Rizinus: die Giftpflanze des Jahres 2018

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Er ist ein echter Hingucker: der Rizinus (Ricinus communis). Wegen seiner dekorativen handförmigen Blätter und der weichstacheligen roten Kapselfrüchte setzt man ihn gerne als Zierpflanze in Parks und Gärten ein. Was für eine tödliche Gefahr diese Pracht birgt, ist jedoch nicht genug bekannt: Rizinus-Samen enthalten das äußerst giftige Ricin. Schon der Hautkontakt mit den auffällig marmorierten Samen kann riskant sein.

Zahlreiche Organisationen küren jedes Jahr ihre Pflanzen und Tiere des Jahres. Aus pharmazeutischer Sicht am interessantesten sind sicherlich die „Arzneipflanze des Jahres“ (in 2018 der Andorn) und die „Heilpflanze des Jahres“ (in diesem Jahr der Ingwer). Doch es lohnt sich, auch mal einen Blick auf die „Giftpflanze des Jahres“ zu werfen – aktuell den Rizinus. Verantwortlich für die Kür zur „Giftpflanze des Jahres“ ist jährlich der Botanische Sondergarten Wandsbek. Im Vorfeld kann sich jeder bei der Wahl beteiligen: Es gibt eine Vorschlagsliste mit mehreren Kandidaten, auf der man für den persönlichen Favoriten votieren kann.

Vorsicht, wenn die Samen reifen!

Der Rizinus stammt wahrscheinlich aus Nordostafrika und Indien. Er ist unkrautartig in den Tropen und Subtropen verbreitet. Dort erreicht das baumartige Gewächs Höhen bis zu
13 Metern. Bei uns wird der Rizinus häufig als einjährige Zierpflanze kultiviert. Innerhalb weniger Monate kann er sich aus dem Samen zu einem bis zu drei Meter hohen Gewächs entwickeln. Wegen seines schnellen Wachstums trägt er auch den Namen „Wunderbaum“. Wer kleine Kinder hat, sollte aber bei diesem Wolfsmilchgewächs (Euphorbiaceae) besonders vorsichtig sein, insbesondere wenn die Samen reifen. Am besten entfernt man die Fruchtstände bereits vor der Samenreife.

Ricin: höchste Giftkategorie

Rizinus-Samen enthalten das hochtoxische Ricin. Der Verzehr von zehn bis 20 Samen hat für Erwachsene tödliche Folgen.
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Rizinus-Samen sind circa ein bis zwei Zentimeter lang, glänzend und auffällig marmoriert. Sie sehen ein wenig aus wie übergroße, vollgesaugte Zecken. So kam die Pflanze auch zu ihrem Namen, denn das lateinische Wort „ricinus“ steht für „Zecke“. Die Rizinus-Samen haben es in sich: Neben dem giftigen Alkaloid Ricinin enthalten sie das hochtoxische Ricin. Dieses Lektin – ein Protein – gehört zu den giftigsten Substanzen überhaupt. Es wird in die höchste Giftkategorie (Klasse a: äußerst giftig) eingeordnet. Das Tückische: Die Samen sehen nicht nur sehr verlockend aus, sie haben angeblich auch einen angenehmen, haselnussartigen Geschmack. Der Verzehr von nur fünf bis sechs Samen ist für ein Kind bereits tödlich. Zehn bis 20 Samen töten einen Erwachsenen.

Symptome erst nach Stunden

Die Vergiftungssymptome machen sich erst nach mehreren Stunden bemerkbar: Übelkeit, blutiger Durchfall, Erbrechen, gefolgt von Leber- und Nierenschäden. Unbehandelt tritt der Tod nach circa 48 Stunden durch Herz- oder Kreislaufversagen ein. Aber nicht nur der Verzehr der Samen ist gefährlich. Es gibt Berichte über die Giftwirkung exotischer Schmuckketten, die unter anderem die dekorativen Rizinus-Samen enthalten. Da die Samenschale zum Auffädeln auf die Halskette durchbohrt werden muss, können die Toxine auf die Haut gelangen und resorbiert werden. Der häufige Kontakt mit den Samen kann außerdem allergische Reaktionen auslösen.

Nützliche Hilfe

Beim geringsten Verdacht einer Vergiftung sollte man sich unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben bzw. den Notarzt rufen. Das gilt natürlich auch für andere Vergiftungsursachen. Tipp: Hilfreiche Informationen zu Vergiftungsfällen bei Kindern bietet eine kostenlose Smartphone-App des Bundesinstituts für Risikobewertung: Direkt aus der App ist ein Anruf bei einem Giftinformationszentrum (GIZ) möglich. Wenn die Ortungsfunktion des Smartphones aktiviert ist, wird automatisch eine Verbindung zum zuständigen GIZ eines Bundeslandes hergestellt.

Rizinusöl – giftfreies Laxans

Obwohl die Rizinus-Samen derart giftig sind, kann aus ihnen giftfreies Öl gewonnen werden. Dank Kaltpressung und anschließender Wasserdampfbehandlung enthält das laxierend wirkende Samenöl kein Ricin. Für die abführende Wirkung ist die Fettsäure Ricinolsäure verantwortlich. Rizinusöl hat zudem für technische Zwecke einen großen Vorteil: Es behält eine gleichbleibende Viskosität, und zwar weitgehend temperaturunabhängig. Rizinusöl ist daher als Schmieröl geeignet, zum Beispiel für Flugzeuge und Schiffe.

Quellen: Botanischer Sondergarten Wandsbek (www.hamburg.de/wandsbek/giftpflanze-des-jahres/); Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR); Wink/van Wyk/Wink: Handbuch der giftigen und psychoaktiven Pflanzen, WVG 2008; Frohne/Pfänder: Giftpflanzen, 5. Aufl., WVG 2004; Van Wyk/Wink/Wink: Handbuch der Arzneipflanzen,3. Aufl., WVG 2015

Ulrike Weber-Fina
Diplom-Biologin, Fachjournalistin
onlineredaktion@ptaheute.de