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mehr wissen: Selbsttests: Was vertrage ich überhaupt?

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe Nahrungsmittelunverträglichkeit, -intoleranz sowie -allergie häufig synonym verwendet oder vermischt. Das ist aber nicht richtig: Unter einer Nahrungsmittel- oder Lebensmittelunverträglichkeit versteht man ganz allgemein Beschwerdebilder, die durch Lebensmittel beziehungsweise deren Inhaltsstoffe verursacht werden. Es handelt sich hierbei also um einen Überbegriff. Zu den Unverträglichkeiten zählen zum Beispiel Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen, aber auch toxische und psychosomatische Reaktionen.

Nahrungsmittelallergie oder ...

Um eine Lebensmittelallergie handelt es sich, wenn das Immunsystem an den negativen Reaktionen beteiligt ist und entsprechend allergiebedingte Beschwerden auslöst. Die Mehrzahl der Nahrungsmittelallergien sind sogenannte allergische Sofortreaktionen (Typ-I-Reaktionen), die über die Bildung spezifischer IgE-Antikörper vermittelt werden. Das Immunsystem reagiert hier innerhalb von Sekunden bis wenigen Minuten auf das entsprechende Allergen. Ein besonders hohes Allergiepotenzial besitzen zum Beispiel Haselnüsse, Äpfel, Fisch und Meeresfrüchte, Sellerie sowie Erdnüsse und Soja. 

Typische Symptome bei einer IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergie sind zum Beispiel Hautausschläge mit Quaddeln, Anschwellen von Lippen, Zunge und Gesicht, Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen und Durchfall sowie das sogenannte orale Allergiesyndrom, bei dem es nach dem Verzehr allergenhaltiger Lebensmittel zu Juckreiz und Kribbeln sowie einem pelzig-tauben Gefühl im Bereich von Lippen und Gaumen kommt. Im schlimmsten Fall kann sich ein anaphylaktischer Schock ausbilden. Etwa fünf bis acht Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie zwei bis fünf Prozent der Erwachsenen reagieren allergisch auf bestimmte Nahrungsmittel.

... Nahrungsmittelintoleranz?

Deutlich häufiger kommen sogenannte Nahrungsmittelintoleranzen vor – etwa 20 Prozent der Bevölkerung sind hiervon betroffen. Bei den Intoleranzen werden die Beschwerden nicht durch das Immunsystem vermittelt. Die Ursachen sind hier vielfältig: So kann es sich beispielsweise um eine Pseudoallergie handeln, bei der niedermolekulare Substanzen wie zum Beispiel bestimmte Aroma- oder Farbstoffe Mastzellen dazu bringen, gespeicherte Entzündungsmediatoren wie Histamin und Zytokine in das umliegende Gewebe freizusetzen. Bei sogenannten Enzymopathien beruht die Unverträglichkeit dagegen auf einer verminderten Aktivität von Enzymen, die am Abbau oder der Metabolisierung der betreffenden Substanz beteiligt sind. 

Beispiele hierfür sind die Lactose- sowie die Histaminintoleranz. Bei der Fructoseintoleranz liegt wiederum eine verminderte Transportkapazität im Darm vor. Ist der defekte Transporter ausgelastet, erfolgt die Absorption von Fructose nur noch verzögert und es gelangt zu viel Fruchtzucker in die unteren Darmbereiche. Typische Beschwerden bei Nahrungsmittelintoleranzen sind Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen. Ist Histamin im Spiel, kann es aber auch zu Juckreiz, Kopfschmerzen und Herz-Kreislauf-Beschwerden kommen. Im Gegensatz zu Nahrungsmittelallergien sind Intoleranzen dosisabhängig, geringe Mengen der auslösenden Substanzen werden also in der Regel (besser) vertragen.

Gewissheit durch Selbsttests?

Viele Betroffene möchten wissen, welche Nahrungsmittel konkret für ihre Beschwerden verantwortlich sind oder ob sie tatsächlich unter einer Nahrungsmittelallergie leiden. Um dies herauszufinden, sollte ein entsprechender Test bei einem Allergologen durchgeführt werden. Ist dies aus Zeitmangel nicht möglich oder liegt der Termin noch in weiter Ferne, erscheint es durchaus verlockend, zu Hause einen freiverkäuflichen Selbsttest auf verschiedene Lebensmittel durchzuführen, um eine Unverträglichkeit vermeintlich selbst herauszufinden. Der Markt für solche Selbsttests, die teilweise mehrere 100 verschiedene Nahrungsmittel abdecken, ist groß und wächst weiter. Diverse (auch deutsche) Anbieter werben auf eigenen Internetseiten oder durch Influencer in den sozialen Medien für ihre bequem von zu Hause aus durchführbaren Unverträglichkeits- beziehungsweise Allergietests. Die Preise variieren je nach Testmethode und Umfang. Teilweise liegen sie bei weit über 100 Euro.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei einer Lebensmittelallergie ist das Immunsystem an den negativen Reaktionen beteiligt.
  • Eine Lebensmittelintoleranz läuft ohne eine Beteiligung des Immunsystems ab. Ursachen sind hier zum Beispiel fehlerhafte Enzym- oder Transportsysteme.
  • Selbsttests auf Unverträglichkeiten – egal ob Haar- oder Blutanalysen – sind nicht geeignet, um Nahrungsmittelallergien oder -intoleranzen sicher zu diagnostizieren.
  • Eine sichere Diagnose kann nur ein (Fach-)Arzt stellen.

Einfache Durchführung

Nach der Bestellung eines Selbsttests erhält man – je nach Art beziehungsweise Zweck des Tests – entweder ein Testkit zur Blutabnahme aus der Fingerkuppe oder einen Einsendebogen für eine Haarprobe. Entsprechend der Gebrauchsanweisung wird die zu untersuchende Probe selbst entnommen und mit der beiliegenden Versandtasche oder Ähnlichem an ein mit dem Anbieter kooperierendes Labor geschickt. Nach einigen Tagen Wartezeit erhält man eine Benachrichtigung über das Ergebnis der Analyse – also darüber, welche Lebensmittel nicht vertragen und entsprechend besser gemieden werden sollten. Teilweise werden auch zusätzliche Ernährungstipps mitgeliefert, die auf dem Ergebnis der Testung basieren. Doch sind diese Tests überhaupt zuverlässig?

Bluttest auf Antikörper

Selbsttests auf Basis von Blutuntersuchungen basieren auf einer Analyse von Immunglobulinen (Ig) – in der Regel IgE und/oder IgG beziehungsweise IgG4. Der Nachweis spezifischer IgE-Antikörper ist zwar durchaus ein wichtiger Baustein der allergologischen Diagnostik, da er eine Sensibilisierung gegen das entsprechende Allergen anzeigt. Allerdings handelt es sich bei einem positiven Nachweis lediglich um eine Art Allergiebereitschaft, die häufig vorkommt und nicht unbedingt mit Beschwerden einhergehen muss. Um eine Nahrungsmittelallergie klar zu diagnostizieren, sind deshalb weiterführende allergologische Testungen (beim Facharzt) unerlässlich. Der Nachweis von IgG- beziehungsweise den speziellen IgG4-Antikörpern im Blut hat hingegen keine diagnostische Bedeutung. Der menschliche Körper reagiert physiologischerweise mit der Bildung von IgG-Antikörpern, wenn er mit Fremdproteinen in Kontakt gekommen ist – wie zum Beispiel bei der täglichen Nahrungsaufnahme. 

Das Vorhandensein bestimmter IgG-Antikörper zeigt somit nur an, dass die betreffende Person dieses spezielle Lebensmittel (häufig) verzehrt hat. Eine Unterscheidung zwischen Menschen mit und ohne Lebensmittelunverträglichkeit ist aber so nicht möglich. Des Weiteren ist zu beachten, dass Nahrungsmittelintoleranzen – wie bereits beschrieben – nicht auf einer Beteiligung des Immunsystems, sondern auf anderen Mechanismen beruhen. Der Nachweis von Immunglobulinen im Blut ist zur Bestimmung einer Nahrungsmittelintoleranz dementsprechend nicht geeignet. Generell basieren Immunglobulin-Bestimmungen im Blut zwar auf technisch anerkannten und seriösen Verfahren und liefern entsprechend reale Daten, die Interpretation der Messwerte basiert aber auf unwissenschaftlichen Annahmen und ist damit irreführend.

Es ist auch nicht möglich, eine Lebensmittelunverträglichkeit anhand einer Haarprobe zu bestimmen: Zwar lässt sich der Konsum bestimmter Drogen in Haaren nachweisen, Informationen zu Nahrungsmitteln, die vom Körper vertragen werden oder nicht, werden in Haaren aber nicht gespeichert. Die Untersuchung einer Haarprobe zur Bestimmung einer Unverträglichkeit gilt damit als unwissenschaftlich.

Wie erkläre ich es meinen Kunden?

  • „Dieser Selbsttest auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten, den Sie über das Internet gekauft haben, hat zwar in Ihrem Blut Antikörper gegen Bohnen und Ananas gefunden. Diese sind allerdings in Bezug auf eine Nahrungsmittelallergie nicht relevant.“
  • „Es gibt keinen wissenschaftlichen Hinweis darauf, dass Nahrungsmittelunverträglichkeiten per Haaranalyse nachgewiesen werden können. Ein solcher Test hat also gar keine Aussagekraft.“

Gefahr durch Selbsttests?

Neben der fehlenden Aussagekraft der beschriebenen Selbsttests gibt es weitere Kritikpunkte: In der Regel wird die Person, die den Test durchführen ließ, mit dem Testergebnis allein gelassen. Einem Laien ist es aber nur schwer möglich, die Ergebnisse zu verstehen und einzuordnen. Wird nun allein auf der Basis des Selbsttests auf zahlreiche Lebensmittel pauschal verzichtet, obwohl nach deren Verzehr bisher gar keine Beschwerden vorlagen, schränkt dies zum einen unnötig die Lebensqualität der betreffenden Person ein. Zum anderen führt der konsequente Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel unter Umständen zu einer Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen und Mineralien und ist somit potenziell gesundheitsschädlich. Darüber hinaus ist es bedenklich, immer wiederkehrende oder dauerhaft bestehende gastrointestinale Beschwerden durch Selbsttests in Eigenregie diagnostizieren zu wollen. Nur ein Arzt kann durch eine fundierte Differenzialdiagnostik andere, möglicherweise schwerwiegende Gründe für die Beschwerden erkennen und bei Bedarf behandeln – oder eben eine Nahrungsmittelallergie beziehungsweise -intoleranz sicher diagnostizieren.  •

Dr. Kathrin Friedrichs

Apothekerin

Großefehn

autor@ptaheute.de