Aktuelles
4 min merken gemerkt Artikel drucken

Digital Detox: Wie sinnvoll sind kurze Pausen?

In einem Korb auf einem Tisch liegen drei ausgeschaltete Smartphones
Langfristig positive oder negative Effekte hat ein kurzzeitiges Digital Detox nicht. | Bild: Oksana Klymenko / AdobeStock

Immer häufiger verkünden Influencer und andere Internetnutzer, sich für eine Woche aus den sozialen Medien zurückzuziehen. Durch dieses „Digital Detox“ erhoffen sie sich positive Effekte im Hinblick auf ihren Umgang mit dem Internet. 

Eine kleine britische Studie zeigt nun: Bei nur einigen Tagen Enthaltsamkeit halten sich positive und negative Auswirkungen wohl eher die Waage. Entzugsähnliche Effekte wurden nicht gefunden, wie das Forscherduo in der Fachzeitschrift „PLOS One“ schreibt.

Kurzzeitiges Digital Detox hat kaum Auswirkungen

Ausgangspunkt der Studie waren Untersuchungen zum Suchtpotenzial moderner Technologien. Diese hätten nahegelegt, dass es bei einem abrupten Stopp der Nutzung sozialer Medien zu Entzugserscheinungen ähnlich wie bei Drogenkonsum kommen könne und dass „digitales Entgiften“ – Digital Detox – sich positiv auf Wohlbefinden und psychische Gesundheit auswirke.

Für ihre Studie baten die Wissenschaftler 16 Männer und 35 Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, ihre mäßig bis starke Nutzung sozialer Medien wie Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter, TikTok und YouTube deutlich zu reduzieren. 

Für ihre Probanden ließen sich keine auffälligen, wie in den anderen Studien beschriebenen, Zusammenhänge zeigen, erläutern die Forscher. Die Nutzungseinschränkung habe nuancierte und potenziell gegenläufige Auswirkungen auf das Wohlbefinden gehabt. Durch die Einschränkung könnten Erfahrungen wegfallen, die negative Emotionen auslösen – wie soziale Vergleiche oder die Angst, etwas zu verpassen. Das gelte aber ebenso für positive Emotionen wie soziale Anerkennung.

Digital Detox: Statt Instagram Online-Shopping

Die meisten Teilnehmenden waren demnach zwar in der Lage, ihre Nutzung sozialer Medien die ganze Woche lang deutlich zu reduzieren – nur sieben blieben allerdings erfolgreich komplett abstinent. Die Rückfall-Rate sei also sehr hoch. 

Zudem sei vielfach angegeben worden, dass zum Ausgleich mehr Zeit etwa mit Videospielen oder Online-Shopping verbracht wurde. Vorgaben, die Handynutzung insgesamt einzuschränken, hatte es bei der Studie nicht gegeben.

Es könne sein, dass potenzielle Negativeffekte durch das Ausweichen auf andere Digitalangebote sowie die überwiegend nur eingeschränkte, aber nicht komplett gestoppte Nutzung sozialer Medien verhindert wurden, erläutert das Forscherduo. Dazu müssten größere Studien folgen. Wesentliche Auswirkungen auf die eigene Stimmung hätten Menschen, die sozialen Medien lediglich für einige Tage den Rücken wenden, jedenfalls nicht zu erwarten.

Social Media: Nutzung reflektiert betrachten

Der nicht an der Studie beteiligte Wissenschaftler Leonard Reinecke von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beurteilt die Forschung zu „Digital Detox“ insgesamt kritisch. Allein schon die Definition dafür sei unklar. Zudem stelle sich bei Probanden schon durch das Auferlegen nicht selbst gewählter Einschränkungen ein negatives Gefühl ein, sagt der Professor für Medienwirkung und Medienpsychologie.

Reinecke hält wenig davon, bei starker Social-Media- oder Smartphone-Nutzung gleich von Sucht zu sprechen. Das sei „sicherlich in den allermeisten Fällen völlig unbegründet“. Es gebe nur einen sehr kleinen Anteil von Nutzerinnen und Nutzern, die tatsächlich problematisches und suchtartiges Verhalten zeigten. Bei diesen lägen zudem häufig verschiedene Suchterkrankungen gleichzeitig vor.

Das Smartphone sei letztlich zu einem zentralen Hub (Anm. d. Red.: Knotenpunkt, Sammelpunkt) geworden für ganz viele verschiedene Anwendungen, die positive wie negative Gewohnheiten hervorrufen könnten, sagt Reinecke. 

Der zentrale Schritt müsse Selbstreflexion sein. Etwa: „Was mache ich eigentlich mit meinem Smartphone in den Social Media? Was davon erlebe ich als bereichernd? Was tut mir gut?“ So könnten potenzielle Negativschleifen durchbrochen werden. Quelle: dpa / mia