Rezeptabrechner AvP ist pleite – was bedeutet das für die Apotheken?

GKV-Rezepte schicken die Apotheken an Apothekenrechenzentren, um so ihr Geld zu bekommen. Eines davon, AvP, ist nun zahlungsunfähig – und viele Apotheken damit ebenfalls. / Alex Schelbert / PTAheute

Der Rezeptabrechner AvP hat Insolvenzantrag gestellt. Seit der vergangenen Woche warten mehr als 3.000 Apotheken auf ihr Geld. Was bedeutet das für die Apotheken und ihre Angestellten?

Das Apothekenrechenzentrum AvP aus Düsseldorf ist insolvent. Die meisten Apotheken, die ihre GKV-Rezepte über AvP abrechnen, warten seit letzter Woche vergeblich auf ihr Geld und stecken in Liquiditätsengpässen.

Was ist passiert?

In der vergangenen Woche häuften sich Posts in den sozialen Netzwerken, in denen sich Apothekerinnen und Apotheker über die Verzögerung der Auszahlung ihres Abrechnungszentrums AvP austauschten. Je nach Kondition sei es aber nicht unüblich, dass die Auszahlungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfolgten. Die Beschwerden häuften sich jedoch im Laufe der Woche. Außendienst und Hotline des Abrechners waren nicht mehr zu erreichen. Viele Apothekeninhaber waren daraufhin sehr verunsichert. Es folgte eine Meldung auf dem Branchenportal „Apotheke adhoc“: „Das private Rechenzentrum AvP hat aktuell Probleme mit der Auszahlung“, hieß es am Mittwoch vergangener Woche. AvP-Chef Mathias Wettstein machte in dem Artikel einen Serverumzug für den Ausfall des Geldtransfers verantwortlich. Man sei optimistisch, dass bald wieder alles liefe. Am gestrigen Dienstag wurde dann von der Bankenaufsicht BaFin Insolvenzantrag gestellt.

Apotheken droht die Zahlungsunfähigkeit

Der Steuerberater und Rechtsanwalt Bernhard Bellinger in Düsseldorf, der viele Apotheker als Mandanten hat, erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa): „AvP zählt zu den großen Abrechnungszentren mit wohl rund 3.500 Kunden. Das wäre etwa ein Fünftel des deutschen Marktes. Die Beträge, um die es geht, sind gesalzen. Das sind durchaus bis zu 400.000 Euro pro Apotheke, die ausstehen – im Durchschnitt wahrscheinlich rund 120.000 Euro“, sagt Bellinger. Den vom Zahlungsverzug betroffenen Apotheken drohe im schlimmsten Fall die Zahlungsunfähigkeit. Zwar solle es Abschlagszahlungen gegeben haben, die Mehrheit seiner Mandanten sage aber, sie hätten „gar nichts bekommen“. Gestern hieß es in einem Schreiben des Anwalts Dr. Morton Douglas, der ebenfalls viele Apotheker vertritt, dass aktuell ein förmliches Insolvenzverfahren geprüft und dann durch ein Gericht eingeleitet werde. Daher seien keine Prognosen möglich, ob und wann welche Zahlungen für den Monat August erfolgen werden. Die Gelder lägen aber auf sogenannten Treuhandkonten und würden damit nicht in die Insolvenzmasse fallen. Die Apotheken müssen sich nun Unterstützung suchen, um beispielsweise Löhne und Gehälter, aber auch die Rechnungen ihrer Großhändler bezahlen zu können. Ohne Liquidität keine neue Ware, was im schlimmsten Fall einen Versorgungsengpass nach sich ziehen könnte.

Unterstützung für betroffene Apotheken

Die Ärzte- und Apothekerbank werde Apothekern, denen die AvP große Summen schuldet, mit Kreditlinien und Überbrückungskrediten helfen, sagte eine Banksprecherin in Düsseldorf. Das Abrechnungsunternehmen Noventi hat ein 250 Millionen Euro schweres Hilfsprogramm gestartet. Der Dienstleister schreibt auf seiner Website, dass er für teilnehmende Apotheken die erforderliche Liquidität möglichst innerhalb von 24 Stunden sicherstellen möchte. Die Voraussetzungen für eine Unterstützung aus dem Hilfspaket seien unter anderem der Abschluss eines Abrechnungsvertrages bei Noventi und die erste Einlieferung von Rezepten.

Zur Erinnerung: So funktioniert die Abrechnung von Kassenrezepten

In der Apotheke bekommen Patienten gegen Vorlage ihres Rezeptes ihre vom Arzt verordneten Arzneimittel. Da das sogenannte Sachleistungsprinzip für die gesetzlich Krankenversicherten gilt, müssen sie außer der gesetzlichen Zuzahlung nichts für die Arzneimittel bezahlen. Aber wie kommt die Apotheke an ihr Geld? Schließlich hat sie das Präparat beim Hersteller oder Großhändler eingekauft und muss ihre Beschäftigten und die Betriebskosten bezahlen. Und wie lässt sich die Abrechnung angesichts der riesigen Zahl von Rezepten bei über 100 Krankenkassen organisieren, ohne in Bürokratie zu ersticken? Wegen der Rabattverträge oder bei Lieferengpässen stimmt das ärztlich verordnete Arzneimittel schließlich oft nicht mit dem tatsächlich abgegebenen Medikament überein. Zudem können sich die Einkaufspreise der Arzneimittel alle zwei Wochen ändern. Hersteller und Apotheken müssen an die Krankenkassen überdies Abschläge bezahlen, die zu berücksichtigen sind. Und auch die Patientenzuzahlungen müssen an die Kassen weitergegeben werden. Einen Großteil dieser Verwaltungsarbeit übernehmen Apothekenrechenzentren. Die ersten Rechenzentren wurden bereits in den 1960er Jahren eingerichtet. Heute gibt es bundesweit 18 hochmoderne Abrechnungszentren, die für die Apotheken tätig sind. Zentrale Aufgabe eines Rechenzentrums ist es, die Abrechnungen für die Apotheken zu erstellen, diese an die Krankenkassen zu übermitteln und die Zahlungen an die Apotheken weiterzuleiten. Dazu müssen zunächst die analogen Daten auf dem Papier in elektronische Daten umgewandelt werden. Hochgeschwindigkeitsbelegleser scannen die Rezepte ein und erstellen von jedem Rezept ein Bild in mehrfacher Ausfertigung, die sogenannten Images. Aus ihnen liest eine Datenerkennungssoftware alle Rezeptdaten aus. Aus den Daten werden dann automatisiert die Informationen erzeugt, die für die Prüfung und Abrechnung des Rezeptes relevant sind. Außerdem werden Daten zu abgerechneten Arzneimittelpackungen an den Nacht­- und Notdienstfonds des Deutschen Apothekerverbandes gesandt, der für jede abgegebene Packung 21 Cent zur Unterstützung der Notdienste erhält. Am Ende des Prozesses managt das Rechenzentrum den gesamten Zahlungsverkehr zwischen Krankenkassen, Herstellern und den Apotheken. Industrierabatte werden an die Krankenkassen weitergeleitet und Zahlungen der Krankenkassen an die Apotheken.

Quelle: ABDA / cn