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Internet-Trend: L-Arginin: Wirksam bei Bluthochdruck?

L-Arginin findet sich in Nahrungsmitteln wie Nüssen und Fisch. | Bild: New Africa / AdobeStock

L-Arginin gehört zu den semi-essenziellen Aminosäuren – der Körper kann sie selbst herstellen, doch in bestimmten Lebensphasen oder bei Erkrankungen reicht die körpereigene Produktion möglicherweise nicht aus. 

Über eine ausgewogene Ernährung mit eiweißreichen Lebensmitteln wie Nüssen, Hülsenfrüchten, Fleisch und Fisch nehmen wir täglich etwa 2 bis 5 g L-Arginin auf.

Die Aminosäure dient im Körper als Ausgangsstoff für Stickstoffmonoxid (NO), einem wichtigen Botenstoff, der in den Zellen der Blutgefäßwände gebildet wird. Stickstoffmonoxid erweitert die Gefäße und verbessert dadurch die Durchblutung. Diese Wirkweise hat zu einem regelrechten Hype bei Nahrungsergänzungsmitteln mit L-Arginin geführt, die als Mittel für Herz und Kreislauf vermarktet werden. Doch ist diese Anwendung sinnvoll?

Bluthochdruck: ein schleichendes Risiko

Erhöhte Blutdruckwerte belasten auf Dauer das Herz-Kreislauf-System. Das Herz muss gegen einen erhöhten Widerstand anpumpen und kann dadurch geschädigt werden. Auch die Blutgefäße leiden unter dem ständigen Druck – es können sich Ablagerungen bilden und die Gefäßwände versteifen. 

Langfristig erhöht unbehandelter Bluthochdruck das Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche, Nierenerkrankungen und Durchblutungsstörungen.

Zur Erinnerung: Wann spricht man von Bluthochdruck?

Von Bluthochdruck oder arterieller Hypertonie spricht man, wenn die Blutdruckwerte dauerhaft erhöht sind. 

Nach aktuellen Leitlinien liegt eine Hypertonie ab Werten von systolisch 140 und/oder diastolisch 90 mmHg vor. Als allgemeiner Richtwert gilt ein optimaler Blutdruck von < 120/80 mmHg. 

Die Leitlinie empfiehlt jedoch, Zielwerte individuell abhängig von Alter, Begleiterkrankungen und Therapieverträglichkeit zu wählen.

Besonders problematisch: Bluthochdruck gilt nicht ohne Grund als „stiller“ Risikofaktor. Über viele Jahre verursacht er meist keine spürbaren Beschwerden, obwohl der erhöhte Druck in den Gefäßen bereits Schäden anrichtet. Betroffene fühlen sich oft völlig gesund und sehen daher kaum Anlass, ihren Lebensstil zu ändern oder eine Therapie konsequent einzuhalten.

Therapie bei Bluthochdruck

Die Behandlung des Bluthochdrucks basiert auf zwei Säulen: nichtmedikamentöse und medikamentöse Maßnahmen. Zu den nichtmedikamentösen Ansätzen gehören etwa eine Reduktion des Salzkonsums auf unter 6 g täglich, Gewichtsabnahme bei Übergewicht, regelmäßige körperliche Aktivität, eine ausgewogene Ernährung, Rauchverzicht und die Begrenzung des Alkoholkonsums.

Bei der medikamentösen Therapie stehen verschiedene gut untersuchte Wirkstoffgruppen zur Verfügung: ACE-Hemmer, Angiotensin-Rezeptorblocker, Calciumkanalblocker, Diuretika und bei bestimmten Begleiterkrankungen auch Betablocker. Welches Medikament oder welche Kombination zum Einsatz kommt, wird individuell mit dem behandelnden Arzt festgelegt.

L-Arginin bei Bluthochdruck: NO-Bildung als therapeutischer Ansatz

Bei Menschen mit Hypertonie oder Gefäßschädigungen, wie sie etwa bei Diabetes oder Arteriosklerose vorkommen, scheint die NO-Bildung weniger effizient zu sein. 

Daher klingt diese Überlegung zunächst plausibel: Wenn L-Arginin die Bildung von Stickstoffmonoxid fördert und dieses wiederum die Blutgefäße weitet, könnte eine zusätzliche Zufuhr den Blutdruck senken und das Herz-Kreislauf-System schützen. Einige Fachleute vermuten sogar, dass ein Mangel an Stickstoffmonoxid in den Gefäßwänden die Entstehung von Arteriosklerose begünstigen könnte.

Doch in der Praxis ist der Mechanismus deutlich komplexer. So können andere Faktoren wie oxidativer Stress, Entzündungsprozesse oder Störungen der Endothelfunktion die Wirkung von L-Arginin begrenzen.

Heterogene Studienlage zu L-Arginin

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen haben den Einfluss von L-Arginin auf den Blutdruck untersucht. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2011 fasste die Ergebnisse von elf kontrollierten Studien zusammen und kam zu dem Schluss, dass L-Arginin den systolischen Blutdruck um etwa 5 bis 6 mmHg und den diastolischen Blutdruck um 2 bis 3 mmHg senken kann. 

Diese Effekte sind vergleichbar mit Lebensstilmaßnahmen wie Diät oder moderatem Sport, aber deutlich geringer als die Wirkung klassischer Antihypertensiva. Die Wirkung trat in einigen Studien schon bei Dosierungen ab etwa 4 g/Tag auf und war unabhängig von Geschlecht, Ausgangsblutdruck oder Studiendauer. Andere Studien berichten stärkere Effekte bei höheren Dosierungen mit z. B. 12 g/Tag. 

Ein klar nachgewiesener Dosis-Wirkungs-Trend ist jedoch nicht konsistent. Die Studien sind unterschiedlich aufgebaut, sodass höhere Dosierungen nicht automatisch größere, verlässliche Vorteile bedeuten.

Weitere Studien haben die Wirkung von L-Arginin auf die Gefäßfunktion untersucht – also darauf, wie gut sich die Blutgefäße erweitern können. Verbesserungen in diesem Bereich gelten als indirekter Hinweis auf einen möglichen Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Die Ergebnisse zeigen in der Tendenz leichte positive Effekte, doch auch hier wurden meist höhere Dosierungen eingesetzt, als sie über die normale Ernährung erreichbar wären.

Was jedoch fehlt, sind aussagekräftige Studien zu den wirklich wichtigen Fragen: Senkt L-Arginin das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder andere schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse? Verbessert es die Lebensqualität von Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen spürbar?

L-Arginin: Hinweise zur Einnahme als Nahrungsergänzungsmittel

Die in Studien verwendeten Dosierungen von L-Arginin liegen meist bei 6 bis 8 g täglich – deutlich mehr, als über die normale Ernährung aufgenommen wird. Solche Mengen lassen sich nur durch Nahrungsergänzungsmittel erreichen. 

Diese Präparate sind frei verkäuflich, werden aber von seriösen Herstellern mit wichtigen Warnhinweisen versehen. Es sollten möglichst Monopräparate oder Kombinationen ohne fragwürdige Zusatzversprechen gewählt werden.

Gut zu wissen: Keine Health Claims für L-Arginin erlaubt

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat aufgrund der unzureichenden wissenschaftlichen Datenlage entschieden, dass für Nahrungsergänzungsmittel mit L-Arginin bestimmte gesundheitsbezogene Werbeaussagen nicht zulässig sind. Dazu gehören Behauptungen, L-Arginin trage zu einer gesunden Durchblutung oder einem normalen Blutdruck bei.

Die Aminosäure gilt im Allgemeinen als gut verträglich, kann jedoch bei empfindlichen Personen Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen oder Durchfall auslösen – hier empfiehlt sich eine Einnahme zu den Mahlzeiten.

Besondere Vorsicht ist geboten bei gleichzeitiger Einnahme mit blutverdünnenden Medikamenten, Nitraten oder Potenzmitteln. Nach einem Herzinfarkt ist L-Arginin sogar kontraindiziert(VINTAGE-MI-Studie) . Auch Personen mit schweren Leber- oder Nierenerkrankungen sollten von einer Einnahme absehen. Menschen mit Allergien oder Asthma können durch L-Arginin eine Verschlechterung ihrer Beschwerden erleben.

Beratung zu L-Arginin: Darauf sollten PTA hinweisen

Bei der Beratung zu L-Arginin-Präparaten sollte das Apothekenpersonal eine realistische Einschätzung geben. Die Studienlage zeigt zwar Hinweise auf eine leichte blutdrucksenkende Wirkung, doch die Effekte sind moderat. Vor allem fehlen aussagekräftige Langzeitstudien zu harten Endpunkten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Wichtig ist zudem der Hinweis, dass L-Arginin-Präparate keinesfalls eine ärztlich verordnete Blutdrucktherapie ersetzen können. Bluthochdruck ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die einer wirksamen und kontrollierten Behandlung bedarf. Eine Selbstmedikation mit Nahrungsergänzungsmitteln reicht dafür nicht aus und kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass eine notwendige medikamentöse Therapie verzögert wird.

Auch sollten bei der Beratung mögliche Wechselwirkungen abgeklärt werden. Nimmt der Patient bereits blutdrucksenkende Medikamente, Blutverdünner oder Nitrate ein? Gab es in der Vergangenheit einen Herzinfarkt? Liegen Allergien oder Asthma vor? In diesen Fällen ist von einer Einnahme abzuraten oder zumindest eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt anzuraten.

Statt auf Nahrungsergänzungsmittel zu setzen, kann in der Beratung der Blick auf eine insgesamt herzgesunde Ernährung gelenkt werden. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Fisch liefert nicht nur ausreichend L-Arginin, sondern auch viele weitere schützende Nährstoffe und Ballaststoffe.

Ein praktischer Beitrag zur Blutdruckkontrolle besteht darin, Kunden zur regelmäßigen Selbstmessung zu motivieren, z. B. durch Aushändigung eines Blutdrucktagebuchs, und bei der Auswahl eines validierten Messgeräts zu beraten. Die korrekte Messtechnik sollte demonstriert werden. Auch kann eine regelmäßige Messung in der Apotheke angeboten werden, was die Therapieadhärenz und Patientenbindung stärkt.

Die Beratung sollte vermitteln, dass die Behandlung des Bluthochdrucks ein Gesamtkonzept aus nichtmedikamentöser und bei Bedarf medikamentösen Therapien erfordert. L-Arginin-Präparate können allenfalls als unterstützende Maßnahme im Rahmen dieses Gesamtkonzepts gesehen werden, nicht als Wundermittel. Quellen
https://register.awmf.org/assets/guidelines/nvl-009l_S3_Hypertonie_2023-06.pdf
https://www.klartext-nahrungsergaenzung.de/faq/lebensmittel/arginin-und-durchblutung-27276
https://medizin-transparent.at/arginin-gesundheitselixier-fuer-das-herz/
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-372017/einfluss-von-l-arginin-auf-diegefaessgesundheit/
https://www.ernaehrungsmedizin.blog/2021/08/17/fitmacher-fuers-herz/
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0002870311006971?via%3Dihub
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2161831322000151?via%3Dihub
https://www.mdpi.com/1424-8247/17/4/477
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1556370716300025
https://www.ejmanager.com/mnstemps/28/28-1641617406.pdf?t=1761742565
https://zenodo.org/records/16098
https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/202136