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Müde vom Sitzen: Kurze Gehpausen helfen

Forscher beobachten seit einiger Zeit einen Trend hin zum immer längeren Sitzen. Das zeigen Ergebnisse eines Reports der Deutschen Sporthochschule Köln und der Deutschen Krankenversicherung (DKV) aus dem Jahr 2023.
Forschende am Columbia University Medical Center in New York berichten, dass in Ländern mit hohem Durchschnittseinkommen viele Menschen elf bis zwölf Stunden pro Tag sitzen.
Für Deutschland hatte der Report des DKV umfassende Daten zu den Lebensumständen der Bundesbürger erfasst: An Werktagen sitzen die Deutschen durchschnittlich 9,2 Stunden, noch einmal eine halbe Stunde mehr als 2021. Nach Daten von 2015 hatten die Menschen damals noch 7,5 Stunden pro Tag gesessen. Am längsten sitzen laut der Befragung die 18- bis 29-Jährigen, mit mehr als 10 Stunden täglich.
Ohne umfassende Präventionsangebote drohe der Gesellschaft ab 2030 eine gesundheits- und sozialökonomische Krise, warnen Wissenschaftler. Eine Studiengruppe aus den USA hat sich nun mit der Frage befasst, welchen Einfluss gelegentliches Umhergehen auf die Gesundheit von Vielsitzern hat.
Langes Sitzen erhöht Krankheitsrisiko
Langes Sitzen könne das Risiko für das Entstehen von Herzerkrankungen, Krebs und Typ-2-Diabetes erhöhen, warnt die WHO. „Eine Verminderung der täglichen Sitzzeiten durch Bewegung reduziert das Sterberisiko erheblich“, sagt der wissenschaftliche Leiter, der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse.
Das Autorenteam betont zudem die Bedeutung von regelmäßigem Muskeltraining: Das sei auch ein wichtiger Schutzfaktor gegen Pflegebedürftigkeit im Alter. Bislang betreibe knapp die Hälfte der Bundesbürger aber kein solches Training.
Auch beim subjektiven psychischen Wohlbefinden deuten die Ergebnisse auf einen beunruhigenden Trend hin: Bei etwa einem Viertel der Bundesbürger seien die Ergebnisse kritisch – so sehr, dass man sie als ersten Hinweis für die Entwicklung einer Depression ansehen könne.
Dabei könne gerade regelmäßige Bewegung mehr Wohlbefinden bringen: „Wer sich wohlfühlt, bewegt sich mehr bzw. wer sich mehr bewegt, fühlt sich wohler“, heißt es.
Gehpausen mindern Müdigkeit durch langes Sitzen
Das bestätigen auch die Studienergebnisse der Forschergruppe um Keith Diaz vom Columbia University Medical Center in New York. Das Team rekrutierte die Studienteilnehmer unter den Zuhörern einer interaktiven Podcast-Serie des US-Senders National Public Radio zum Thema Gesundheit und Technologie. Daher war die Stichprobe nicht repräsentativ für die Bevölkerung.
Die Probanden suchten sich selbst die Häufigkeit der geplanten Geh-Pausen aus: alle 30, 60 oder 120 Minuten. Eine Woche lang wurden u. a. Müdigkeit und Stimmung ohne Pausen erhoben, in den zwei folgenden Wochen geschah das mit den Pausen. 11.484 Menschen waren zu Beginn des zweiten Studienteils noch dabei.
Daten zur Müdigkeit und Stimmung sowie die Anzahl und Länge der Pausen wurden mittels Befragung erfasst. Insgesamt wurde die Durchführbarkeit der Gehpausen positiv bewertet, die Müdigkeit ging zurück und die Stimmung hob sich.
Genauer: Auf einer Skala von eins bis fünf, auf der ein Wert über drei als positiv anzusehen ist, bewerteten die Teilnehmer der Gruppe mit geplanten Pausen alle 30 Minuten die Durchführbarkeit mit 3,41 (60 Minuten: 3,80, 120 Minuten: 4,01). Die Akzeptanz der Maßnahme kam auf Bewertungen von 3,91 (30 Minuten) und 4,03 (60 und 120 Minuten).
Die empfundene Müdigkeit ging durch die Gehpausen deutlich zurück: In der 30-Minuten-Gruppe um 1,55 Punkte (60 Minuten: um 1,41 Punkte; 120 Minuten: um 1,19 Punkte). Die berichtete positive Stimmung nahm in allen Gruppen signifikant zu.
Stündliche Gehpausen von fünf Minuten am besten
„Stündliche Pausen zeigten die beste Balance zwischen Praktikabilität und Effektivität“, schreibt das Team. „Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Bewegungspausen eine potenziell geeignete Maßnahme der öffentlichen Gesundheitsförderung darstellen, um die negativen Auswirkungen von langanhaltendem sitzendem Verhalten zu verringern.“
Es seien jedoch Langzeitstudien erforderlich, um zu prüfen, „ob Bewegungspausen dauerhaft aufrechterhalten werden können und welchen langfristigen Einfluss sie auf Gesundheit und Verhalten haben“.
Zudem sollte der Effekt von Bewegungspausen geprüft werden, die kein Verlassen des Arbeitsplatzes erfordern, da sie mancherorts praktikabler sein könnten.
Warum bewegen sich Menschen zu wenig?
Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung ist sich offenbar bewusst, dass zu langes und zu viel Sitzen gesundheitsschädlich sein kann. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der AOK: So führen 42 Prozent der Befragten eigene gesundheitliche Beschwerden auf Bewegungsmangel und langes Sitzen zurück.
Zudem äußerten 59 Prozent die Angst, im Laufe ihres Lebens aufgrund körperlicher Inaktivität zu erkranken. Aber warum bewegen sich die Menschen dann zu wenig?
Die Gründe für Inaktivität hat die Forsa-Umfrage auch erfragt. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, dass sie im Alltag zu wenig Zeit (49 Prozent) oder keine Lust und Motivation (47 Prozent) für sportliche Betätigung hätten.
Gleichzeitig hat die Umfrage ergeben, dass ein Großteil der Erwerbstätigen (61 Prozent) an einem Arbeitstag mehr als vier Stunden im Sitzen arbeitet. Mehr als ein Viertel (27 Prozent) aller Erwerbstätigen sitzt sogar sechs bis acht Stunden.
Im Homeoffice scheint der Bewegungsmangel sogar noch etwas ausgeprägter zu sein. Laut Umfrage bewegen sich 52 Prozent der Befragten im Homeoffice etwas (24 Prozent) oder deutlich weniger (28 Prozent) als an einem Arbeitstag in ihren Unternehmen. Quelle: dpa / mg