Leseprobe PTAheute 23/2019 Ausbalanciert

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Bei der Therapie bipolarer Störungen kommen je nach Erkrankungsphase und Symptomatik verschiedene Wirkstoffe zum Einsatz. Die Stimmungslage des Betroffenen soll stabilisiert werden – das ist häufig ein Balanceakt.

Die Diagnose bipolare Störung begleitet den Betroffenen oft ein Leben lang. Nur durch eine adäquate Therapie kann die Stimmungslage des Patienten stabil gehalten werden. Die Behandlung bipolarer Störungen hat – je nachdem, in welcher Phase sich der Erkrankte befindet – unterschiedliche Ziele. Anhand der vorliegenden Symptomatik werden dabei vier Wirkschwerpunkte unterschieden: gegen Manie, Depression, Suizidalität und psychotische Symptomatik. Außerdem wird zwischen drei Behandlungsphasen unterschieden: der Akuttherapie, Erhaltungstherapie und Rückfallprophylaxe. Die Akuttherapie wird während einer akuten Erkrankungsphase begonnen und dauert bis zur deutlichen Besserung der Symptome an. Die sich anschließende Erhaltungstherapie soll den Zustand des Betroffenen stabilisieren und einen Rückfall so weit wie möglich verhindern. Die Rückfallprophylaxe beginnt, sobald sich die Stimmungslage des Betroffenen wieder normalisiert hat.

Medikamentöse Therapie

Zur medikamentösen Therapie werden hauptsächlich drei Gruppen von Medikamenten eingesetzt: die sogenannten Stimmungsstabilisierer, atypische Neuroleptika und Antidepressiva. Für den Patienten und seine Angehörigen ist es wichtig zu wissen, dass der volle Wirkungseintritt der Medikamente oft erst nach zehn bis 14 Tagen einsetzt. Um einen Therapieerfolg zu erreichen, müssen die verordneten Arzneimittel gemäß der ärztlichen Empfehlung weiter eingenommen werden, auch wenn sich noch keine Wirkung eingestellt hat.

Die Stimmung stabilisieren – Lithium und Antikonvulsiva

Stimmungsstabilisierer werden in der Regel in allen drei Behandlungsphasen eingesetzt. Sie gleichen übermäßige Stimmungsschwankungen sowohl in einer manischen als auch einer depressiven Erkrankungsepisode aus. Diese Eigenschaften machen Stimmungsstabilisierer zu einer wichtigen Behandlungsoption bei der Therapie bipolarer Störungen. Als Stimmungsstabilisierer werden sowohl Lithiumsalze (z. B. Quilonum® retard) als auch die Antikonvulsiva Valproinsäure (z. B. Orfiril® long), Lamotrigin (z. B. Lamictal®) und Carbamazepin (z. B. Tegretal®) eingesetzt. Die Wahl des Wirkstoffs ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Dazu gehören die Art der bipolaren Erkrankung, die Verträglichkeit und mögliche Begleiterkrankungen.

Die Wirkungsmechanismen von Lithium sind bisher noch weitestgehend unbekannt. Unter anderem löst es eine Reihe von zellulären Effekten aus. So wird beispielsweise die Serotoninausschüttung erhöht. Die Antikonvulsiva vermindern die zentrale Erregbarkeit. Als Nebenwirkungen können unter anderem feinschlägiger Tremor (Zittern), Gewichtszunahme, Durstgefühl, Übelkeit und vermehrter Harndrang auftreten. Während der Einnahme von Stimmungsstabilisierern sollte der Patient regelmäßig ärztliche Kontrolltermine wahrnehmen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Stimmungsstabilisierer werden in der Regel in allen drei Behandlungsphasen (Akuttherapie, Erhaltungstherapie, Rückfallprophylaxe) eingesetzt.
  • Stimmungsstabilisierer werden oft mit einem atypischen Neuroleptikum kombiniert.
  • Viele Antidepressiva beeinflussen direkt oder indirekt den Stoffwechsel von Neurotransmittern im Gehirn.
  • Neben der medikamentösen Therapie ist die Psychotherapie eine weitere wichtige Säule in der Behandlung von bipolaren Störungen.

Atypische Neuroleptika – wichtige Kombinationspartner

In der manischen Akutphase wird der Stimmungsstabilisierer oft mit einem atypischen Neuroleptikum kombiniert. Die Kombinationstherapie führt häufig zu einem schnelleren Wirkungseintritt als die Monotherapie. Für diese Indikation zugelassen sind beispielsweise die Wirkstoffe Olanzapin (z. B. Zyprexa®), Aripiprazol (z. B. Abilify®) oder Quetiapin (z. B. Seroquel®). Die Wirkstoffe haben Einfluss auf den Dopaminstoffwechsel. Sie blockieren Dopaminrezeptoren im Gehirn und verhindern so eine überschießende Dopamin-Rezeptor-Aktivierung. Durch die Blockade dieser Rezeptoren kann es zu parkinsonähnlichen Bewegungsstörungen kommen, wie zum Beispiel ungewolltem Schmatzen. Bei den modernen atypischen Neuroleptika ist diese Nebenwirkung allerdings weniger stark ausgeprägt als bei älteren Neuroleptika.

Wie erkläre ich es meinem Kunden?

  • „Bitte nehmen Sie die Arzttermine zur Kontrolle wahr. Sie können bei diesen Terminen mit Ihrem Arzt klären, wie gut das Präparat bei Ihnen wirkt.“
  • „Bitte nehmen Sie das verordnete Arzneimittel immer genau nach den Angaben des Arztes ein. Es kann ein bis zwei Wochen dauern, bis die volle Wirkung einsetzt. Das ist normal und bedeutet nicht, dass das Präparat bei Ihnen nicht wirkt. Bitte verändern Sie während dieser Zeit nicht eigenmächtig die Dosis.“

Antidepressiva – wichtig in depressiven Phasen

In der akuten depressiven Phase werden häufig Antidepressiva eingesetzt. Viele Stoffe dieser Wirkstoffklasse beeinflussen direkt oder indirekt den Stoffwechsel der Neurotransmitter im Gehirn, was auf unterschiedliche Weise erfolgen kann. So verstärken zum Beispiel selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) den Einfluss von Serotonin im Gehirn (siehe auch Artikel ab Seite 24). Typische Vertreter dieser Substanzklasse sind die Wirkstoffe Fluoxetin (z. B. Fluoxetin-Generika), Citalopram (z. B. Cipramil®) oder Paroxetin (z. B. Seroxat®).

Tri- und tetracyclische Antidepressiva erhöhen dagegen die Konzentration von Noradrenalin und Serotonin. Beispiele für Arzneistoffe aus dieser Wirkstoffgruppe sind Amitriptylin (z. B. Amitriptylin-Generika®), Doxepin (z. B. Aponal®) oder Mianserin (z. B. Mianserin-Generika). Selektive-Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) wie beispielsweise Duloxetin (z. B. Cymbalta®) und Venlafaxin (z. B. Trevilor®) steigern den Effekt von Serotonin und Noradrenalin.

Weitere Optionen

Zusätzlich zur medikamentösen Therapie sollte der Betroffene psychotherapeutische Maßnahmen in Anspruch nehmen. Nur so kann der Patient lernen, mit der Erkrankung zu leben und rechtzeitig den Beginn einer neuen Episode zu erkennen. Daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer Maßnahmen für Menschen mit bipolaren Störungen. Unterstützt wird die Behandlung häufig durch Ergotherapie und Selbsthilfegruppen.

Ebenfalls therapieergänzend kann eine Wach- oder Elektrokrampftherapie durchgeführt werden. Bei der Wachtherapie bleiben die Patienten eine Nacht wach und schlafen erst wieder in der darauffolgenden Nacht. Dieser Schlafentzug bewirkt oft eine kurzzeitige Stimmungsaufhellung. Bei der Elektrokrampftherapie werden dem Gehirn unter Vollnarkose über Elektroden kurzzeitige Stromstöße versetzt. Hierdurch können bei manchen Patienten depressive Symptome reduziert werden.

Tipps für Angehörige

Nicht nur der Betroffene leidet unter seiner Erkrankung, auch Familie und Freunde stehen oft vor einer schwierigen Situation. Sie wissen häufig nicht, wie sie mit der Erkrankung umgehen sollen. Gefühle wie Wut oder Überforderung können sich negativ auf den Umgang mit dem Betroffenen auswirken. Deshalb ist es wichtig, eigene Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen, sich Freiräume zu schaffen oder den Kontakt zu anderen Angehörigen in Selbsthilfegruppen zu suchen. Aktuelle Kontaktadressen finden Sie auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e. V. unter www.dgbs.de.

Dr. Marianne Hohlfeld
Apothekerin, Zell
autor@ptaheute.de