NEM: Keine Wundermittel gegen Corona

Das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) treibt im Kampf gegen Corona neue Blüten. | Bild: Kunstzeug / Adobe Stock

Die Zahl der Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 bleibt in Deutschland weiterhin hoch, die Impfungen verlaufen noch langsam. Viele Menschen möchten sich daher – zusätzlich zu den bekannten Abstands- und Hygienemaßnahmen – aktiv vor einer Infektion schützen. Intensiv beworben werden daher Nahrungsergänzungsmittel, die vermeintlich vor einer Ansteckung schützen sollen. Doch was ist dran an diesen Versprechen?

„Starkes Immunsystem und unbeschwert die Enkelkinder treffen“, eine wohl besonders dreiste Werbeaussage eines Herstellers, die sich an Großeltern richtet, die aufgrund der aktuellen Situation auf Treffen mit ihren Enkeln verzichten. Aber auch direkte Aussagen wie „Schutz vor dem Corona-Virus“ oder „Wehrt Viren ab“ sind im Zusammenhang mit zahlreichen Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) zu finden.

Zur Erinnerung: Was sind Nahrungsergänzungsmittel?

Nahrungsergänzungsmittel dienen der Ergänzung der allgemeinen Ernährung und gehören daher zu den Lebensmitteln. Im Unterschied zu den Arzneimitteln dienen sie nicht zur Prävention, Linderung oder Therapie von Erkrankungen. Gesundheitsbezogene Werbeaussagen wie „schützt vor Viren“ sind aus diesem Grund verboten und auch von ihrer allgemeinen Aufmachung her dürfen NEM nicht an Arzneimittel erinnern.

Bislang keine wissenschaftlichen Wirksamkeitsbelege

Doch solche gesundheitsbezogenen Aussagen sind auf einem Lebensmittel nur dann erlaubt, wenn sie nach aktuellem wissenschaftlichen Stand tatsächlich nachgewiesen wurden. Bisher gibt es aber noch keine wissenschaftliche Studie am Menschen, die eine Wirksamkeit bestimmter Vitamine, Mineralstoffe oder Pflanzen gegen SARS-CoV-2 beweisen würde. Von den Herstellern zitierte Studien beziehen sich daher entweder auf andere harmlose Erkältungs-Coronaviren oder auf reine Laborversuche. Manchmal werden auch theoretische Abhandlungen möglicher Wirkmechanismen dargelegt und ausführlich beschrieben, die erklären sollen, wie ein bestimmtes Vitamin oder ein sekundärer Pflanzenstoff gegen das Virus wirken könnte. In der EU gehen die Behörden zwar gegen diese irreführenden Werbeaussagen vor, trotzdem tauchen immer wieder neue Nahrungsergänzungsmittel mit entsprechenden Versprechungen auf.

Um welche Präparate handelt es sich?

Nahrungsergänzungsmittel mit angeblichem Schutz gegen das Coronavirus können ganz unterschiedliche Extrakte enthalten. Bekannt sind unter anderem solche mit Grüntee, Kapuzinerkresse, Schwarzer Johannisbeere oder auch das von Bienen hergestellte Propolis. Abwehrende Wirkungen gegen Viren werden auch für NEM mit Apfelessig, Zimt oder Ingwer suggeriert. Lutschtabletten mit Cistus-Extrakt sollen gar „im Mund behalten werden, wenn sich ein Aufenthalt unter Menschenmassen nicht vermeiden lässt“. Auch zu dieser Anwendungsart existieren keinerlei klinische Studien, die die beworbene Schutzwirkung gegen das Coronavirus belegen.

Vitamin D und COVID-19

Bekanntermaßen hat Vitamin D, neben seiner Funktion für die Gesundheit der Knochen, auch regulatorische Effekte auf das Immunsystem. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass in der aktuellen Situation intensiv über den möglichen Nutzen von Vitamin D zur Vorbeugung oder gar Behandlung einer COVID-19-Erkrankung gesprochen wird. Laut aktueller Studienlage besteht zwar ein möglicher Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Blutspiegel und einem erhöhten Risiko einer Corona-Infektion. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betont aber in einer aktuellen Stellungnahme, dass die Ergebnisse nicht ausreichen, um eine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung nachzuweisen. Zur Vorbeugung einer SARS-CoV-2-Infektion kann daher keine Empfehlung für eine Vitamin-D-Supplementation gegeben werden.

Die DGE empfiehlt die notwendige Versorgung mit Vitamin D über die Ernährung und die körpereigene Bildung mit Hilfe von UV-Strahlen sicherzustellen. In den Wintermonaten kann daher die Einnahme eines Vitamin-D-Präparates tatsächlich sinnvoll sein, empfohlen werden dabei täglich 20 µg (800 I.E.). Eine längerfristige Überdosierung von Vitamin D ist unbedingt zu vermeiden, da sie zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Nierensteinen oder Störungen des Herz-Kreislauf-Systems führen kann.

Auch CBD-Öle mit vermeintlicher Schutzwirkung

Cannabidiol-haltige Zubereitungen, wie CBD-Öle, sollen bei guter Verträglichkeit eine Vielzahl von Wirkungen aufweisen. Auch diese Nahrungsergänzungsmittel werden von den Herstellern gerne in Zusammenhang mit einer Schutzwirkung vor Corona gebracht. Ganz abgesehen davon, dass der rechtliche Status entsprechender Produkte immer noch nicht geklärt ist, gibt es auch für die CBD-Öle keinen wissenschaftlichen Hinweis auf eine Infektionsprophylaxe.

Wichtig für die Beratung

Der Markt an Nahrungsergänzungsmitteln, die einen Schutz vor einer Corona-Infektion versprechen, ist unübersichtlich und einem ständigen Wandel unterworfen. Deshalb ist es in der Apotheke besonders wichtig, Kunden darüber aufzuklären, dass es bisher keine Nahrungsergänzungsmittel gibt, die nachweislich eine Infektion mit SARS-CoV-2 verhindern oder gar eine COVID-19-Erkrankung heilen können. Das gilt im Übrigen auch für Naturheilmittel oder homöopathische Zubereitungen.