Zuckersüßes Beratungswissen
Traubenzucker, Fruchtzucker, Milchzucker, Birkenzucker – wer regelmäßig einen Blick auf die Zutatenliste von Lebensmitteln wirft, merkt schnell, dass es viele Möglichkeiten gibt, Speisen zu versüßen. Wie sich die verschiedenen Zucker- und Süßstoffarten unterscheiden und welche Vor- und Nachteile sie jeweils haben, erfahren Sie in dieser Serie. 
Titelbild: 5ph / Adobe Stock
9 min merken gemerkt Artikel drucken

Milchzucker – das Problem mit der Laktoseintoleranz

Frau kauft im Supermarkt ein und hält Milchflasche in der Hand
Milchzucker kommt vorwiegend in Milch und Milchprodukten vor und wird auch in verarbeiteten Lebensmitteln verwendet. | Bild: anatoliycherkas / AdobeStock

Milchzucker (Lactose oder Laktose) verleiht der Säugetiermilch Energie und milde Süße. Säuglinge sind perfekt dafür ausgerüstet, Milchzucker als Energiequelle für ihren Körper zu nutzen, indem sie das Disaccharid Lactose in seine Bausteine Galactose und Glucose aufspalten.  

Das geschieht mithilfe der Lactase, eines Enzyms, dessen körpereigene Produktion im Dünndarm jedoch mit zunehmendem Alter auf Sparflamme läuft oder ganz eingestellt wird.  

65 bis 95 Prozent der Afrikaner, Ostasiaten und Südamerikaner, viele Südeuropäer, aber auch circa 15 Prozent der hiesigen Bevölkerung haben als Erwachsene einen genetisch bedingten Lactasemangel. Das bedeutet keinesfalls, dass sie krank sind oder eine Allergie haben, wie fälschlicherweise oft angenommen wird: Wenn die traditionelle Ernährung keine oder kaum Milchprodukte enthält, nehmen diese Menschen ihren Enzymmangel nicht einmal wahr.

Magen-Darm-Beschwerden durch Lactose dosisabhängig

Im mitteleuropäischen Kulturkreis vertragen rund 85 Prozent der Menschen Milchzucker, und fast jeder Mensch verzehrt täglich Milcherzeugnisse. Hier erweist sich ein genetisch bedingter Lactasemangel als lästiger Störfaktor.  

Wird der Milchzucker im Dünndarm nämlich nicht aufgespalten, wandert er unverdaut in den Dickdarm. Dort machen sich Bakterien ans Werk und zerlegen das Milchzuckermolekül in organische Säuren sowie Kohlenstoffdioxid, Wasserstoff und Methan.  

Die Gase sammeln sich im Darm und können heftige Beschwerden auslösen. Zusätzlich wirkt unverdauter Milchzucker osmotisch und zieht Flüssigkeit in den Darm – die Betroffenen quälen sich mit Übelkeit, Völlegefühl, leichten bis starken Blähungen, Bauchschmerzen oder gar -krämpfen, im schlimmsten Fall mit schweren Durchfällen.  

Anders als bei einer Allergie, wo bereits Spuren des Allergens zu heftigen Körperreaktionen führen können, ist eine Unverträglichkeit aufgrund eines Enzymmangels dosisabhängig.  

Mitunter verfügen die Betroffenen auch noch über eine enzymatische Restaktivität, sodass sie kleine Portionen des „riskanten“ Lebensmittels, über den Tag verteilt gegessen, durchaus vertragen. Nur wer sehr empfindlich ist, muss milchzuckerhaltige Speisen komplett links liegen lassen.

Auch temporäre Laktoseintoleranz möglich

Der genetisch bedingte, sogenannte primäre Lactasemangel ist keine Krankheit und auch nicht behandelbar. Die als Nahrungsergänzungsmittel im Handel erhältlichen Lactasetabletten versprechen zwar Unterstützung bei der Verdauung von Milchzucker, ihre Wirkung ist aber wissenschaftlich nicht gesichert.

Ein Lactasemangel kann jedoch auch sekundär auftreten, das heißt im Zusammenhang oder als Folge einer entzündlichen oder bakteriellen Darmerkrankung. Dann ist die geschädigte Darmschleimhaut nicht in der Lage, das Enzym Lactase in ausreichender Menge zu produzieren.  

Hier ist zunächst eine ärztliche Diagnose und anschließend eine zielgerichtete antientzündliche und/oder antibiotische Therapie angezeigt. Nach erfolgreicher Behandlung kommt die Lactaseproduktion wieder in Gang und die Unverträglichkeitssymptome verschwinden.

Gut zu wissen: Lactose oder Laktose?

Während „Laktose“ oder fachsprachlich „Lactose“ gültige Schreibweisen sind, wird „Laktoseintoleranz“ immer mit k geschrieben.

Lactasemangel bei Babys

Extrem selten ist ein im Säuglingsalter diagnostizierter absoluter Lactasemangel infolge eines Gendefekts. Es handelt sich um eine Erbkrankheit, die meist sofort nach der Geburt erkannt wird und strenge diätetische Maßnahmen erfordert.

Außerdem haben auch Frühgeborene in der Regel Probleme, Muttermilch zu verdauen, weil die Lactasebildung im Dünndarm des ungeborenen Kindes erst in der 35. Schwangerschaftswoche einsetzt.

Was tun bei Verdacht auf Laktoseintoleranz?

Wer eine Laktoseintoleranz vermutet, sollte zunächst einige Tage konsequent auf lactosehaltige Produkte verzichten und sich genau beobachten. Achtung: Milchzucker kann auch in industriell hergestellten Lebensmitteln enthalten sein, bei denen man es nicht vermutet!  

Wenn die Beschwerden verschwunden sind, können nach und nach wieder kleine Mengen an Milchprodukten verzehrt werden. Am besten ist es, ein Ernährungstagebuch zu führen und/oder alle Speisen zu fotografieren und dokumentieren. Durch sorgfältiges Beobachten lässt sich die individuelle Verträglichkeit einzelner Produkte herausfinden. Schlimmstenfalls muss der Betroffene bestimmte Produkte vollständig vom Speiseplan streichen.

Die Verträglichkeit hängt auch von der Konsistenz und den Begleitstoffen ab: Flüssigkeiten fordern den Darm stärker heraus als feste Substanzen, die eine längere Verweildauer im Magen-Darm-Trakt haben. Und je fetthaltiger eine Speise ist, desto länger dauert in der Regel die Verdauung und umso mehr Zeit hat der Dünndarm, enzymatisch aktiv zu werden.

Beim Arzt lässt sich eine Laktoseintoleranz relativ sicher mithilfe eines Atemtests diagnostizieren: Nach Trinken einer Milchzuckerlösung wird der Wasserstoffgehalt der Atemluft gemessen. Gelangt die Lactose nämlich unverdaut in den Dickdarm, wird dort durch Bakterien Wasserstoff freigesetzt, der anschließend ausgeatmet wird.  

Auch ein Bluttest gibt, eventuell ergänzend zum Atemtest, Auskunft über einen möglichen Lactasemangel. Hierbei wird nach Trinken einer Milchzuckerlösung in bestimmten Zeiträumen der Blutglucosewert bestimmt.

In welchen Lebensmitteln ist Milchzucker enthalten?

Wer um seinen genetisch bedingten Lactasemangel weiß, sollte seine Nahrungsmittel sorgfältig aussuchen und auf industriell hergestellten Fertigprodukten die Zutatenliste studieren. Denn Milchzucker ist in der Lebensmittelindustrie – ebenso wie auch bei der Arzneimittelherstellung – ein gängiger Hilfs- und Zusatzstoff.

Die wasserbindenden Eigenschaften der Lactose geben einem Lebensmittel mehr Festigkeit und eine bessere Textur, ohne dass sich der Geschmack wesentlich ändert. Das ist besonders erwünscht bei fettreduzierten Fleisch- und Wurstwaren, aber auch bei verschiedenen Tiefkühlgerichten und Margarinezubereitungen.

In Backwaren und Gewürzmischungen eignet sich Lactose als Aromaträger, in Schokolade und Süßwaren (Lakritze, Fruchtgummi) als Geschmacksverstärker. Außerdem verhindert Milchzucker das unerwünschte Auskristallisieren von Zuckerlösungen.  

Beim Erhitzen führt Milchzucker zu einer appetitlichen Braunfärbung. Das nutzen Lebensmittelhersteller nicht nur bei Backwaren, sondern auch bei Pommes frites, Kroketten oder Bratwürsten.

In der Pharmaindustrie ist Milchzucker ein inerter Träger- und Füllstoff für die Verarbeitung von kleinen Arzneistoffmengen in Tabletten. Auch Süßstofftabletten haben eine Milchzuckerbasis.

Ist „lactosefrei“ wirklich lactosefrei?

Für Milcherzeugnisse, die das Etikett „lactosefrei“ oder „laktosefrei“ tragen, gibt es gesetzlich geregelte Kennzeichnungsvorschriften. So können Hersteller ihre Produkte als laktosefrei bezeichnen, wenn diese weniger als 0,1 Gramm Lactose pro 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter enthalten.  

Der Milchzucker in Milch, Joghurt und Sahne wird durch Zugabe einer definierten Menge Lactase enzymatisch gespalten. In den so behandelten Produkten sind dann die Lactosebausteine Glucose und Galactose enthalten, die süßer schmecken als intakter Milchzucker. Das wirkt auf manche Verbraucher zunächst irritierend, aber die bessere Verträglichkeit ist ein unschlagbares Argument.

Auch auf anderen Lebensmitteln findet man inzwischen oft den Hinweis „lactosefrei“. Wenn man weiß, wie beliebt Lactose als Hilfsstoff in der Nahrungsmittelindustrie ist, kann das für Menschen mit Laktoseintoleranz durchaus hilfreich sein.  

Für Produktgruppen, die nicht zu den Milcherzeugnissen zählen, gibt es keine gesetzlichen Kennzeichnungsvorschriften. Allerdings darf der Verbraucher nicht in die Irre geführt werden.  

Nach Ansicht der Verbraucherzentralen ist es in vielen Fällen sinnvoller und für den Verbraucher informativer, mit dem Hinweis „von Natur aus laktosefrei“ zu werben. So ist zum Beispiel Schnitt- und Hartkäse in der Regel lactosefrei, weil der ursprünglich vorhandene Milchzucker bei der Käsereifung durch Bakterien abgebaut wird.    

Man stößt leider oft auf die Ansicht, lactosefreie Produkte seien „gesünder“ als lactosehaltige. Für Menschen mit Laktoseintoleranz sind sie es auf jeden Fall, weil diesen Verdauungsprobleme erspart bleiben und sich die Lebensqualität erhöht. Wer jedoch Milchzucker problemlos verträgt, kann getrost auf Lactosefreies verzichten und Geld sparen.

Lactose in Arzneimitteln

Die als Hilfsstoff in Arzneimitteln eingesetzte Lactose ist mengenmäßig so gering (50 bis 300 Milligramm pro Arzneiform), dass sie in der Regel ohne Folgen bleibt, denn meist lösen erst Mengen über 10 Gramm Lactose unerwünschte Symptome aus. Doch es kommt auf die Empfindlichkeit des Menschen, auf die Menge der insgesamt zu einem Zeitpunkt eingenommenen Tabletten oder Granulate und die Dosierung jedes einzelnen Medikaments an.

Wenn ein Patient Unverträglichkeiten befürchtet, ist es sinnvoll, seine Bedenken ernst zu nehmen. Hier kann die Apotheke wertvolle Unterstützung leisten, indem sie dem Betroffenen Informationen über den Lactosegehalt der Medikation zur Verfügung stellt oder Alternativen auswählt.

Angaben über den Lactoseanteil (und andere Hilfsstoffe) in Arzneimitteln findet man im Beipackzettel und im Zweifelsfall direkt beim Hersteller. Manche Hersteller bieten inzwischen auch lactosefreie Sortimente an.

Calciummangel durch Verzicht auf Milchzucker

Wer wegen einer Laktoseintoleranz auf Milchprodukte verzichtet, sollte seinen Calciumbedarf aus anderen Quellen decken. Dazu zählt:

  • Hartkäse ist von Natur aus lactosefrei und ein guter Calciumlieferant.
  • Kohl und anderes grüne Gemüse sind pflanzliche Calciumquellen.
  • Calciumreiche Mineralwässer können eine sinnvolle Ergänzung sein.
  • Bei weiterhin bestehendem Mangel sind ausreichend dosierte Calciumtabletten aus der Apotheke eine hilfreiche Empfehlung.

Lactasetabletten – ein guter Tipp?

Auf dem Markt befinden sich zahlreiche Lactasepräparate in Form von Tabletten, Kapseln, Pulver oder Tropfen, die unter Umständen die Symptome einer Laktoseintoleranz lindern können, deren Wirkung jedoch nicht ausreichend belegt ist.  

Wenn Apothekenkunden diese Präparate ausprobieren wollen, sollte man sie auf jeden Fall über eine ausreichende Dosierung und den richtigen Einnahmezeitpunkt informieren: Lactase wirkt nur im direkten Zusammenspiel mit Milchzucker, deshalb sollte die Einnahme zeitgleich mit dem Milchprodukt erfolgen.

Seriöse Hersteller und Informationsquellen weisen auch darauf hin, dass Lactasepräparate nicht für den dauerhaften Einsatz bestimmt sind, sondern nur als Hilfsmittel zu verstehen sind, beispielsweise bei einer Einladung zum Essen. Die Anpassung der Ernährung sollte bei einer nachgewiesenen Laktoseintoleranz immer im Vordergrund stehen.

Infos über Milchzuckergehalte aus seriösen Quellen

Es gibt vielfältiges Informationsmaterial für laktoseintolerante Menschen. Listen und Tabellen nennen die durchschnittlichen Lactosegehalte von Milchprodukten und helfen bei der Auswahl von lactosefreien Alternativen und Ersatzprodukten.  

Die Apotheke kann behilflich sein, Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen zusammenzustellen und ihren Kunden zugänglich zu machen. Quellen:
- https://de.wikipedia.org/wiki/Laktoseintoleranz
- https://www.lebensmittelklarheit.de/informationen/was-die-kennzeichnung-laktosefrei-bedeutet
- https://www.lebensmittelunvertraeglichkeiten.de/laktoseintoleranz/laktase/#google_vignette
- https://www.apotheken.de/news/13272-wie-gut-helfen-laktase-tabletten
 

Auf einen Blick:

  • Rund 15 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen primären Lactasemangel: Bei ihnen kann der Verzehr von Milchprodukten zu Verdauungsstörungen führen, weil Milchzucker aufgrund des fehlenden Enzyms nicht aufgespalten wird.
  • Spuren oder kleine Mengen von Milchzucker in der Nahrung stellen für Menschen mit genetisch bedingtem Lactasemangel meist kein Problem dar.
  • Für Menschen ohne Lactasemangel bieten lactosefreie Produkte keine gesundheitlichen Vorteile.
  • Milchzucker ist in der Lebensmittelindustrie sowie in der Arzneimittelherstellung ein gängiger Hilfs- und Zusatzstoff. Bei Unverträglichkeit sollte man genau die Zutatenliste der Produkte studieren.
  • Wer keine Milchprodukte isst, sollte auf eine ausreichende Calciumzufuhr durch andere Lebensmittel oder gegebenenfalls durch Calciumtabletten achten.
  • Die Wirkung von Lactasetabletten ist wissenschaftlich nicht gesichert.
Zurück