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Melatonin-Gummibärchen für Kinder: Ärzte warnen

Im Jahr 2022 erklärte Schauspielerin Kristen Bell in einem Interview, dass sie ihren Kindern (damals 7 und 9 Jahre alt) jeden Abend melatoninhaltige Gummibärchen gibt. Über das Einschlafverhalten ihrer beiden Töchter (7 und 9 Jahre alt) sagte sie: „Es haut sie einfach schneller um und es geht ihnen super.“
Bis heute scheint es im Trend zu liegen, seine Kinder mit Melatonin schneller zum Schlafen zu bringen. Doch das ist nicht so harmlos, wie manche Influencer und Prominente behaupten. Nun warnt auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), die Wirkung von Melatonin nicht zu unterschätzen.
Melatonin-Produkte sind teilweise frei verkäuflich
In Deutschland gibt es verschreibungspflichtige und apothekenpflichtige Arzneimittel mit Melatonin sowie als Nahrungsergänzungsmittel (NEM) deklarierte frei verkäufliche Produkte. Und genau da beginnt die Problematik: Nahrungsergänzungsmittel dürfen überall verkauft werden – im Netz, in der Drogerie oder der Apotheke. Vor allem die frei verkäuflichen Präparate glänzen mit einem bunten und lebhaften Packungsdesign.
Einige Verpackungen scheinen sogar direkt auf die Zielgruppe Kinder abzielen: Bunte Gummibärchen mit einem Tieraufdruck auf dem Etikett suggerieren, ein ganz harmloses „Lebensmittel“ in den Händen zu halten.
Gut zu wissen: Melatonin – das körpereigene Schlafhormon
Melatonin wird laut Zulassung in Deutschland zur kurzzeitigen Anwendung bei Schlafstörungen für Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 18 Jahren empfohlen.
Allerdings ausschließlich für Kinder mit neuropsychiatrischen Erkrankungen wie einer Autismus-Spektrum-Störung und erst dann, wenn Schlafhygiene-Maßnahmen nicht zum erwünschten Erfolg führen.
Empfohlen wird eine Dosis von 2 mg, ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen, wobei eine Dosierung auf bis zu 10 mg möglich ist.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen
- Erschöpfung,
- „Hang-Over-Effekt“,
- leichte Reizbarkeit,
- Kopfschmerzen,
- Stimmungsschwankungen und
- Aggressivität.
Außerdem ist zu beachten, dass Melatonin über das CYP1A-Enzym verstoffwechselt wird. Dosisanpassungen oder Rücksprache mit einem Arzt sind daher wichtig bei der zusätzlichen Einnahme von Fluvoxamin, Carbamazepin oder Cimetidin.
Auch wenn die Präparate gut verträglich sind, sind Untersuchungen zur Langzeitsicherheit noch nicht vorhanden.
Melatonin bei Kindern: Nebenwirkungen nicht unterschätzen
Diese Aufmachung kritisiert auch Vorsitzender der DGKJ-Ernährungskommission Thomas Lücke in einer Stellungnahme. Dadurch könne der Eindruck entstehen, es handlich sich um eine harmlose Süßigkeit. „Das bagatellisiert seine Wirkung erheblich“, so der Experte.
Mögliche Nebenwirkungen bei Kindern seien unter anderem
- morgendliche Müdigkeit,
- Kopfschmerzen,
- Gangunsicherheit und
- Albträume.
Lücke weist auch noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass es aktuell noch keine belastbaren Daten zur Langzeitsicherheit gibt. So ist schlicht unbekannt, welche Auswirkungen die Melatonin-Einnahme auf die hormonelle Entwicklung, Pubertät und kardiovaskuläre Gesundheit hat.
Außerdem könne die Gummibärchenform dazu verleiten, mehr von den NEM zu essen, als gut ist. So kann es zu Überdosierungen kommen. In der Stellungnahme der DGKJ wird auf internationale Berichte verwiesen, die einer Zunahme entsprechender melatoninassoziierter Notfälle schildern.
Tipps für eine bessere Schlafhygiene bei Kindern
Bevor Kindern NEM oder Arzneimittel mit Melatonin gegeben werden, sollte ein Augenmerk auf eventuelle Ursachen für das schlechte Einschlafen gelegt werden. Der erste Schritt ist die Umsetzung von Empfehlungen zur Schlafhygiene.
Meistens haben sich Gewohnheiten eingeschlichen, die einem gesunden Schlaf-wach-Rhythmus entgegenwirken. Helfen können gleichbleibende Schlafenszeiten, ein abendliches Zu-Bett-geh-Ritual sowie die Minimierung von äußeren Reizen. Dazu zählen der Fernseher, das Handy oder andere elektronische Geräte, welche die Gedanken eher aktivieren als beruhigen. Ein Buch oder eine entspannte Musik können hingegen das natürliche Einschlafvermögen verbessern.
Bei langanhaltenden Schlafstörungen ist immer zuerst der Gang zum Kinderarzt ratsam, um neurologische oder psychische Ursachen festzustellen bzw. auszuschließen. In diesem Zuge können sich Eltern auch über die Anwendung von Melatonin-Präparaten für Kinder beraten lassen.
Medikamente und NEM mit Arzt abklären
Die generelle Gabe von Medikamenten sowie Nahrungsergänzungsmitteln sollte immer zuerst kritisch hinterfragt werden und ohne Abklärung nur über einen kurzen Zeitraum erfolgen. Außerdem ist bei der Einnahme von Melatonin-Präparaten aus dem Internet Vorsicht geboten, denn Nahrungsergänzungsmittel können weitere Inhaltsstoffe enthalten, die eventuell unnötig sind. Literatur:
https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Melatonin_50325
https://www.spiegel.de/panorama/leute/kristen-bell-gibt-ihren-kindern-melatonin-gummibaerchen-zum-einschlafen-a-2a609db8-7ba6-4fce-b6f1-6e38239f5c34
https://www.dgsm.de/fileadmin/dgsm/Arbeitsgruppen/paediatrie/Melatonin_Kindesalter_2018.pdf
https://www.focus.de/familie/kindergesundheit/tiktok-trend-melatonin-gummibaerchen-sollen-kinder-schnell-einschlafen-lassen-es-haut-sie-um_id_128081868.html
https://www.aerzteblatt.de/news/kinderarzte-warnen-vor-melatoninhaltigen-gummibarchen-als-einschlafhilfe-63f7d0ae-e72b-42ea-b20e-4264efcd10fe