Leseprobe PTAheute 12/2020 - Abfluss­blockade

Chronische Niereninsuffizienz

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Nierenversagen wird oft spät erkannt. Warum ist das so und wie wird therapiert? - In den westlichen Industrieländern leiden zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung an einer chronischen Nierenerkrankung. Aber was bedeutet das eigentlich?

Defekter Filter

Die Nieren bestehen aus sehr vielen kleinen Funktionseinheiten, den Nephronen. Dort wird der Harn gebildet. Je mehr dieser Funktionseinheiten geschädigt sind, desto weniger kann die Niere ihrer Filterfunktion gerecht werden. Mit abnehmender Nierenfunktion verbleiben Stoffe, die zuvor zuverlässig ausgeschieden wurden, im Körper, wie beispielsweise Kreatinin und Harnstoff. Umgekehrt werden Stoffe ausgeschieden, die bisher rückresorbiert wurden, wie beispielsweise Eiweiße. Im Gegensatz zu einem akuten Nierenversagen schreitet eine chronische Niereninsuffizienz langsam und oft über viele Jahre unbemerkt voran. Erst in einem weit fortgeschrittenen Stadium stellen sich ernsthafte, teilweise lebensbedrohliche Zustände ein.

Risikofaktoren

Häufig tritt eine chronische Nierenschwäche in der zweiten Lebenshälfte auf, da die Organfunktion generell mit zunehmendem Alter abnimmt. Bestimmte Einflussfaktoren verstärken diesen Effekt. Dazu zählen vor allem Diabetes mellitus und Bluthochdruck. Ist der Blutzucker längere Zeit erhöht, werden die feinen Blutgefäße in den Nieren geschädigt. Dadurch wird das Nierengewebe nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, so dass Nierenzellen absterben. Bluthochdruck kann sowohl Ursache als auch Folge einer chronischen Niereninsuffizienz sein. Einerseits schädigt ein hoher Blutdruck die Nierenkörperchen, so dass diese nach und nach ihre Funktion verlieren. Andererseits werden bei nachlassender Nierenfunktion vermehrt blutdrucksteigernde Hormone gebildet. Außerdem verbleiben zu viel Wasser und Salz im Körper, was den Blutdruck ebenfalls ansteigen lässt.

Weitere Ursachen

Neben Bluthochdruck und Diabetes mellitus können auch Entzündungen der Nierenkörperchen (Glomerulonephritis) oder der Niere Ursache für eine chronische Niereninsuffizienz sein. Daneben können chronische Erkrankungen der Blutgefäße die Nierenfunktion beeinträchtigen, wie beispielsweise Arteriosklerose. Auch bestimmte Autoimmunerkrankungen (z. B. Lupus erythematodes), urologische Erkrankungen (z. B. Nierensteine) sowie angeborene Nierenfehlbildungen können Wegbereiter einer chronischen Nierenschwäche sein. Letztendlich stellen Übergewicht, Rauchen sowie der Dauergebrauch bestimmter Arzneimittel wie etwa nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) ein erhöhtes Risiko für eine chronische Nierenschwäche dar.

Das Wichtigste in Kürze

  • Risikofaktoren für eine chronische Nierenschwäche sind Diabetes mellitus und Bluthochdruck.
  • Eine chronische Niereninsuffizienz verursacht häufig zu Beginn keine Beschwerden. Daher wird die Erkrankung bei vielen Betroffenen zu spät diagnostiziert.
  • Anhand der glomerulären Filtrationsrate (GFR) wird eine chroni- sche Niereninsuffizienz in fünf verschiedene Stadien eingeteilt.
  • Für die Niereninsuffizienz-Therapie und die Behandlung möglicher Folgeerkrankungen werden unter anderem Antidiabetika, blutdrucksenkende Präparate, Diuretika, Lipidsenker sowie Hormonpräparate wie Erythropoetin und Vitamin D eingesetzt.
  • Die richtige Ernährung ist bei einer eingeschränkten Nierenfunktion ein wichtiger Therapiebaustein.

GFR – Maß für die Nierenfunktion

Um eine chronische Nierenerkrankung festzustellen, sind neben einer ausführlichen Anamnese (Krankengeschichte) Blut- und Urinuntersuchungen sowie bildgebende Verfahren wie Ultraschall nötig. Manchmal ist auch die Entnahme einer Gewebeprobe aus der Niere (Nierenbiopsie) notwendig. Ein wichtiges Maß für die Beurteilung der Nierenfunktion ist die sogenannte glomerulären Filtrationsrate (GFR). Sie gibt an, wie viel Blut pro Zeiteinheit von den Nieren gefiltert wird. Bei Gesunden sind dies etwa 90 bis 130 Milliliter Blut pro Minute. Anhand der GFR wird eine chronische Nierenschwäche in fünf verschiedene Stadien eingeteilt (siehe Tabelle).

Anfangs symptomlos

Zu Beginn verläuft eine chronische Nierenschwäche häufig ohne Symptome, da der Funktionsverlust durch das gesunde Nierengewebe ausgeglichen wird. Im weiteren Verlauf der Erkrankung treten jedoch unterschiedliche Beschwerden auf. Die Betroffenen klagen unter anderem über Müdigkeit, Schwäche, Appetitlosigkeit, Verdauungsbeschwerden und Konzentrationsschwierigkeiten. Zudem kann es zu Wassereinlagerungen im Gewebe (Ödeme) kommen und die Infektanfälligkeit zunehmen. Im weit fortgeschrittenen Stadium sind nahezu alle Organsysteme durch die fehlende Entgiftungsfunktion der Nieren geschädigt. In Folge kann es zu Atemnot, Juckreiz, Herzrhythmusstörungen, Krämpfen und Koma kommen. Die verminderte Funktion der Nieren kann auch eine verminderte Synthese verschiedener Hor- mone zur Folge haben. So sinkt zum Beispiel der Vitamin-D3-Spiegel ab und kann eine renale Osteopathie zur Folge haben. Auch die Bildung von Erythropoetin vermindert sich und kann eine Anämie bedingen.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  •  „Lassen Sie jährlich Ihre Nierenfunktion von Ihrem Hausarzt überprüfen, besonders wenn Sie unter Diabetes mellitus oder Bluthochdruck leiden.“
  •  „Durch eine gesunde Lebensweise können Sie Ihre Nieren schützen. Es lohnt sich also, auf das Rauchen zu verzichten.“
  • „Ihr Nephrologe oder Ernährungsberater unterstützt Sie bei der Berechnung der richtigen Flüssigkeitsmenge, die Sie täglich aufnehmen sollten.“
  • „Bei erhöhten Phosphatwerten sollten Sie Lebensmittel wie Nüsse, Schmelzkäse, Bohnen und Linsen meiden.“

Frühzeitig behandeln

Im Vordergrund steht die Behandlung der Grunderkrankung, die zur chronischen Niereninsuffizienz geführt hat. Besteht ein Diabetes mellitus, muss eine optimale Blutzuckereinstelung durch geeignete Ernährung und Medikamente erfolgen. Zusätzlich zur Standardtherapie konnte in verschiedenen Studien gezeigt werden, dass bestimmte orale Antidiabetika das Fortschreiten der chronischen Niereninsuffizienz verlangsamen können, wie beispielsweise der SGLT-2-Inhibitor Canagliflozin. Bei Bluthochdruck muss der Blutdruck auf optimale Werte gebracht werden. Als blutdrucksenkende Mittel werden bevorzugt ACE-Hemmer und Angioten-sin-II-Rezeptorantagonisten eingesetzt, da sie die Nieren kaum belasten. Daneben werden zur Be- handlung einer Nierenschwäche Diuretika, Li-pidsenker, Phosphatbinder und Hormonpräpa-rate wie Erythropoetin und Vitamin D eingesetzt. Nimmt eine chronische Nierenschwäche trotz Behandlung weiter zu, kann eine Blutwäsche (Dialyse) oder Nierentransplantation erforderlich werden.

Nierendiät

Bei chronischen Nierenerkrankungen stellt eine spezielle Diät einen wichtigen Bestandteil der Therapie dar. Sowohl die Flüssigkeits- als auch die Nährstoffzufuhr muss angepasst werden. Unter anderem kann eine Einschränkung der Eiweißzufuhr nötig sein. Eiweißhaltige Lebensmittel sind Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte. Außerdem muss bei einer Nierenschwäche die Phosphataufnahme reduziert werden. Zu den phosphatreichen Lebensmitteln gehören Schmelzkäse, Nüsse, Cola, Wurst und Bier. Da die Nieren das Hauptausscheidungsorgan für Kalium sind, treten im Verlauf einer Nieren- erkrankung fast immer Störungen im Kaliumhaushalt auf. Der Kaliumgehalt der Nahrung muss daher entsprechend reduziert werden. Kalium ist vor allem in manchen Obstsorten, Gemüse, Kartoffeln oder Nüssen enthalten.

Stadien der chronischen Nierenschwäche

Stadium

GFR (ml/min)

Symptome

1) Nierenschäden mit normaler GFR

> 90

keine; Nachweis von Eiweiß im Urin bereits möglich

2) leichte Niereninsuffizienz

60 – 89

in seltenen Fällen erste Beschwerden

3) moderate bis schwere

Niereninsuffizienz

30 – 59

veränderte Blutwerte: Serum-Kreatinin und Harnstoff erhöht; Bluthochdruck, schnelle Ermüdbarkeit, Leistungsabfall

4) schwere Niereninsuffizienz

15 – 29

Ödembildung, Nerven- und Knochen- schmerzen, Appetitlosigkeit, Juckreiz, Erbrechen

5) terminale Niereninsuffizienz

< 15

Nieren können ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen, der Betroffene ist auf Dialyse oder Transplantation angewiesen