Leseprobe PTAheute 10/2020 – Inspiriert von Achtbeinern

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Die Spinne im Namen – Von Spinnen halten die meisten Menschen wenig. Viel Beachtung finden die Achtbeiner dennoch. Das hat sich sogar in einigen medizinischen Bezeichnungen und Krankheitsnamen niedergeschlagen.

Spinnen assoziieren die meisten Menschen mit negativen Gefühlen. Deutlich wird das in Redewendungen wie „pfui Spinne!“ oder „spinnefeind sein“. Eine Begegnung mit den flinken Achtbeinern erregt bei den meisten von uns Unbehagen, wenn nicht gar Abscheu. Auch Spinnweben sind mit einem Ekelfaktor behaftet, weshalb sie in Gruselfilmen gerne als effektvolles Accessoire eingesetzt werden. Von jeher haben Spinnen großen Eindruck auf den Menschen gemacht. Das zeigt sich sogar in der Medizin, in der ihr Name mehrfach Pate stand.

Makel im Gesicht

Beim Spinnennävus (auch Gefäßspinne oder Sternnävus genannt) handelt es sich um eine arterielle Gefäßerweiterung. Sie tritt bevorzugt im Gesicht auf und hat ein spinnen- oder sternähnliches Erscheinungsbild: Von einem zentralen, circa stecknadelkopfgroßen Gefäßknötchen gehen in alle Richtungen feine Gefäßreiser aus. Der Spinnennävus selbst ist harmlos. Er findet sich jedoch häufig im Zusammenhang mit chronischen Lebererkrankungen, vor allem bei Leberzirrhose. Daneben können Spinnennävi während der Schwangerschaft oder unter Einnahme oraler Kontrazeptiva auftreten. In diesen Fällen bilden sie sich aber in der Regel nach der Entbindung beziehungsweise nach dem Absetzen der Pille wieder zurück. Ein kosmetisch störender Spinnennävus kann mittels Laserbehandlung entfernt werden.

Wie von Spinnen gewebt

Im Zentralnervensystem findet sich die Spinne als Namensgeberin für eine wichtige Struktur: die Spinnwebenhaut. Diese stellt die mittlere der drei Hirnhäute (Meningen) dar und befindet sich zwischen der innersten, dem Gehirn direkt anliegenden weichen Hirnhaut (Pia mater) und der äußersten, harten Hirnhaut (Dura mater). Die Meningen haben zusammen die Aufgabe, Gehirn und Rückenmark zu schützen und zu versorgen. Der Fachbegriff für die Spinnwebenhaut lautet Arachnoidea, abgeleitet vom altgriechischen Wort „arachne“ für Spinne. Von der Innenseite der Arachnoidea gehen feine, spinnwebartige Fasern ab, die sich mit der Pia mater verbinden. Der von den Fasern durchzogene Spaltraum ist mit Hirnflüssigkeit (Liquor) gefüllt und wird Subarachnoidalraum genannt. Er schützt das Gehirn wie ein Wasserkissen.

Gefürchtet ist eine Einblutung in diesen Bereich – die Subarachnoidalblutung. Häufigste Ursache eines solchen Ereignisses ist das Reißen eines Aneurysmas im Gehirn. Eine Subarachnoidalblutung äußert sich durch plötzliche, extrem starke Kopfschmerzen und eventuellen Bewusstseinsverlust. Sie verläuft oft tödlich.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wegen Analogien zu Spinnen bzw. ihren Netzen gibt es anatomische Strukturen und pathologische Erscheinungen, die das Wort Spinne oder fachsprachlich „arachno“ im Namen führen.
  • Der Spinnennävus ist ein harmloses Hautmal, das aber auf eine ernste Erkrankung hinweisen kann.
  • Die Spinnwebenhaut (Arachnoidea) ist die mittlere der drei Hirnhäute. Der unterhalb von ihr gelegene Spalt wird als Subarachnoidalraum bezeichnet. Lebensgefahr besteht bei einer Subarachnoidalblutung.
  • Bei Spinnenfingrigkeit (Arachnodaktylie) sind die Finger deutlich verlängert (z. B. beim Marfan-Syndrom).

Folgenschwere Entzündungen

Gefährlich wird es auch, wenn Bakterien oder Viren in den Subarachnoidalraum eindringen und eine akute Entzündung der Hirnhäute – also eine Meningitis – hervorrufen. Sie kann das Gehirn dauerhaft schädigen oder gar zum Tod führen. Dieses Risiko besteht vor allem bei einer bakteriellen Meningitis, unter anderem ausgelöst durch Meningo-, Pneumo- oder Staphylokokken. Typische Symptome einer Meningitis sind heftige Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, hohes Fieber und Bewusstseinsstörung.

Eine seltene Erkrankung ist dagegen die chronische Entzündung der Arachnoidea. Sie wird als Arachnoiditis oder Arachnitis bezeichnet, kann unter anderem nach Wirbelsäulenoperationen oder Lumbalpunktionen auftreten und betrifft meist den Wirbelkanal im unteren Rückenbereich. Zunächst verläuft die Arachnoiditis symp­tomlos. Besteht die Entzündung aber über Jahre hinweg, bildet sich Narbengewebe, wodurch Spinalnerven verkleben können. Die Folge sind anhaltende starke Rückenschmerzen, so wie bei einem Bandscheibenvorfall. Außerdem können neuropathieähnliche Symptome in den Beinen wie Taubheitsgefühle, Kribbeln und Krämpfe auftreten. In schweren Fällen werden die Nervenverklebungen mittels eines endoskopischen Operationsverfahrens entfernt.

Finger wie Spinnenbeine

Eine ganz andere pathologische Erscheinung mit Spinnenbezug ist bereits äußerlich sichtbar: die Arachnodaktylie – zu Deutsch Spinnenfingrigkeit. Charakteristisch sind feingliedrige, auffallend verlängerte Finger. Eine Arachnodaktylie lässt sich zum Beispiel mit dem sogenannten Handgelenkszeichen nachweisen: Wird das Handgelenk mit Daumen und kleinem Finger der anderen Hand umschlossen, kann der kleine Finger das ganze Daumenendglied überlappen. Auch das sogenannte Daumenzeichen ist ein Arachnodaktylie-Merkmal: Wird der Daumen von den anderen vier Fingern derselben Hand in die Faust genommen, ragt das Daumenendglied seitlich unter dem kleinen Finger hindurch klar hervor.

Eine Arachnodaktylie tritt im Rahmen genetischer Syndrome auf, insbesondere beim Marfan-Syndrom (1896 vom französischen Kinderarzt Antoine Marfan beschrieben). Es handelt sich um eine Bindegewebserkrankung. Ihr liegt eine Mutation in dem Gen zugrunde, das für das Glykoprotein Fibrillin kodiert. Fibrillin ist ein Bestandteil der Mikrofibrillen, welche die elastischen Fasern des Bindegewebes bilden. Das Marfan-Syndrom wird autosomal-dominant vererbt, kann aber auch aufgrund einer Spontanmutation auftreten. In Deutschland sind etwa 10.000 Menschen betroffen. Die Erkrankung kann sich durch weitere Skelettveränderungen wie überlange Gliedmaßen, Trichterbrust und schmalen Kiefer manifestieren. Lebensgefährlich sind Veränderungen an Herz und Gefäßen, insbesondere Aussackungen der Aorta. Das Marfan-Syndrom ist bisher nicht heilbar.

Panik vor acht Beinen

Sie ist nicht gerade lebensbedrohlich, aber durchaus belastend: die Arachnophobie oder Spinnenphobie – eine krankhafte, irrationale Furcht vor den Achtbeinern. Diese Angststörung ist sehr verbreitet. Bis zu sechs Prozent der Bevölkerung leiden darunter. Dabei geht von den bei uns heimischen Spinnen praktisch keine Gefahr für die menschliche Gesundheit aus. Die Arachnophobie kann so stark sein, dass die Betroffenen schon beim Anblick einer harmlosen Winkelspinne in Panik geraten: Sie bekommen Herzrasen, Schweißausbrüche und Atemnot. Diese Phobiker entwickeln dann ein starkes Vermeidungsverhalten. So ziehen sie zum Beispiel nicht in Erdgeschosswohnungen, gehen nicht in den Keller oder verzichten auf Freizeitaktivitäten wie Campen. Ist der Leidensdruck sehr groß, empfiehlt sich eine psychotherapeutische Behandlung. Als wirkungsvoll hat sich die Expositionstherapie erwiesen. Die Patienten werden dabei in einem geschützten Rahmen schrittweise mehr und mehr mit Spinnen konfrontiert, vom Betrachten eines Bildes über eine echte Spinne bis hin zum Berühren des Tieres. Auf diese Weise kann das Angstgedächtnis gelöscht werden. Studien haben gezeigt, dass man durch die Gabe des Stresshormons Cortisol dieses Extinktionslernen noch unterstützen kann.

Grundsätzlich scheint dem Menschen eine gewisse Angst vor Spinnen – ebenso wie vor Schlangen – angeboren zu sein. So wird bereits bei sechs Monate alten Babys eine Stressreaktion ausgelöst, wenn sie Spinnen oder Schlangen sehen. Damit sich aus dieser Alarmbereitschaft aber eine Phobie entwickelt, bedarf es weiterer Faktoren. Dazu zählen zum Beispiel eine von den Eltern erlernte panische Abneigung gegen die Tiere oder eine genetisch veranlagte Überaktivität im Angstzentrum des Gehirns.