Wie sich die Pandemie auf unser Gewicht auswirkt

Untersuchung zu Essverhalten und Gewichtsveränderungen bei Familien

Hat sich das Essverhalten der Deutschen in der Pandemie verändert? | Bild: Maria Sbytova / Adobe Stock

Essen wir gesünder, weil wir öfter selbst kochen, oder wird doch vielleicht mehr „gesnackt“? Die COVID-19-Pandemie zeigt nicht nur Folgen bei tatsächlich Erkrankten, ein verändertes Sozial- und Essverhalten dürfte nahezu alle treffen. Wissenschaftler von der LMU München nahmen die Auswirkungen in Familien nun genauer unter die Lupe.

Rein virologisch betrachtet, beeinträchtigt COVID-19 Kinder kaum: Sie erkranken verglichen mit Erwachsenen kaum, zeigen nur selten schwere Verläufe und gelten eher als Überträger denn als Erkrankte. Das allein heißt allerdings nicht, dass die Pandemie spurlos an ihnen vorbeizieht. Für ärmere Länder (geringes und mittleres Einkommen im unteren Bereich) fürchtet man, dass Mangel- und Unterernährung sich durch die Pandemie verschlimmern. Und wie sieht es in Ländern mit hohem Einkommen aus? Laut einer Online-Umfrage unter 1.097 Erwachsenen in Polen aß die Hälfte der Befragten mehr (43 Prozent) und „snackte“ häufiger (52 Prozent). Nahezu jeder Dritte (30 Prozent) nahm 3 Kilogramm zu, 18 Prozent gaben an, 3 Kilogramm abgenommen zu haben.

Wie wirkt sich die Pandemie auf die Essgewohnheiten von Kindern aus?

Wie geht es Kindern – gewichts- und ernährungsmäßig – in Deutschland? Dieser Frage ging ein Team um Professor Berthold Koletzko nach. Koletzko lehrt als Professor für Kinderheilkunde an der LMU (Ludwig-Maximilians-Universität) München und leitet die Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung für Kinder und Jugendmedizin des Dr. von Haunerschen Kinderspitals (Kinder- und Kinderpoliklinik). Die Hypothese der Wissenschaftler: Die COVID-19-Pandemie wirkt sich durch Social Distancing und Schließung von Bildungseinrichtungen auf die Essgewohnheiten von Kindern und ihren Familien aus – und sie sollten Recht behalten.

Aufbau der Online-Umfrage

Die Wissenschaftler entwickelten eine repräsentative Online-Umfrage, die anhand von 15 Fragen Daten zum Essverhalten und zur Gesundheit in deutschen Familien während der Pandemie liefern sollte. Das Forsa-Institut war vom 11. bis 16. September 2020 mit der Umfrage betraut und fragte auch soziodemographische Merkmale, zum Beispiel Geschlecht, Alter, Einkommen, Familienstand und Schulbildung, ab, jedoch nicht den Migrationshintergrund. Es ging um die Pandemie-bedingten Änderungen während der letzten sechs Monate: Social Distancing, Kontaktbeschränkungen, Homeoffice, geschlossene Schulen und Kitas sowie Sporteinrichtungen. Befragt wurden 1.000 Eltern im Alter zwischen 20 und 65 Jahren, bei denen mindestens ein Kind bis zum Alter von 14 Jahren im selben Haushalt lebte. Die Haushalte wurden per Zufall ausgewählt, um eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung zu gewährleisten.

Homeoffice abhängig von Bildungsabschluss und Einkommen

Fast zwei Drittel der Eltern (64 Prozent) arbeiteten der Umfrage zufolge im Homeoffice (entweder ein Elternteil oder beide), und zwar zu gleichen Teilen vollständig von zuhause oder zumindest teilweise. Ob Eltern Homeoffice wahrnahmen, war assoziiert mit höherem Bildungsabschluss oder universitärem Studium und mit einem monatlichen Einkommen von mehr als 4.500 Euro (80 Prozent im Homeoffice).

Fast ein Drittel kochte häufiger selbst

Von allen befragten Familien berichteten 14 Prozent, dass sie sich während der letzten sechs Monate gesünder ernährt und öfter selbst gekocht hatten (30 Prozent). Eltern im Homeoffice nutzten diese Möglichkeit häufiger (20 Prozent ernährten sich gesünder, 43 Prozent kochten öfter selbst).

Essen liefern lassen

Kaum Unterschiede gab es bei Essenslieferungen oder dem Abholen von Mahlzeiten: Etwa jede zehnte Familie hatte diese externen Services während der Corona-Pandemie häufiger wahrgenommen. Und etwas mehr als jede zehnte erklärte, dass sie seltener Essen bestellt hatten, also das Gegenteil.

Mehr als ein Viertel der Eltern nahm zu

Die Wissenschaftler interessierte auch, wie sich das geänderte Ess- und Sozialverhalten auf das Körpergewicht der einzelnen Familienmitglieder ausgewirkt hat. Über ein Viertel (27 Prozent) der Eltern hatten zugenommen, und zwar Väter und Mütter zu gleichen Teilen. Die Wissenschaftler fanden bei der Gewichtszunahme werde einen Zusammenhang mit dem Einkommen der Familien noch mit dem Alter der Kinder oder der Größe der Gemeinde/Stadt, in der sie lebten.

Fast jedes zehnte Kind hat an Gewicht zugelegt

Anders bei Kindern: Fast jedes zehnte (9 Prozent) nahm an Gewicht zu – und hier gab es Unterschiede hinsichtlich des Schulabschlusses der Eltern. Bei Kindern, deren Eltern weniger als zehn Jahre eine Schule besucht hatten (keine Mittlere Reife, kein Abitur), lag der Anteil der Kinder mit Gewichtszunahme mit 23 Prozent deutlich höher. Hier ist die Gewichtszunahme allerdings nicht so einfach einzuordnen, da Kinder wachstumsbedingt ja natürlicherweise an Gewicht zunehmen. Gefragt wurde nach einer Corona-bedingten übermäßigen Gewichtszunahme, die über die normale Gewichtsentwicklung hinausgeht, erfuhr PTAheute im Gespräch mit Professor Koletzko.

Vor allem ältere Kinder

Auffallend ist auch, dass sich die Corona-Pandemie bei kleinen Kindern (vor Einschulung) kaum auf das Körpergewicht ausgewirkt hat. Bei Schulkindern, vor allem im Alter von zehn bis zwölf Jahren, nahm jedoch nahezu jedes fünfte an Gewicht zu (19 Prozent), hier war der Anteil der Jungen mit 24 Prozent höher als bei Mädchen (13 Prozent). 38 Prozent der Eltern berichteten zudem, dass sich ihre Kinder körperlich weniger betätigten, mit höherem Anteil bei älteren Kindern ab zehn Jahren.

Wie viel mehr Gewicht?

Doch wie viele Kilos haben die Kinder zugenommen, und gab es vielleicht auch Kinder, die abgenommen haben? PTAheute hat bei Professor Koletzko nachgefragt: „In der Gesamtgruppe wurde für 1 Prozent der Kinder eine Corona-bedingte Gewichtsabnahme angegeben, ohne erkennbaren Einfluss von Haushaltseinkommen, Größe der Wohngemeinde oder elterlichem Alter.“ Allerdings habe man das Ausmaß der Gewichtsveränderung nicht erfragt, weil dies für eine belastbare Interpretation einen Bezug auf SDS oder Perzentilen brauche, was die Möglichkeiten der gewählten Methode an die Grenze bringe, erklärt Koletzko.

Gut zu wissen: Was sind SDS und Perzentilen?

Für Kinder ordnet man das Gewicht zur Abschätzung des Körperfettanteils mit BMI-Perzentilen ein. Bei Perzentilen unter 10 liegt Untergewicht vor, bei Perzentilen über 90 Übergewicht, dazwischen Normalgewicht. SDS steht für Standard Deviation Score und verdeutlicht, wie stark der Perzentilenwert über oder unter dem BMI-Medianwert liegt (alters- und geschlechtsspezifisch).

Mehr Gemüse oder mehr Süßigkeiten?

Erfreulicherweise förderte die Pandemie bei manchen Familien den Konsum von Obst und Gemüse: 14 Prozent der befragten Familien gaben an, mehr Gemüse zu essen, bei Obst waren es 20 Prozent. Gleichzeitig aßen 13 Prozent der Familien weniger Fleisch und verarbeitete Fleischprodukte – diese drei Beobachtungen konnten die Wissenschaftler mit Eltern im Homeoffice in Verbindung bringen. Jede fünfte befragte Familie bestätigte jedoch auch, dass mehr „gesnackt“ wurde, sowohl gesalzene Knabbereien als auch Süßigkeiten, und dass mehr Softdrinks konsumiert wurden.

Vor allem Kinder aus benachteiligten Familien ernähren sich schlechter

Was schlussfolgern die Wissenschaftler aus diesen Beobachtungen? Vor allem Familien mit höherem Bildungsabschluss und höherem Einkommen, die im Homeoffice arbeiten, könnten mehr auf die Ernährung ihrer Kinder achten und durch vermehrtes Selbstzubereiten der Mahlzeiten Kantinenessen oder Fertiggerichte ersetzen. Da die Angaben zur Gewichtszunahme Selbstauskünfte der Familien sind, seien sie – wie alle anderen Anamnese- oder Fragebogenerhebungen auch – mit möglichen Unsicherheiten behaftet. Trotz aller Unschärfen bleibe der Befund der zunehmenden sozioökonomischen Ungleichheit der Gesundheit von Kindern unter Corona-Bedingungen überdeutlich – ähnlich der Pandemie-bedingten zunehmenden sozioökonomischen Ungleichheit der Bildung von Kindern. „Kinder aus benachteiligten Familien haben ein 2,5-fach höheres Risiko der Gewichtszunahme, mit einem ebenfalls höheren Risiko für schlechtere Ernährung und weniger Bewegung“, so Koletzko.