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Gegen den Schmerz: Was ist in der Forschungspipeline?

Nahaufnahme eines Mikroskops
Es wird intensiv an neuen Schmerzmitteln ohne Suchtpotenzial geforscht. | Bild: kkolosov / AdobeStock

Als aus VX-548 der Wirkstoff Suzetrigin wurde und er im Januar 2025 die Zulassung durch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA erhielt, markierte das einen Meilenstein in der Analgetika-Forschung. Erstmals seit rund zwanzig Jahren erhielt damit ein Vertreter einer neuen Wirkstoffklasse unter den Analgetika seine Zulassung.  

Es gibt zwar eine durchaus große Anzahl verschiedener Schmerzmittel auf dem Markt, die meisten aber wurden bereits im 19. oder 20. Jahrhundert entwickelt und haben im Laufe der Zeit gezeigt, dass sie entweder nicht nur positive Seiten haben oder dass sie für manche Indikationen zu unspezifisch wirken. Ein Bedarf an neuen und neuartigen Analgetika ist also durchaus vorhanden.

Nicht zuletzt die Opioidkrise in den USA – ausgelöst Ende des vergangenen Jahrtausends durch profitgetriebene Werbung eines inzwischen insolventen Pharmaherstellers und dessen falschen Versprechen, der Wirkstoff Oxycodon im damaligen Arzneimittel OxiContin mache nicht abhängig –  hat auch der Forschung nach neuen, insbesondere nicht abhängig machenden Wirkstoffen Auftrieb gegeben.  

Gesucht wird sowohl nach neuen Opioiden, die zwar die generalisierte schmerzstillende Wirkungen im Gehirn erzeugen, aber möglichst nicht süchtig machen, als auch nach neuen Nicht-Opioiden, die wie Suzetrigin an ganz neuen Wirkorten funktionieren und den Schmerz dort ausschalten, wo er entsteht.  

Im Folgenden geben wir einen Einblick, was international in den Laboren noch an Ideen zur Schmerzstillung erforscht wird.

Deutsche Schmerz- und Palliativtage 2026

Jedes Jahr im März finden die Deutschen Schmerz- und Palliativtage statt. Initiiert von der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. werden im Rahmen eines Kongresses aktuelle Therapien und Forschungen zum Thema Schmerz vorgestellt.

In diesem Jahr finden die Deutschen Schmerz- und Palliativtage vom 19. bis 21. März in Frankfurt statt. Das Motto lautet: „Stabilität in unsicheren Zeiten: Ambulant, teilstationär und stationär.“ Im Fokus stehen Rücken- und Gelenkschmerzen.

Auf PTAheute.de setzen wir an diesen Aktionstagen ebenfalls einen Schwerpunkt auf das Thema Schmerzen. So klären wir darüber auf, was Palliativtherapie eigentlich leistet, wie mit Schmerzmittelrückständen im Trinkwasser umzugehen ist, geben ein Forschungsupdate zur Schmerztherapie und machen auf die Red Flags in der Selbstmedikation aufmerksam. Außerdem frischen wir das Thema Dronabinol-Rezepturen auf und stellen die Fortbildung „PalliativCare“ vor.

Ganz neue Wirkstoffklassen: Von Feuerläufern zum Suzetrigin

Suzetrigin (Handelsname Journavx des Herstellers Vertex Pharmaceuticals) ist ein First-of-Class-Wirkstoff – also der Erste seiner Art. Er wirkt ziemlich unmittelbar dort, wo der Schmerz entsteht, nämlich an den nozizeptiven Neuronen des peripheren Nervensystems, die die Empfindung „Schmerz“ als Erstes von den entsprechenden Sensoren kommend weiterleiten.

In den 1990er-Jahren entdeckte der britische Forscher Stephen Waxman, dass eine Familie von   „Feuerläufern“ in Pakistan, die auf heißen Kohlen laufen können, ein defektes Gen für eine Gruppe von spannungsabhängigen Natriumkanälen, darunter die Rezeptoren Nav1.7 und Nav1.8, besitzen. Daraus wurde Suzetrigin entwickelt, das als selektiver Antagonist des Rezeptors Nav1.8 wirkt. 

Suzetrigin sorgt dafür, dass der Kanal dauerhaft geschlossenen bleibt, womit die Weiterleitung des Schmerzsignals gestoppt wird. Eine Analgesie ohne Abhängigkeit also, da das mit den Opiat-Rezeptoren im Gehirn verbundene Belohnungssystem gar nicht involviert ist.  

Bislang ist der Wirkstoff für den kurzfristigen Einsatz bei akuten Schmerzen zugelassen – jedoch nur in den Vereinigten Staaten. Für Europa liegt Stand März 2026 kein Zulassungsantrag vor.

Neben Suzetrigin wird derzeit an einer ganzen Reihe von Nav1.7- und Nav1.8-Inhibitoren geforscht.

Schmerzmittel aus dem Maghreb

Ebenfalls eine ganz neue Klasse könnte der Wirkstoff Resiniferatoxin eröffnen. Das RTX abgekürzte Toxin stammt aus der „maghrebinischen Säulenwolfsmilch“, einer in Marokko wachsenden Pflanze mit dem botanischen Namen Euphorbia resinifera.

Es ist im Milchsaft dieser Pflanze enthalten und gilt als die schärfste Substanz der Welt mit einem Scoville-Wert von 16 Milliarden.  

Schärfe ist letztlich eine Schmerzempfindung – und tatsächlich verursacht der Kontakt mit RTX etwa auf der Haut auch sofort brennende Schmerzen. Was die Wüstenpflanze zur Verteidigung gegen Fressfeinde nutzt, kann aber auch beim Stillen von Schmerzen helfen – und zwar nachhaltig.

Denn der Naturstoff bindet an den TRPV1-Rezeptor (Transient Receptor Potential Vanilloid 1) und aktiviert diesen dauerhaft, was zu einem massiven Calciumeinstrom führt. Was zunächst zu starkem Schmerzreiz führt, bewirkt langfristig eine irreversible Desensibilisierung dieser schmerzleitenden Nerven. Bereits in niedriger Dosis lässt sich damit deren Aktivität dämpfen.

Unter anderem das Pharmaunternehmen Grünenthal testet den Wirkstoff in einer Phase-3-Studie, um damit chronische Schmerzen bei Kniearthrose zu bekämpfen.

Neue Opioide mit weniger Suchtgefahr

Opioide gelten immer noch als die stärksten bekannten Analgetika und haben trotz der Krise in den USA nicht an Attraktivität für die Forschung verloren. Gesucht wird dabei eine vergleichbare Wirkung gegen Schmerzen, ohne Abhängigkeiten zu verursachen.  

Die Forschung konzentriert sich u. a. auf die verschiedenen Opioid-Rezeptoren des Nervensystems (μ, κ und σ), die mit neuen Wirkstoffen selektiv ansteuerbar sind – zum Teil auch außerhalb des Gehirns, womit das abhängig machende Belohnungssystem umgangen werden könnte.

So gibt es Erfolge mit einem Opioid, das nur an den κ-Rezeptor bindet und nicht die Blut-Hirn-Schranke passiert. DNCP-β-NalA(1) heißt einer diese Wirkstoffe, der u. a. unter Beteiligung von Forschenden der Universität Innsbruck erforscht wird.

In anderen Ansätzen tauschen Forschende funktionelle Gruppen bestehender Opioide aus, um Derivate zu erhalten, die andere Eigenschaften haben – wie z. B. ein geringeres Suchtpotenzial. Ein Beispiel dafür ist Carbamorphin, in dem in der Morphin-Struktur ein Sauerstoffatom gegen eine Methylengruppe ausgetauscht wurde.

Gut zu wissen: Die zehn stärksten (Opioid)-Schmerzmittel

Impfung gegen Opioide als Schutz vor Suchtgefahr?

Um die Probleme mit dem Abhängigkeitspotenzial der Opioide in den Griff zu bekommen, aber dennoch auf Bewährtes setzen zu können, untersuchen US-Forschende z. B. ein modifiziertes Oxycodon – ein Prodrug, das erst durch Trypsin aktiviert wird. 

TAAP, Trypsin Activated Abuse Protection, nennen sie diese Technik, die sie mit dem Wirkstoff PF614 derzeit erproben. Damit soll Tablettenmissbrauch verhindert werden. Kauen, Zerkleinern oder Auflösen der Tablette führt nicht zu einer schnelleren Freisetzung des Wirkstoffs und ermöglicht auch keinen Missbrauch durch nasale oder intravenöse Verabreichung – am grundsätzlichen Suchtpotenzial des Wirkstoffs ändert das allerdings nichts.

Der ebenfalls bereits weit in der klinischen Erforschung befindliche Wirkstoff Cebranopadol aktiviert dagegen als NOP/MOP-Rezeptor-Agonist – und damit erster Wirkstoff dieser Klasse – den µ-Opioid (MOP)-Rezeptor, um den Schmerz zu hemmen, und den Nociceptin (NOP)-Rezeptor, was das Belohnungssystem hemmt und eine Abhängigkeit verhindern kann.  

Auch erforscht wird die Idee, eine „Impfung gegen Opioide“ als Schutz vor dem Suchtpotenzial einzusetzen. Das Immunsystem soll so durch Bildung von Antikörpern verhindern, dass die Opioide ins Gehirn gelangen – in der Peripherie dagegen sollen sie wirken.

Gegen Schmerzen: Neue Nicht-Opioide

In verschiedenen Stadien der Erforschung befinden sich auch mehrere sehr unterschiedliche Nicht-Opioide, z. B.:

Adriana: Hinter dem Namen verbirgt sich ein Wirkstoff, der den alpha2-Beta-Adrenozeptor hemmt. Das Akronym steht für „adrenergic inducer of analgesia“. Japanische Forschende untersuchen dies als neues Analgetikum.

Aniquinazolin B: Mainzer Forschende haben aus einer Biodatenbank mit 40.000 Substanzen ein Naturprodukt namens Aniquinazolin B aus dem Meerespilz Aspergillus nidulans herausgefiltert. Dabei ließen sie einen Supercomputer errechnen, welche der Substanzen an Opioidrezeptoren binden können. Die Forschung befindet sich noch in einem sehr frühen Stadium.

Conotoxine: Die Gifte, neurotoxische Peptide aus der „Räuberischen Kegelschnecke“ der Gattung Conus, werden als Schmerzmittel erforscht. Bereits zugelassen ist etwa Ziconotid unter dem Handelsnamen Prialt zur Behandlung schwerer, chronischer Schmerzen, direkt injiziert in den Wirbelkanal.

VER-01 ist der Name eines Cannabis-Fertigmedikaments, für das als Erstes seiner Art die Zulassung in Deutschland beantragt ist. Das Cannabinoid-basierte Arzneimittel soll chronische Schmerzen lindern. Die Zulassung war eigentlich bereits für Sommer 2025 erwartet worden. 

Für das laufende Jahr sind bislang keine neuen Schmerzmittel für eine Zulassung angekündigt. Quellen (Auszug):
https://www.aerzteblatt.de/news/usa-lassen-erstmals-seit-jahrzehnten-schmerzmittel-mit-neuer-wirkweise-zu-a727271c-9469-4e7e-9f57-12bd49f3b8a8
https://www.tagesschau.de/wissen/schmerzmittel-suchtgefahr-100.html
https://link.springer.com/article/10.1007/s40263-025-01244-x
https://www.frontiersin.org/journals/pharmacology/articles/10.3389/fphar.2025.1573254/full
https://www.vfa.de/de/forschung-entwicklung/pharmaforschung/trendwende-schmerzmittel-entwicklung
https://www.ninds.nih.gov/health-information/clinical-trials/resiniferatoxin-treat-severe-pain-associated-advanced-cancer
https://www.uibk.ac.at/de/newsroom/2023/schmerztherapeutika-der-nachsten-generation/
https://www.nature.com/articles/s41467-023-43718-w
https://www.pnas.org/doi/abs/10.1073/pnas.2425438122
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10955611/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7573817/
https://www.facs.org/for-medical-professionals/news-publications/news-and-articles/bulletin/2026/february-2026-volume-111-issue-2/can-emerging-pain-management-options-help-surgeons-avoid-prescribing-opioids/
https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.2500006122
https://chemistry-europe.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cmdc.202400213
https://journals.lww.com/painrpts/fulltext/2026/04000/human_pain_transcriptomics__lessons_learned_so_far.1.aspx