Spielt die Blutgruppe bei Corona eine Rolle?

Wie die COVID-19-Erkrankunge verläuft, kann in Zusammenhang mit der Blutgruppe gebracht werden.
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Wer erkrankt schwer an COVID-19, bei wem verläuft eine SARS-CoV-2-Infektion eher mild? Neue Daten lassen den Verdacht aufkommen, dass neben Alter, Übergewicht und Vorerkrankungen auch die Blutgruppe eine Rolle spielen könnte. Wissenschaftler fanden, dass Blutgruppe 0 im Vergleich zu anderen Blutgruppen ein geringeres Risiko für schwere COVID-19-Erkrankungen haben könnte, während Patienten mit Blutgruppe A ein um 50 Prozent höheres Risiko für schwere Verläufe zeigen.

Woran liegt es, dass manche Patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion diese wohl völlig problemlos – und teilweise auch gänzlich symptomlos – wegstecken und andere Patienten schwer erkranken, beatmet werden müssen und sogar versterben? Was sich bislang gezeigt hat, dass Menschen bestimmter Risikogruppen häufiger schwere COVID-19-Verläufe zeigen als gesunde. Das Robert Koch-Institut (RKI) nennt ältere Personen, stark Übergewichtige (Adipöse) und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen, wie Herz-Kreislauferkrankungen (Koronare Herzerkrankung, Bluthochdruck), chronische Lungen- oder Lebererkrankungen, Diabetes mellitus, Krebs oder mit geschwächtem Immunsystem.
Anfang Juni kam ein weiterer Verdacht auf: Spielt die Blutgruppe vielleicht eine Rolle dabei, ob Menschen schwer oder weniger schwer an COVID-19 erkranken? Grund für diese Vermutung ist eine bislang nur als Vorabdruck (Preprint) veröffentlichte Studie – The ABO blood group locus and a chromosome 3 gene cluster associate with SARSCoV-2 respiratory failure in an Italian-Spanish genome-wide association analysis –, in der deutsche Wissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) gemeinsam mit  Forschern aus Norwegen Blutproben aus spanischen und italienischen Corona-Epizentren (Mailand, Monza, Madrid, San Sebastian und Barcelona) auswerteten. Die Studie soll mittlerweile wissenschaftlich begutachtet worden sein und in Kürze online beim renommierten New England Journal of Medicine (NEJM) erscheinen.

Zwei Genorte mit Sterblichkeit in Verbindung gebracht

Von insgesamt 1.980 Intensivpatienten mit COVID-19-bedingten Atemversagen, die entweder beatmet werden mussten oder mit Sauerstoff versorgt, wurde die Erbinformation untersucht. Die Kontrollgruppe bildeten 2.205 zufällig ausgewählte Männer und Frauen, die dem Studienbericht zufolge keinen Corona-Nachweis hatten. Aus jeder Blutprobe wurde die DNA isoliert und bei jeder einzelnen DNA-Probe wiederum etwa 8,5 Millionen Einzel-Nukleotid-Polymorphismen (SNPs) untersucht. Zwei Genorte fielen den Wissenschaftlern auf, die sie hochsignifikant mit einer höheren Sterblichkeit bei COVID-19 in Verbindung bringen konnten.

ACE2: Eintrittspforte von SARS-CoV-2 auch beteiligt?

Interessant ist, dass von sechs Genen auf Chromosom 3p21.31 eines (SLC6A20) für den Natrium-/Aminosäure (Prolin) Transporter 1 (SIT1) kodiert. Dieser interagiert wiederum mit Angiotensin-Converting-Enzym 2 (ACE2), dem Oberflächenrezeptor, den SARS-CoV-2 als Eintrittspforte in die Zelle zu nutzen scheint.

Blutgruppe A: 50 Prozent höheres Risiko

Beim anderen Chromosom 9q34 fanden sie das Signal am AB0-Blutgruppen-Ort. Die Auswertung nach Blutgruppen ergab, dass Patienten mit Blutgruppe A ein um 50 Prozent höheres Risiko für schwere Verläufe haben als Patienten mit Blutgruppe 0. Jedoch fanden die Forscher keinen signifikanten Unterschied in der Blutgruppenverteilung zwischen Patienten, die nur mit Sauerstoff versorgt wurden und Patienten, die mechanisch beatmet wurden.

Interleukin 6 und Fettleibigkeit bei Kindern

Wichtig ist den Wissenschaftlern eine weitere Beobachtung: Der „Haupt“-SNP rs657152 am AB0-Ort in der Studie wurde in früheren Genom-Analysen mit erhöhten Interleukin-6 (IL6)-Spiegeln bei Fettleibigkeit im Kindesalter in Verbindung gebracht. Das lasse eine hypothetische Verbindung zum festgestellten Zusammenhang von erhöhtem IL-6 mit dem Schweregrad und der Mortalität von COVID-19 zu. Interleukin 6 spielt insbesondere bei einer schweren Komplikation von COVID-19, dem Zytokinsturm in späteren Phasen der Erkrankung, eine wesentliche Rolle.

Blutgruppe schon in früheren Studien relevant

Bereits frühere Untersuchungen lieferten Hinweise, dass Blutgruppen eine Rolle bei COVID-19 spielen könnten: Am 27.März 2020 veröffentlichten chinesische Wissenschaftler einen Beitrag als Vorabdruck „Relationship between the AB0 Blood Group and the COVID-19 Susceptibility“. Sie verglichen die AB0-Blutgruppenverteilung bei 2.173 Patienten mit COVID-19 (bestätigt durch den SARS-CoV-2-Test) aus drei chinesischen Krankenhäusern in Wuhan und Shenzhen mit der Blutgruppenverteilung der Allgemeinbevölkerung aus den entsprechenden Regionen. Sie fanden, dass die Blutgruppe A im Vergleich zu Nicht-A-Blutgruppen mit einem höheren Risiko für den Erwerb von COVID-19 assoziiert war, hingegen wurde die Blutgruppe 0 im Vergleich zu Nicht-0-Blutgruppen mit einem geringeren Risiko für die Infektion in Verbindung gebracht. Hier wurde erstmals ein Zusammenhang zwischen dem AB0-Blutgruppensystem und COVID-19 beobachtet.
In einer weiteren Untersuchung „Testing the association between blood type and COVID-19 infection, intubation, and death“ werteten Wissenschaftler der Columbia University Beobachtungsdaten aus der Gesundheitsfürsorge von 1.559 Personen aus. Diese waren im New York Presbyterian Krankenhaus bei bekannter Blutgruppe auf SARS-CoV-2 (682 COV+) getestet worden. Auch hier ging es um den Zusammenhang zwischen der Blutgruppe AB0+Rh und dem Infektionsstatus, einer Intubation und dem Tod durch SARS-CoV-2. Man fand einen höheren Anteil der Blutgruppe A und einen niedrigeren Anteil der Blutgruppe 0 bei coronapositiven Patienten im Vergleich zu Patienten, die coronanegativ waren. In beiden Fällen war das Ergebnis jedoch nur bei Rh-positiven Blutgruppen signifikant. Der Effekt der Blutgruppe sei nicht durch die berücksichtigten Risikofaktoren erklärbar, wie Alter, Geschlecht, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Übergewicht und chronische Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen, so die Wissenschaftler. Die Daten lieferten jedoch keine eindeutigen Belege, dass es einen Zusammenhang zwischen der Blutgruppe und der Intubation oder dem Tod bei COVID-19-Patienten gibt, so die Wissenschaftler.