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ADHS bei Erwachsenen: Symptome und Behandlung

Derzeit berichten einige deutsche Online-Portale über Model und Entertainerin Heidi Klum. Grund sind nicht etwa ihre TV-Show „Germany's Next Topmodel“ oder die jüngste Doku-Reihe „On & Off the Catwalk – by Heidi Klum“, sondern eine Form von ADHS, von der Klum betroffen sei. Darüber sprach die Entertainerin gegenüber der Zeitschrift Glamour in einem Interview.
Demnach sieht Klum ihre Form der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung aber nicht als hinderlich an. Sie erklärt gegenüber dem Magazin: „Ich sehe ADHS als etwas Positives, als meine Superpower.” Aufgrund ihrer Hyperaktivität könne sie tausend unterschiedliche Sachen auf einmal machen und sich immer neue Projekte aufladen.
Zur Erinnerung: Unterschied zwischen ADS und ADHS
Beim Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) leiden Patienten unter Unaufmerksamkeit, Konzentrationsstörungen und Ablenkbarkeit.
Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kommen zusätzlich motorische Hyperaktivität und Impulsivität hinzu.
Im Gegensatz zu Klum ist ADHS für andere Betroffene eine große Belastung. Je nach Ausprägung und Schweregrad sind die Symptome der Erkrankung unterschiedlich. Im Gegensatz zu Klum ist ADHS für andere Betroffene eine große Belastung.
ADHS tritt bereits in der Kindheit auf
ADHS hängt vermutlich mit einem gestörten Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn zusammen – in der Regel von Kindheit an. Außer nach Unfällen mit Hirnschädigung können Erwachsene die psychische Erkrankung nicht plötzlich bekommen. Vererbung spielt nach dem heutigen Stand der Forschung die größte Rolle.
Doch kein einzelnes Gen ist verantwortlich, es ist ein wechselndes Zusammenspiel von Erbfaktoren. „Der Punkt, an dem es kippt, ist nicht klar definiert“, sagt Andreas Reif, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Uniklinik Frankfurt.
Eine wichtige Rolle beim Ausgleich spielten intellektuelle Fähigkeiten. Deshalb bekomme auch nicht jeder Mensch mit dieser Dopamin-Störung automatisch Probleme im Leben.
Nicht mehr Diagnosen, aber mehr Aufmerksamkeit für ADHS
Neben Klum berichteten in der Vergangenheit auch zunehmend Influencer und andere Prominente wie Jennifer Lopez und Justin Bieber auf sozialen Plattformen über ihre ADHS-Erkrankungen sowie ihren Erfahrungen damit. Dies scheint zumindest in den sozialen Medien einen Trend hervorgerufen zu haben, dass vermehrt Erwachsene sich die Frage stellen, ob sie vielleicht auch betroffen sind.
Diese Beobachtung machte auch Arzt und Fernsehmoderator Eckart von Hirschhausen in einer TV-Doku. In dieser ging er auch der Frage nach, wie oft Erwachsene an der Störung leiden, ohne von ihr zu wissen und entsprechend Hilfe zu bekommen.
Nach Daten der Krankenkasse AOK gab es zwischen 2006 und 2023 bei den Diagnosen tatsächlich einen Anstieg von hyperkinetischen Störungen, zu denen auch ADHS zählt, von 0,1 auf 0,5 Prozent bei erwachsenen Mitgliedern.
Die Medizin geht jedoch davon aus, dass konstant 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung an ADHS leiden. Diese Zahl steigt also nicht, augenscheinlich aber die Wahrnehmung der Erkrankung.
Diagnose ADHS wird oft spät diagnostiziert
Experte Reif sieht in Deutschland eine erhebliche Diagnoselücke. Vier von fünf Betroffenen haben nach seinen Angaben keine ärztliche Bestätigung ihres ADHS. „Wobei längst nicht jeder Fall behandlungsbedürftig ist“, schränkt der Medizinprofessor ein.
Zwar ist die Diagnosestellung ab Beginn des Schulalters möglich, doch wird sie oftmals erst später gestellt. Dabei handelt es sich um eine klinische Diagnose mit einer Befragung der Betroffenen, der Eltern und gegebenenfalls weiterer Bezugspersonen. Zusätzliche apparative Untersuchungen sind möglich, aber nur unterstützend.
Als Hilfestellungen können Tests wie der WURS- oder der HASE-Test durchgeführt werden. Die Wender Utah Rating Scale (WURS) dient der retrospektiven Diagnostik kindlicher ADHS-Symptome.
Beim HASE-Test (Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene) werden die verschiedenen Ausprägungen von ADHS abgefragt wie Hyperaktivität, Impulsivität, Desorganisiertheit und Unaufmerksamkeit. Es ergibt sich ein Score-Wert, der die Diagnose stützen kann.
Gut zu wissen: Diagnosekriterien für ADHS bei Erwachsenen
- Symptombeginn in der Kindheit
- mindestens sechs Anzeichen der drei Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität
- Probleme in mehr als einem Lebensbereich
- starke Beeinträchtigung des Berufs- und Soziallebens Quelle: www.gesundheitsinformation.de/adhs-bei-erwachsenen.html
ADHS ist keine moderne Erkrankung
Wirklich Betroffenen wiederum wird das abwertende Label „Modediagnose“ kaum gerecht. Ihr Leidensdruck kann hoch sein. Manche schaffen es nicht, sich auf die wichtigen Dinge in ihrem Leben zu konzentrieren, spüren häufig innere Unruhe, ecken beruflich und privat immer wieder an, reagieren über.
ADHS hat dabei weder etwas mit viel Daddeln am Handy zu tun noch mit den wachsenden Multitasking-Anforderungen der heutigen Arbeitswelt. Für Reif, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), ist es keine Erkrankung der Moderne. „Sie ist schon vor 300 Jahren beschrieben worden.“
Der Unterschied: Bei Schreibtischjobs falle ADHS eher auf als früher bei meist schwerer körperlicher Arbeit in Landwirtschaft, Handwerk oder Industrie.
Lange dachten Mediziner, dass sich die Dopamin-Störung nach der Kindheit auswachse. Doch was fehlte, waren Langzeitstudien. Heute nimmt die DGPPN an, dass ADHS im Erwachsenenalter bei mindestens 60 Prozent der Betroffenen fortbesteht.
ADHS hat unterschätzte Folgeerkrankungen
„Manche Erwachsene mit ADHS machen Dinge, die sie bei längerem Nachdenken nicht getan hätten“, beschreibt es Mediziner Reif. Er denkt dann zum Beispiel an Unfälle wegen Unaufmerksamkeit und generell an Risikobereitschaft.
Suchterkrankungen, Depressionen, Angststörungen sowie die Borderline-Störung könnten ihre tiefere Ursache deshalb auch in ADHS haben. Die psychische Erkrankung kann Menschen impulsiver machen, manchmal bis hin zum Kontrollverlust, auch bis zur Kriminalität.
Sie kann auch, ähnlich wie eine bipolare Störung, große Gefühlsschwankungen hervorrufen. Sehr häufig ist die Konzentrationsfähigkeit massiv gestört.
Wie verhalten sich Menschen mit ADHS?
Der Eindruck des permanenten Versagens oder Nicht-Hineinpassens im Berufs- und Privatleben kann Betroffene quälen. Zwangsläufig sei solches Scheitern aber nicht, betont Reif.
Vor allem Menschen mit hohem Intellekt oder guter Anpassungsfähigkeit seien oft in der Lage, für sich eine passende Nische zu finden. Denn Männer und Frauen mit ADHS denken oft besonders schnell und kreativ, haben viel Schwung, handeln fix und gelten als witzig, emphatisch und hilfsbereit. Vielleicht sind also nicht zufällig viele Künstlerinnen und Künstler unter den Promis, die sich mit ADHS outen.
Die psychische Erkrankung verläuft auch nicht gleichmäßig über die gesamte Lebensspanne hinweg. Die Belastung schwankt, mal geht es besser, mal schlechter – vor allem, wenn große Aufgaben anstehen wie ein Examen oder die eigene Familiengründung.
Gut zu wissen: ADHS-Symptome bei Erwachsenen
Im Erwachsenenalter können neben den Kernsymptomen des ADHS noch weitere Symptome auftreten:
- Unaufmerksamkeit: Einschränkung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit
- psychomotorische Hyperaktivität: innere Unruhe, Anspannung
- Impulsivität: vorschnelles, unüberlegtes Handeln
- weitere mögliche Symptome: geringes Selbstwertgefühl, starke Gefühls- und Stimmungsschwankungen, geringe Frustrationstoleranz, Probleme in sozialen Beziehungen
Therapie von ADHS bei Erwachsenen
Die leitliniengerechte Therapie von ADHS orientiert sich an der Ausprägung der Symptomatik und der Präferenz der Betroffenen. In leichten Fällen werden in der Regel psychologische Maßnahmen, wie z. B. Psychoedukation (Aufklärung über die Erkrankung und Therapie), Psychotherapie sowie Achtsamkeitstraining, eingesetzt.
Ab einer mittelgradigen Symptomatik können auch Arzneimittel eingesetzt werden. Seit 2011 sind ADHS-Medikamente für Erwachsene in Deutschland zugelassen. Eine Meta-Analyse im Fachjournal „The Lancet Psychiatry“ bestätigte, dass die Stimulanzien Amphetamin und Methylphenidat die Kernsymptome bei Erwachsenen meist schnell verringern können.
Wenn Stimulanzien beispielsweise auf Grund einer Suchtanamnese nicht eingesetzt werden können, kann auf den selektiven Noradrenalin-Reuptake-Inhibitor Atomoxetin oder den α2A-Rezeptor-Agonist Guanfacin (Off-Label-Use bei Erwachsenen) ausgewichen werden.
Eine Psychotherapie allein hilft demnach weniger gut, zusammen mit Medikamenten könne sie aber psychische Begleitprobleme eindämmen.
Ein Problem: Die Wartelisten für eine Diagnose bei Fachärzten sind lang, es kann viele Monate dauern bis zu einem Termin. Fachleute wissen auch, was bei ADHS nicht hilft: Berge von Ratgeberliteratur, Orga-Apps und gut gemeinte Tipps wie Wecker stellen, Notizzettel aufhängen und To-do-Listen schreiben.
„Es ist kein Nicht-Wollen, es ist ein Nicht-Können“, bilanziert Facharzt Reif. Es ist das Grunddilemma vieler psychischer Erkrankungen. Quelle: dpa / mia