Polio-Impfung

Bild: Oksana Kuzmina / AdobeStock

Die Poliomyelitis-Erkrankung (Kinderlähmung) verbreitete bis vor wenigen Jahrzehnten Angst und Schrecken. Noch heute leiden allein in Deutschland mindestens 50.000 Menschen an den Folgen der Virusinfektion. Im Jahr 1988 startete die WHO eine globale Initiative zur Ausrottung von Polio – mit großem Erfolg. Ganz Europa gilt schon seit vielen Jahren als Polio-frei. Dennoch ist die Impfung auch bei uns nach wie vor notwendig.

Von der Schluckimpfung zur Spritze

„Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“. So lautete der frühere Slogan, der die groß angelegte Polio-Impfkampagne begleitete. Ab den 1960er-Jahren wurde auf einem Stückchen Zucker der Polio-Impfstoff verabreicht. Da diese orale Lebendvakzine aber in seltenen Fällen zu Lähmungen führte, wird mittlerweile die inaktivierte Polio-Vakzine (IPV) verwendet, die injiziert wird.

Virus-Einschleppung möglich

Bevor die WHO vor 30 Jahren das Polio-Impfprogramm einführte, erkrankten weltweit mehr als 1.000 Kinder pro Tag an Polio. Im gesamten Jahr 2016 wurden dagegen weltweit nur noch 37 Polio-Erkrankungen registriert. Gegenwärtig zirkulieren Polio-Viren noch in Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Durch die Flüchtlingszuwanderungen aus diesen Ländern besteht die Gefahr, dass Polio-Viren auch nach Deutschland eingeschleppt werden. Neben einer Grundimmunisierung im Säuglings-/Kleinkindalter ist deshalb eine Polio-Impfung für Bewohner und Personal von Flüchtlingsunterkünften indiziert.

Von harmlos bis dramatisch

In den meisten Fällen verläuft eine Polio-Erkrankung so harmlos wie ein grippaler Infekt. Jeder Infizierte kann dennoch über mehrere Wochen Polio-Viren mit dem Stuhl ausscheiden. Das Virus wird vor allem fäkal-oral per Schmierinfektion übertragen, daneben auch über Tröpfcheninfektion. Die Inkubationszeit beträgt 3 bis 35 Tage. Dramatisch wird die Erkrankung in den Fällen, wenn Viren das Zentralnervensystem befallen. Dann können Rückenmarkszellen zerstört werden und dadurch die gefürchteten bleibenden Lähmungen an Gliedmaßen oder Rumpf eintreten. Eine häufige Spätfolge der Kinderlähmung ist das Post-Polio-Syndrom: Jahrzehnte nach der akuten Erkrankung kommt es zu Muskelschwund, Lähmungen, Atemproblemen etc.

Polio-Impfschutz

Die Polio-Impfung wird heute mit einer inaktivierten Polio-Vakzine (IPV) durchgeführt. Jeder sollte einen vollständigen Polio-Impfschutz haben. Wer nicht komplett grundimmunisiert wurde bzw. später keine Auffrischimpfung erhalten hat, sollte fehlende Impfungen nachholen. Für die Impfung stehen zum einen Einzelimpfstoffe zur Verfügung (z.B. IPV-Mérieux). Es kann aber auch mit Fünffachimpfstoffen zusätzlich gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Haemophilus influenzae Typ b geimpft werden (z.B. Infanrix-IPV+Hib®, Pentavac®). Sechsfach-Kombinationsimpfstoffe schützen darüber hinaus noch vor Hepatitis B (z.B. Infanrix hexa®, Hexyon®). Sie werden üblicherweise im Rahmen der Grundimmunisierung im Säuglings-/Kleinkindalter verwendet. Außerdem gibt es Polio-Impfstoffe für die Auffrischimpfung ab dem Kindesalter (z.B. Boostrix Polio®, Repevax®). Die Impfstoffe sind meist gut verträglich. Neben lokalen Impfreaktionen können Fieber, Magen-Darmbeschwerden, Kopf- und Gliederschmerzen auftreten. Nur in Einzelfällen kommt es zu Fieberkrämpfen.

STIKO-Impfempfehlungen

Standardimpfempfehlung:

  • alle Kleinkinder ab 2 Monaten
  • alle Personen mit fehlendem oder unvollständigem Impfschutz

Indikationsimpfempfehlung:

  • Reisende in Regionen mit Infektionsrisiko (als Auffrischimpfung, wenn die letzte Impfung länger als 10 Jahre zurückliegt)
  • Füchlinge und Asylbewerber in Gemeinschaftsunterkünften, die aus Regionen mit Polio-Risiko einreisen.
  • Personal in diesen Einrichtungen
  • medizinisches Personal, das mit Polio-Viren in Kontakt kommen könnte

Impfschema und Impfstoffe

  • Polio-Impfstoffe werden aus inaktivierten Polio-Viren hergestellt. Es gibt Polio-Monovakzine (z.B. IPV-Mérieux) sowie DTaP-IPV-Hib-Kombinationsimpfstoffe (z.B. Infanrix-IPV+Hib®, Pentavac®) bzw. DTaP-IPV-HepB-Hib-Kombinationsimpfstoffe (z.B. Infanrix hexa®, Hexyon®), außerdem Auffrischimpfstoffe (z.B. Boostrix Polio®, Repevax®)
  • Die bis zu vier Teilimpfungen der Grundimmunisierung sollten im Alter von 2, 3, 4 sowie 11 bis 14 Monaten erfolgen. (Fehlende Impfungen sollten später nachgeholt werden.) Eine einmalige Auffrischimpfung sollte zwischen 9 und 17 Jahren erfolgen.
  • Zwischen den einzelnen Impfstoffgaben der Grundimmunisierung soll ein Mindestabstand von 4 Wochen liegen.
Ulrike Weber-Fina
Diplom-Biologin, Fachjournalistin
onlineredaktion@ptaheute.de