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Nattokinase: Was kann das Enzym aus der japanischen Küche?

„Das Superenzym Nattokinase aus der japanischen Küche hat das Potenzial, deine Gesundheit revolutionär zu verändern!“, heißt es in Beiträgen in den sozialen Medien. Alternativmediziner, Healthfluencer und andere werben für das „mächtige“ Enzym, das „nachweislich“ gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alzheimer und Atherosklerose wirken soll, ein natürlicher „Blutverdünner“ sei und außerdem die Spikeproteine des COVID-Erregers SARS-CoV-2 „unschädlich“ machen soll.
Was ist wirklich dran an dem „Wunderenzym“?
Wo kommt die Nattokinase her?
Bei Nattokinase handelt es sich um ein erst 1987 durch den japanischen Forscher Hiroyuki Sumi isoliertes natürliches Enzym des Bakteriums Bacillus subtilis (var. natto). Es findet sich in der japanischen Delikatesse Natto.
Natto wird hergestellt, indem Sojabohnen zunächst eingeweicht und gekocht werden und anschließend für mehrere Stunden bei 42 °C nach Zugabe der Bakterien fermentiert werden. Analog zu anderen fermentierten oder durch Mikroorganismen prozessierten Speisen gewinnt man dabei die Bakterien etwa aus zuvor fermentiertem fertigen Natto – ähnlich wie bei Sauerteig („Hermann“) oder Joghurt.
Die sehr ursprüngliche traditionelle Zubereitungsart umfasst dabei die Zugabe von Reisstroh (auf dem die Bacillus-Art vorkommt) als „Impfkeim“.
Nattokinase auch als NEM erhältlich
Im Natto sorgt insbesondere das Enzym Nattokinase dafür, dass die Sojabohnen „verdaut“ werden – es entsteht ein Gericht, das gekennzeichnet ist durch eine fadenziehende schleimige Konsistenz der fermentierten Sojabohnen, einen oft als streng beschriebenen Geruch und einen als nussig, süßlich und manchmal leicht bitter beschriebenen Geschmack. Es stellt eine Art „Soja-Käse“ dar.
Obwohl es eine Reihe von fermentierten Sojabohnen-Gerichten gibt, wurde die Nattokinase (und das sie produzierende Bakterium) nur in Natto gefunden.
Mittlerweile wird das Enzym biotechnologisch gewonnen. Verwendet wird die so gewonnene Nattokinase zu einem großen Teil, um unkompliziert und in größerem Maßstab Natto herzustellen – und als Nahrungsergänzungsmittel in der Regel in Pulver oder Kapselform.
Welche Wirkungen werden Nattokinase zugesprochen?
Bei Nattokinase handelt es sich nicht um eine Kinase, nicht um ein Phosphatgruppen übertragendes Enzym – die Benennung orientierte sich wohl eher daran, dass dieses Enzym das Gericht Natto „aktiviert“.
Tatsächlich handelt es sich um eine Protease, genauer um eine Serinprotease aus der Bacillus-typischen Subtilisin-Gruppe. Das 362 Aminosäuren große Protein spaltet also Proteine und wirkt außerdem stark fibrinolytisch im Kontext mit geronnenem Blut.
Insbesondere diese fibrinspaltende Eigenschaft der Nattokinase beschert dem Enzym den Ruf, ein „natürlicher Blutverdünner“ zu sein und damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen zu können.
In der traditionellen japanischen Medizin gilt zumindest das Gericht Natto als Heilmittel und die Gesundheit unterstützendes Lebensmittel. Insbesondere soll es die Herz-Kreislauf-Gesundheit und die Knochenstärke fördern.
Mit der Isolierung des Proteins avancierte die Nattokinase in der Alternativen Medizin zu einem Nahrungsergänzungsmittel, das die beschriebenen positiven Gesundheitsaspekte haben soll.
Wirkt Nattokinase als NEM blutverdünnend?
So werden etliche Nattokinase-Nahrungsergänzungsmittel gegen europäisches Recht als natürlicher Blutverdünner beworben. Auch sollen die NEM „erwiesen“ blutdrucksenkend wirken.
Die tatsächliche Faktenlage ist jedoch eher dünn – von Evidenz und „erwiesen“ kann bislang keine Rede sein. Da ein solcher Health Claim aktuell nicht genehmigt ist, ist eine solche Werbung mit gesundheitsbezogenen Aussagen, Stand heute, nicht zulässig.
Fakt ist, dass das Enzym an sich fibrinolytisch wirkt. Ob es diese Wirkung allerdings auch in vivo nach oraler Einnahme als Kapsel hat, ist dagegen fraglich.
Ein Problem ist beispielsweise die eher geringe orale Bioverfügbarkeit des Enzyms. Es wird wie alle anderen Proteine im Verdauungstrakt prozessiert und gelangt damit kaum in aktiver Form ins Blut, außer es wird in sehr hohen Dosen eingenommen.
Nattokinase: Viel Forschung, noch wenig Erkenntnisse
Es gibt zwar eine Reihe von Studien, in denen die potenziell gerinnungshemmende, thrombolytische, antiatherosklerotische, lipidsenkende und blutdrucksenkende Wirkung der Nattokinase in unterschiedlichen Kontexten untersucht wurde, allerdings sind die Ergebnisse nicht eindeutig.
In drei Studien wurde beispielsweise der Einfluss von Nattokinase auf Blutdruck und Blutwerte (z. B. Blutgerinnungs- und Fibrinolysefaktoren) untersucht. In einer Studie führte eine Nattokinase-Supplementierung zu keinen signifikanten Effekten auf Blutdruck und Laborwerte, in zwei anderen Studien verbesserte sich die Gerinnungszeit und die Blutdruckwerte bei den Probanden.
In anderen Ansätzen wurde versucht, die fibrinolytische Aktivität im Tierversuch intravenös zu nutzen, um tumorassoziierte Thrombosen zu verhindern. Hierbei verwendeten die Forscher Nattokinase rekombinant mit Heparin, um die Toxizität der Nattokinase bei Injektion zu vermeiden. Dabei waren die Ergebnisse zumindest vielversprechend.
Diskutiert und untersucht wird Nattokinase auch im Zusammenhang (unter anderem) mit
- Atherosklerose
- Alzheimer
- Parkinson
- Blutfettwerten
- Blutdruck
- Entzündungshemmung
- Retinopathien (nicht-entzündliche Erkrankungen der Netzhaut)
- SARS-CoV-2
Echte Evidenz für insbesondere In-vivo-Wirkungen nach oraler Einnahme fehlen allerdings bislang.
Weitere Forschung zu Wirkmechanismen der Nattokinase nötig
Studien, in denen eine Wirkung gezeigt werden konnte, zeichnen sich oft dadurch aus, dass etwa besonders hohe Dosen – wie etwa 10.000 FU (fibrinolytische Einheiten) – eingesetzt wurden und die Ergebnisse durch eine Bandbreite an Faktoren beeinflusst werden.
Das zeigte z. B. auch ein Review verschiedener Studien. Demnach könne Nattokinase als ergänzende Therapie bei Bluthochdruck eingesetzt werden, geringe Dosierungen hätten aber keine signifikante lipidsenkende Wirkung.
Für die Wirkung gegen COVID gibt es sogar gar keine Beweise und sie gilt als unwahrscheinlich. Viele andere Forschungen sind noch im Stadium der Zellkultur- und Tiermodell-Forschung.
Ein kritischer Review kommt zu dem Schluss, dass noch einiges im Zusammenhang mit Nattokinase weiter untersucht werden müsste, unter anderem
- gebe es erst wenige qualitativ gute klinische Studien,
- seien die genauen Mechanismen, durch die Nattokinase etwa altersbedingte Krankheiten lindern könne, noch nicht vollständig geklärt und
- gebe es „immer noch Kontroversen über die orale Bioverfügbarkeit von Nattokinase und darüber, wie es in den Blutkreislauf aufgenommen wird“. Es sei auch wichtig zu untersuchen, wie das Enzym seine Aktivität in vivo aufrechterhalten könne.
Insgesamt lässt sich also festhalten, dass in vitro etliche interessante Effekte der Nattokinase beobachtbar sind, eine Anwendung als therapeutisches Arzneimittel aber – wenn überhaupt – noch in weiter Ferne liegt.
Die von den meisten Forschern als schlecht beschriebene orale Bioverfügbarkeit spricht auch eher gegen eine Wirkung der aktuell meist erhältlichen Darreichungsform in Kapseln oder als Pulver als Nahrungsergänzungsmittel.
Wer sollte Nattokinase nicht einnehmen?
Indes ganz ohne Wirkung scheint das Enzym als Nahrungsergänzungsmittel dann doch nicht zu sein. Zumindest gibt es einige ältere (zum Teil über 30 Jahre alt) Berichte über Fälle, in denen Betroffene Blutungen entwickelt hätten, nachdem sie (in Kombination etwa mit Gerinnungshemmern wie Marcumar) Nattokinase als Nahrungsergänzung genommen hatten.
Auch dafür fehlt aktuell Evidenz – vorsorglich sind die verschiedenen Nattokinase-Darreichungen aber mit dem Warnhinweis versehen, dass Personen, die Gerinnungshemmer nehmen oder unter Gerinnungsstörungen leiden, keine Nattokinase zu sich nehmen sollten.
Darüber hinaus wird die Einnahme von Nattokinase aber allgemein als unschädlich beschrieben. Quellen:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33843667/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31070609/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27785095/
https://www.mdpi.com/2311-5637/9/11/950
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0024320524005253
https://www.frontiersin.org/journals/cardiovascular-medicine/articles/10.3389/fcvm.2022.964977;
https://doi.org/10.31083/j.rcm2408234
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2213453024001903
https://www.arznei-telegramm.de/html/2011_02/1102023_02.html