Achtung, Notfallverhütung!
Richtig beraten zur Pille danach

SOS: Da ist was schiefgelaufen in Sachen Verhütung – und was jetzt? Frauen und Mädchen, die die Pille danach brauchen, sind häufig in einer besonderen Situation. Sie sind angespannt, verunsichert, manchmal panisch oder sie empfinden Scham, weil es um ein sehr intimes Thema geht. Da ist es gut, wenn Sie in der Apotheke sich sicher im Thema fühlen und einfühlsam und kompetent beraten können.

Eine Frau Mitte dreißig kommt morgens um halb neun in die Apotheke. Sie sagt, sie brauche die Pille danach. In der Nacht sei das Kondom gerissen und sie wolle jetzt nicht schwanger werden. Die letzte Regel hätte sie vor knapp zwei Wochen gehabt. Die Pille nehme sie nicht, weil sie sie nicht vertrage. Sie bestätigen: „Gut, dass Sie so schnell kommen.“ Nachdem Sie erfragt haben, dass weder andere Medikamente oder p anzliche Wirksto e wie Johanniskraut eingenommen werden noch irgendwelche Erkrankungen vorliegen, holen Sie eine Packung ellaOne® nach vorne. Die Kundin erinnert sich an eine frühere Einnahme einer Pille danach mit einem anderen Namen und fragt nach dem Unterschied.

Wirkprinzip: Verzögerter Eisprung

Um eine ungewollte Schwangerscha zu verhüten, muss das Zusammentre  en von Spermien und einer befruchtungsfähigen Eizelle verhindert werden. Eine Eizelle ist nach dem Eisprung circa einen Tag lang befruchtungsfähig. Spermien sind in der Gebärmutter und den Eileitern circa fünf Tage lebensfähig. Hier grei die Notfall- Pille: Sie kann den Eisprung nämlich um circa fünf Tage verzögern, allerdings nur, wenn sie rechtzeitig vor dem Eisprung eingenommen wird. Wenn der Eisprung bereits stattgefunden hat, kann die Notfall-Pille nicht mehr wirken. Es gibt zwei Wirksto e für die orale Notfallverhütung: Ulipristalacetat und Levonorgestrel. Beide verzögern den Eisprung so lange, bis die Spermien in der Gebärmutter nicht mehr lebensfähig sind und verhindern dadurch eine Befruchtung.

Der sogenannte „LH-Peak“, das ist die höchste LH-Konzentration, löst den Eisprung aus

Die Pille danach ist nicht 100%ig sicher

Leider weiß man nie ganz genau, wann der Eisprung tatsächlich stattfindet – das schwankt je nach Zyklus und Regelmäßigkeit der Zykluslänge. In der Zyklusmitte ist die Wahrscheinlichkeit für einen Eisprung jedoch besonders hoch. Der Wirksto Ulipristalacetat kann den Eisprung auch noch am Tag direkt vor dem Eisprung au alten, Levonorgestrel hingegen nur bis circa zwei Tage vor dem Eisprung. Wenn der Eisprung allerdings bereits erfolgt ist, können beide Wirkstoffe eine Schwangerschaft  nicht mehr verhindern. 

Luteinisierendes Hormon wird unterdrückt

Im weiblichen Zyklus beginnt das luteinisierende Hormon (LH) etwa zwei Tage vor dem Eisprung anzusteigen. Der sogenannte „LH-Peak“, das ist die höchste LH-Konzentration, löst den Eisprung aus (siehe Grafik oben). Die Notfall-Pillen unterdrücken den LH-Peak und verzögern somit den Eisprung. Wie bereits erwähnt ist das Levonorgestrel nur wirksam, solange der LH-Spiegel noch nicht ansteigt. Der Wirkstoff Ulipristalacetat kann den Eisprung auch dann noch aufhalten, wenn die LH-Konzentration bereits ansteigt.

Wann zum Frauenarzt?

  • wenn der ungeschützte Geschlechtsverkehr länger als 120 Stunden zurückliegt
  • wenn eine Anwendung oraler Notfall-Kontrazeption nicht infrage kommt (Kontraindikationen oder Wechselwirkungen) bzw. die Frau eine Kupferspirale als Alternative bevorzugt
  • bei Hinweisen auf eine bereits bestehende Schwangerschaft
  • zusätzlich zur Abgabe der Notfall-Pille bei Hinweisen auf ein erhöhtes Risiko sexuell übertragbarer Krankheiten durch den ungeschützten Verkehr
  • zusätzlich zur Abgabe der Notfall-Pille bei Hinweisen auf Gewaltanwendungen im Kontext des ungeschützten Geschlechtsverkehrs
  • wenn unter 20-Jährige über ein ärztliches Rezept die Kosten von der Krankenkasse erstattet bekommen möchten
  • zusätzlich zur Abgabe der Notfall-Pille bei Bedarf für eine individuelle Verhütungsberatung

Sofortige Einnahme ist wichtig

Am besten wird die Pille danach direkt in der Apotheke eingenommen, um keine Zeit zu verlieren. Die Kundin sollte jedoch die Möglichkeit bekommen, vorher in Ruhe die Patienteninformation oder den Beipackzettel durchzulesen. Bieten Sie ihr an, sich dazu in den Beratungsraum zurückzuziehen.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Die Notfall-Pillen können den Eisprung verzögern, sodass eine Schwangerschaft verhindert wird.“
  • „Es ist wichtig, dass die Einnahme der Pille danach möglichst schnell erfolgt, damit ein Eisprung noch verhindert werden kann. Am besten nehmen Sie die Notfall-Pille gleich hier in der Apotheke ein.“
  • „Auch nach der Einnahme der Notfall- Pille müssen Sie bei weiterem Geschlechtsverkehr bis zu Ihrer nächsten Monatsblutung Kondome anwenden. Das gilt auch bei Verhütung mit der Pille, einem Vaginalring oder Verhütungspflastern.“
  • „Nehmen Sie Ihre normale Pille regelmäßig weiter ein, auch wenn Sie heute die Notfall-Pille eingenommen haben.“
  • „Diese Notfall-Pille ist leider nicht zu 100 % sicher. Wenn Ihre Monatsblutung länger als sieben Tage nach dem erwarteten Zeitpunkt ausbleibt, gehen Sie zum Frauenarzt und machen Sie einen Schwangerschaftstest.“

Das sagen klinische Studien

In klinischen Wirksamkeitsstudien bezüglich der Wirkstoffe zur Notfall-Kontrazeption wird die Anzahl an Schwangerschaften, die trotz Einnahme des Wirkstoffs auftreten, erfasst. Dabei wird unterschieden, in welchem Zeitintervall nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr die Einnahme der Pille danach erfolgte. Die zusammengefassten Ergebnisse aus den Vergleichsstudien von Ulipristalacetat mit Levonorgestrel haben gezeigt, dass der Wirkstoff Ulipristalacetat (30 mg) das Schwangerschaftsrisiko deutlich stärker senken kann als das Levonorgestrel (1,5 mg): Bei einer Einnahme innerhalb von 24 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr lag die Schwangerschaftsrate bei 0,9 % mit Ulipristalacetat und bei 2,5 % mit Levonorgestrel. Die Verträglichkeit der beiden Wirkstoffe ist vergleichbar gut. Die Einnahme der Notfall-Pille bietet aber, wie bereits erwähnt, keinen 100%igen Schutz.

Kupferspirale als Notfall-Kontrazeptivum?

Ist der Eisprung bereits erfolgt, kann nur noch die Einlage einer Kupferspirale eine Schwangerschaft verhindern. Diese sogenannte „Spirale danach“ setzt Kupferionen frei, senkt damit die Vitalität von Spermien und Eizelle und hemmt zusätzlich die Einnistung einer bereits befruchteten Eizelle in die Gebärmutterschleimhaut. Dadurch kann eine Kupferspirale auch dann noch wirken, wenn der Eisprung schon stattgefunden hat. Eine Kupferspirale muss vom Frauenarzt innerhalb von 120 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingelegt werden.

*nähere Informationen in der jeweiligen Fachinformation

Was ist eine Verhütungspanne?

Ungeschützter Geschlechtsverkehr kann Sex ohne Verhütungsmittel sein oder im Zusammenhang mit einer sogenannten Verhütungspanne stehen. Klassische Verhütungspannen sind beispielsweise das Abrutschen oder Reißen eines Kondoms, sodass Spermien in die Gebärmutter gelangen. Aber auch das Vergessen der Pilleneinnahme wird als Verhütungspanne bezeichnet, ebenso wie das Versäumen eines Verhütungsring- oder Pflasterwechsels. Verhütungspannen können auch entstehen, wenn die Wirkung der Pille aufgrund von Wechselwirkungen mit Medikamenten oder aufgrund von Erbrechen oder Durchfall vermindert ist. In den Fachinformationen der hormonellen Verhütungsmethoden sind die sicherheitsrelevanten Pannen jeweils aufgeführt.

Regelblutung nach Einnahme der Notfall-Pille

Die meisten Frauen bekommen ihre Regelblutung nach Einnahme der Notfall- Pille zum üblichen Zeitpunkt, in einigen Fällen kann die Blutung aber auch schon etwas früher oder bis zu einer Woche (in Einzelfällen auch bis zu 20 Tage) später erfolgen. Wenn die Monatsblutung sieben Tage nach dem üblicherweise zu erwartenden Zeitpunkt noch nicht eingesetzt hat, sollte ein Frauenarztbesuch erfolgen und auch ein Schwangerschaftstest gemacht werden.

Weitere Verhütung notwendig

Ein weiterer wichtiger Hinweis für Ihre Kundinnen: Nach Einnahme der Notfall-Pille müssen bei nachfolgendem Geschlechtsverkehr bis zum Ende des Zyklus, das heißt bis zur nächsten Monatsblutung, Kondome zur Verhütung verwendet werden. Das gilt auch bei Verhütung mit der Pille, einem Vaginalring oder Pflastern. Die Einnahme der normalen Verhütungs-Pille soll regelmäßig fortgesetzt werden – auch am Tag der Einnahme der Notfall- Pille.

Wichtige Fragestellungen vor der Abgabe der Notfall-Pille

  1. Liegt eine Indikation zur Notfallverhütung vor? Wann hat ungeschützter Geschlechtsverkehr stattgefunden? Welche Verhütungspanne liegt vor?
  2. Zum Ausschluss einer Schwangerschaft: War die letzte Monatsblutung „wie immer“, das heißt zum üblichen Zeitpunkt, in üblicher Stärke und Dauer?
  3. Frage nach bekannten Erkrankungen, um mögliche Kontraindikationen auszuschließen. Dazu zählen laut Fachinformation z. B. schwere Leberfunktionsstörungen, nicht eingestelltes schweres Asthma und schwere Malabsorptionsstörungen.
  4. Frage nach aktueller Medikamenteneinnahme, um eine Wirkminderung der Notfall-Pille durch CYP3A4-Inhibitoren auszuschließen (dazu zählen z. B. Johanniskraut, Rifampicin, Phenytoin, Phenobarbital, Carbamazepin, Ritonavir).

Wenn die Pille vergessen wurde …

Eine junge Frau und ihr Freund kommen am Montagmittag in die Apotheke und bitten sichtlich besorgt um Rat zu einer Verhütungsfrage. Es sei etwas ganz Blödes passiert: Die junge Frau nehme seit etwa einem Jahr die Pille und habe sie noch nie vergessen. Jetzt sei sie aber von einem Praktikum im Ausland zurückgekommen, gestern Abend hätten sie das Wiedersehen gefeiert und Geschlechtsverkehr gehabt und heute Morgen sei ihr aufgefallen, dass sie am Tag vorher durch den Reisestress ihre Pille nicht genommen habe – da sie die Pille immer morgens einnehme, war das schon 24 Stunden her. Die Pille heute Morgen habe sie dann aber genommen. Sie fragt, ob sie die Pille danach nehmen müsse.

PTA: „Sehr gut, dass Ihnen die Einnahme- Panne heute Morgen aufgefallen ist und dass Sie auch gleich an die Notfall-Pille gedacht haben. Wir gehen jetzt am besten gemeinsam noch einige Fragen durch. Welche Pille nehmen Sie denn?“
Kundin: „Die Pille, die ich einnehme, heißt Maxim®.“
PTA: „Also eine Mikropille mit Ethinylestradiol und Dienogest. Und die wievielte Pille aus Ihrem Monatsblister hätten sie gestern einnehmen sollen? Wissen Sie das in etwa?“ Die junge Frau hat den Blister dabei: Es wäre die sechste Tablette gewesen. In dem Fall ist der Verhütungsschutz nicht mehr sichergestellt, es besteht also die Indikation für die Notfall-Pille. Die junge Frau ist sichtlich besorgt: Sie hat Angst vor der Einnahme der Pille danach, weil sie von ihrer Mutter gehört hat, dass es eine richtige „Hormonbombe“ sei.
PTA: „Diese Aussage bezieht sich wahrscheinlich auf ältere Präparate zur Notfallverhütung. Früher war die Pille danach noch ganz anders zusammengesetzt und enthielt auch hoch dosiertes Estrogen. Die heutigen Präparate zur Notfallverhütung sind relativ gut verträglich, sollten aber trotzdem nur im Notfall eingesetzt werden. Vorübergehende Nebenwirkungen, die laut Fachinformation in einer Häufigkeit von etwa einem bis zehn Prozent vorkommen, sind Kopfschmerzen, Unterleibsschmerzen oder Übelkeit. Falls es innerhalb von drei Stunden nach der Einnahme zu Erbrechen kommen sollte, muss das Präparat erneut eingenommen werden. Darf ich Sie noch nach Ihrem Alter fragen?“
Kundin: „Natürlich. Ich bin 20 Jahre alt.“
PTA: „Und wann hatten Sie Ihre letzte Monatsblutung?“
Kundin: „Die war pünktlich und wie immer.“
PTA: „Nehmen Sie denn außer der Pille noch weitere Medikamente ein? Wissen Sie, ich möchte sichergehen, dass Sie die Pille danach ohne Wechselwirkungen einnehmen können. Und haben Sie bestehende Erkrankungen?“
Kundin: „Nein, ich bin kerngesund.“
PTA: „Ihre Pille nehmen Sie bitte weiter regelmäßig ein und verwenden Sie auf jeden Fall trotzdem bis zum Ende des Zyklus, das heißt, bis zur Monatsblutung zusätzlich Kondome. Im nächsten Einnahmezyklus sind Sie dann wieder durch Ihre Pille geschützt. In diesem Informationsblatt können Sie das auch noch einmal in Ruhe nachlesen.“