Leseprobe PTAheute 5/2020 – Sind Schmerzen die Regel?

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Viele Frauen leiden unter Regelschmerzen, auch als Dysmenorrhö bekannt. Doch das monatliche Leiden muss nicht sein, denn in der Apotheke stehen einige Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Was Sie Ihren Kundinnen empfehlen können, lesen Sie hier.

Frau Frietsch kommt in die Apotheke und bittet um ein Schmerzmittel gegen ihre Mens­truationsbeschwerden. Von einer Freundin habe sie von Cannabis-Tampons gehört. Sie sei für jeden Tipp dankbar, denn ihre Regelschmerzen seien einfach unerträglich, aber wahrscheinlich müsse sie da einfach durch – ein normales Leiden im Frauenleben eben. Ist das wirklich so?

30 bis 40 % aller Frauen leiden unter diesen Schmerzen, etwa 10 bis 20 % der Frauen sind sogar so stark davon beeinträchtigt, dass sie ihren alltäglichen Aufgaben nicht mehr nachgehen können. Richtig ist also, dass nicht alle Frauen von diesem Leiden betroffen sind, gleichzeitig aber auch, dass es sicherlich nicht als „normale“ Bagatelle bezeichnet werden kann.

Primäre Dysmenorrhö

Was verbirgt sich aber genau unter dem Fachbegriff „Dysmenorrhö“, der für Regelschmerzen verwendet wird? Er bezeichnet krampf- oder kolikartige Schmerzen während der Regelblutung. Die Beschwerden beginnen oft bereits einen Tag vor der Menstruation und dauern durchschnittlich drei Tage an. Neben den typischen Unterleibsschmerzen können auch Kopfschmerzen, Müdigkeit, Brustspannen, Übelkeit bis hin zu Erbrechen, Durchfall und depressive Verstimmungen dazukommen. Bei der primären Dysmenorrhö, die meist schon ab der ersten Regelblutung auftritt, entstehen die typischen Schmerzen durch das Zusammenziehen der Gebärmutter und der damit einhergehenden Minderdurchblutung des Gewebes. Auslöser dieser Uteruskontraktionen sind die zu diesem Zeitpunkt vermehrt gebildeten Prostaglandine. Risikofaktoren können beispielsweise eine besonders empfindliche Reaktion der Gebärmutter auf Prostaglandine, eine Lageanomalie der Gebärmutter oder auch eine gestörte Hormonbalance mit Überwiegen der Estrogene gegenüber den Gestagenen sein. Auch Rauchen und ein BMI unter 20 kg/m2 begünstigen die Entwicklung einer Dysmenorrhö. In ihrem neu erschienenen, mutigen Buch „Rot ist doch schön“ schreibt die Autorin Lucia Zamolo, dass besonders auch der Teufelskreis, durch den Menstruationsbeschwerden zu Scham und Scham wiederum zu Menstruationsbeschwerden führt, durchbrochen werden muss.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ibuprofen oder Naproxen eignen sich in der Selbstmedikation (unter Beachtung der jeweiligen Kontraindikationen) am besten zur Behandlung von Regelschmerzen.
  • Paracetamol (Vorsicht bei Leber- und Niereninsuffizienz) kann bei Kontraindikationen gegen die beiden empfohlen werden.
  • Zusätzlich können verschiedene Wärmeanwendungen, Entspannungsübungen, TENS, regelmäßiger Ausdauersport oder Medikamente aus der alternativen Medizin helfen.
  • Die Schmerzen müssen ernst genommen werden. Treten sie regelmäßig und vor allem stark auf, muss unbedingt eine ärztliche Untersuchung erfolgen.

Sekundäre Dysmenorrhö

Die sekundäre Dysmenorrhö, also mit organisch-pathologischen Störungen, tritt häufig erst im Alter von 30 bis 40 Jahren auf. Sie kann durch Veränderungen des Uterus, wie zum Beispiel Myome oder Polypen, entstehen. Außerdem ist sie das wichtigste Symptom bei der Endometriose (siehe blauer Kasten auf Seite 24). Auch mechanische Verhütungsmethoden wie etwa eine Spirale oder eine Eileiterschwangerschaft können die Ursache sein. Oft treten die Beschwerden schon einige Tage vor der Regelblutung auf und bleiben dann meist während der gesamten Menstruationsdauer unverändert bestehen.

Zum Arzt?

Patientinnen mit einer sekundären Dysmenorrhö mit neu auftretenden und vor allem sich verschlimmernden und sehr starken Beschwerden sollte man in der Apotheke immer zunächst zum Frauenarzt schicken. Auch Mädchen unter 15 Jahren und Frauen mit Blutungsunregelmäßigkeiten müssen an den Arzt verwiesen werden. Nicht zu vergessen ist bei allen Frauen, sie an die regelmäßige, mindestens jährlich durchzuführende Untersuchung beim Gynäkologen zu erinnern.

Endometriose – etwa 10 % der Frauen sind betroffen

Definition

  • Vorkommen von gebärmutterschleimhautähnlichem Gewebe (Endometrium = Gebärmutterschleimhaut) außerhalb der Gebärmutterhöhle
  • das gutartige Gewebe baut sich zyklisch auf, kann sich aber nicht, wie in der Gebärmutterhöhle, nach außen entleeren
  • dadurch entstehen Entzündungen, Zysten, Verwachsungen und Narben, zum Beispiel an den Eierstöcken, im Darm oder in der Harnröhre

Symptome (bei circa 60 bis 70 % der betroffenen Frauen):

  • chronische Bauch- und Rückenschmerzen, vor allem während und kurz vor der Menstruation
  • Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
  • manchmal auch Schmerzen beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang
  • eventuell Unfruchtbarkeit

Diagnose

  • sicher nur durch eine Bauchspiegelung mit anschließender Untersuchung einer Gewebeprobe

Therapie

  • operative Entfernung der Endometrioseherde oder -zysten
  • medikamentöse Therapie durch hormonelle Hemmung der Endometrioseherde (reine Gestagenpräparate, orale Kontrazeptiva, GnRH-Analoga)
  • Einsatz von Analgetika/Antiphlogistika (NSAIDs, seltene Opioide und Co-Analgetika wie Amitriptylin, Pregabalin oder Gabapentin)
  • psychotherapeutische Maßnahmen zur Bewältigung des chronischen Leidens. Dazu gehören beispielsweise die Verhaltenstherapie, die Hypnose, aber auch das Erlernen von Entspannungstechniken

Was kann helfen?

Den meisten Frauen mit einer primären Dysmenorrhö hilft Ruhe, manchmal auch leichte sportliche Betätigung. Wenn möglich, sollten sie sich eine „Pause vom Alltag“ gönnen, denn Anspannung und Stress können die Schmerzen verstärken. Hilfreich ist das Erlernen von Entspannungsmethoden wie Yoga oder progressive Muskelrelaxation. Vielen hilft bereits der krampflösende Effekt einer Wärmflasche, eines warmen Kirschkernkissens oder eines Vollbades. Für unterwegs können spezielle Wärmepflaster (z. B. ThermaCare® Wärmeauflagen bei Regelschmerzen) empfohlen werden.

Nicht immer ist sofort Zeit für Ruhe und Entspannung. In diesem Fall steht die symptomatische Behandlung der Beschwerden an erster Stelle. Das kann bei Durchfall ein Antidiarrhoikum, bei starker Übelkeit beispielsweise ein pflanzliches Prokinetikum oder ein H1-Antihis­taminikum sein. Meist stehen aber die Schmerzen im Vordergrund. Dann sind aus der Gruppe der NSAIDs (non-steroidal anti-inflammatory drugs) Ibuprofen (z. B. Dolormin®, Ibu-ratiopharm® und Generika) oder Naproxen (z. B. Dolormin® für Frauen, Naproxen 1 A Pharma®) die zu bevorzugenden Wirkstoffe. Die Wirkung von Ibuprofen tritt am schnellsten ein, die von Naproxen hält dafür länger an (bis zu zwölf Stunden). Ibuprofen kann auch bei Stillenden eingesetzt und auch jungen Mädchen empfohlen werden (Dosierung im Alter von zehn bis zwölf Jahren: ein- bis viermal täglich 200 mg). Naproxen dagegen ist bei Stillenden kontraindiziert und soll – wie auch Ibuprofen – bei Patientinnen mit Neigung zu gastrointestinalen Blutungen oder Ulkusleiden und schwerer Niereninsuffizienz nicht eingenommen werden. Es eignet sich für Jugendliche und Erwachsene ab zwölf Jahren in einer Dosierung von initial 500 mg (zwei Ta­bletten) und nach acht bis zwölf Stunden bei Bedarf weitere 250 mg. Auch Acetylsalicylsäure ist bei Regelschmerzen effektiv, kann aber die Blutung verstärken.

Krämpfe lösen

Wenn eine Kontraindikation für NSAIDs besteht, kann Paracetamol eingesetzt werden, welches aber bei Regelschmerzen tendenziell etwas schwächer wirkt. Seine Wirkung bei dieser Indikation kann durch das Spasmolytikum Butylscopolamin (z. B. in Buscopan® plus) verstärkt werden. Zu beachten sind dabei die Kontraindikationen wie Blasenentleerungsstörungen, Engwinkelglaukom und Stenosen des Magen-Darm-Traktes. Auch kann die Reaktionsfähigkeit durch diesen Wirkstoff beeinträchtigt werden. Für die Beratung in der Apotheke ist relevant, dass manche Frauen individuell auf manche Substanzen besser ansprechen als auf andere. Bei bisheriger nicht ausreichender Schmerzhemmung kann ein Präparatewechsel deshalb durchaus empfohlen werden.

Bei stärkeren Regelschmerzen, die sich mit den genannten Schmerzmitteln aus der Selbstmedikation nicht zufriedenstellend behandeln lassen, muss, wie oben beschrieben, die Patientin zum Gynäkologen. Dieser kann dann gegebenenfalls orale Kontrazeptiva oder andere hormonhaltige Verhütungsmittel verordnen. Dadurch wird die Regelblutung schwächer und die Biosynthese schmerzauslösender Prostaglandine gehemmt. Jedoch dürfen hier die bekannten Nebenwirkungen der „Pille“, wie das erhöhte Risiko für Thromboembolien, nicht außer Acht gelassen werden.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Für Ihre akuten Regelschmerzen empfehle ich Ihnen diese Ibuprofentabletten, damit wird der Schmerz schnell besser werden.“
  • „Unterstützen können Sie die Wirkung mit einer Einreibung mit diesem Lavendelöl. Daraus können Sie sich auch heute Abend eine warme Ölkompresse machen: einfach zwei doppelt gelegte Papiertaschentücher damit beträufeln, in Backpapier einwickeln, zwischen zwei Wärmflaschen aufwärmen und dann auf den Bauch legen. Die erwärmte Ölkompresse decken Sie dann mit einem Handtuch und zusätzlich z. B. einem Wollschal ab.“
  • „Bitte denken Sie auch an Ihre jährliche Untersuchung beim Frauenarzt, denn Ihre starken Schmerzen können verschiedene Ursachen haben.“

Pflanzliche und alternative Medizin

Etliche Frauen möchten gerne „natürlich“ durch die „Tage“ gehen. Für diese und zur Unter­stützung der Schmerztherapie und auch zur Einsparung von Schmerzmitteln können ­beispielsweise Agnus-castus-Präparate aus Mönchspfefferfrüchte-Trockenextrakt (z. B. in Agnucaston®, Agnolyt® oder Biofem®) empfohlen werden. Diskutiert wird hier eine hormonähnliche Wirkung, die bei einer Einnahme von mindestens drei Monaten zur Normalisierung der Beschwerden führen kann. Auch andere Pflanzen, wie Frauenmantel, Traubensilberkerze, Schafgarbe, Kamille, Brennnessel und Gänsefingerkraut, werden zum Beispiel in Tees traditionell bei Regelschmerzen eingesetzt.

Aus der anthroposophischen Medizin sind Nicotiana comp. Globuli velati von Wala oder Menodoron® Tropfen von Weleda geeignete Mittel bei Regelschmerzen. Der „Klassiker“ aus der Biochemie bei krampfartigen Schmerzen ist die „heiße Sieben“ (z. B. als DHU SchüßlerSalz Nr. 7® im Sachet). Homöopathische Komplexmittel, welche sich gut in der Selbstmedikation eignen, sind beispielsweise DHU Magnesium phosphoricum Pentarkan® Tabletten, Pascofemin® Tabletten oder Hormeel® SNT Tropfen. Akut können auch warme Melissenölwickel (z. B. Wala® Melissenöl) oder Einreibungen mit Lavendelöl (z. B. Weleda Lavendelöl 10 %) helfen.

Trend Reizstromtherapie

Die sogenannte transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), eine elektromedizinische Reizstromtherapie, wird ebenfalls bei Dysmenorrhö angewendet. Die Geräte werden mit Erfolg bei anderen Schmerzen wie Kopf- und Rückenschmerzen oder bei Polyneuropathie eingesetzt. Auch wenn nach wie vor gute Studien zur Wirksamkeit fehlen, so ist die Methode dennoch einen Versuch wert, da sie nebenwirkungsarm und einfach in der Anwendung ist. Bei chronischen Schmerzen (und dazu zählt auch eine regelmäßige Dysmenorrhö) übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen auf Antrag möglicherweise auch die Kosten für die Miete oder Anschaffung eines entsprechenden Gerätes. Neu und bei jungen Mädchen stark beworben wird ein TENS-Gerät (z. B. Livia), welches speziell für Regelschmerzen verwendet werden soll. Besonders ist seine schöne Farbe und die beiden „Blumenelektroden“. Es kann, wie andere (kostengünstigere, mit unterschiedlichen Programmen ausgestattete und in der Apotheke erhältliche) Geräte auch, an der Hose unter der Kleidung befestigt werden. Die Elektroden werden auf die schmerzenden Stellen geklebt, das Gerät wird angeschaltet und die gewünschte Intensität gewählt.

Einfluss Ernährung

Alkohol, kochsalzreiche Speisen, Schokolade und Coffein können eine Dysmenorrhö verstärken. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist, so schwer sie manchmal fällt, auch hier empfehlenswert. Magnesium (400 mg/d), Vitamin B1 und B12 eignen sich zur Prophylaxe von Mens­truationsbeschwerden. Einen Versuch wert ist auch die Einnahme eines hochdosierten Omega-3-Fettsäuren-Präparates, denn Omega-3-Fettsäuren können die Synthese der an den Regelschmerzen beteiligten Prostaglandine günstig beeinflussen.

Cannabis-Tampon

Bleiben die anfangs erwähnten „Cannabis-Tampons“. Eigentlich handelt es sich dabei um Vaginalsuppositorien aus Kakaobutter, die nur in Kalifornien und Colorado erhältlich sind. Es gibt sie dort in zwei Varianten, wobei die eine (Floria Relief) 60 mg THC (Tetrahydrocannabinol) und 10 mg CBD (Cannabidiol), die andere (Floria Basic) nur 100 mg CBD enthält. Laut Homepage des Herstellers wird die THC-freie Variante „weltweit“ vertrieben. Im Internet gibt es inzwischen auch Tipps zur eigenen Herstellung eines Cannabis-Tampons: durch Beträufeln eines normalen Tampons mit CBD-Öl. Wie dieser Artikel gezeigt hat, gibt es aber wesentlich besser geprüfte und zugelassene Methoden, wie „frau“ sich bei schmerzhaften Regelblutungen helfen kann.

Und zu guter Letzt: Schmerzen sind niemals „normale Begleiterscheinungen“. Wenn die Regelschmerzen regelmäßig auftreten, gehören sie zu den chronischen Schmerzzuständen und sind deshalb keine Bagatelle. Sie müssen angemessen therapiert werden, da auch sie zur Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses und zu Depressionen führen können. Besonders eine Endometriose kann nur früh erkannt und angemessen behandelt werden, wenn das monatliche Leiden nicht verharmlost wird. Daher sollte die Dysmenorrhö, besonders auch bei jüngeren Mädchen und Frauen, immer ernst genommen werden.