweite in der Regel den Mangel aus. Warum der Gendefekt gerade in südlichen Ländern so verbreitet ist, lässt sich evolutionsbiologisch erklären: Betroffene sind etwas weniger empfindlich gegenüber den dort häufig vorkommenden Malaria-Infektionen.

Favismus in Kürze

  • Favismus (Bohnenkrankheit) beruht auf genetisch bedingtem Mangel am Enzym Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase (G6PD-Mangel).
  • Als Folge des G6PD-Mangels ist die antioxidative Schutzfunktion in den Erythrozyten gestört, was unter bestimmten Umständen zu Hämolyse und schwerer Anämie führt.
  • Klassischer Favismus-Auslöser ist Vicia faba (Dicke Bohne). Weitere, Peroxid-bildende Nahrungsmittel und einige Medikamente können ebenfalls Auslöser sein.
  • Bei Meiden der Auslöser in der Regel keine Symptome.
  • Weltweit circa 400 Millionen Betroffene, vor allem im Mittelmeerraum, in Afrika und Asien. Schweregrade unterschiedlich, häufig Enzymrestaktivität vorhanden.
  • Männer deutlich häufiger und stärker betroffen.

Quellen: Charité Universitätsmedizin Berlin Campus Virchow-Klinikum (www.kinderblutkrankheiten.de); Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum; Universität Zürich