Ein Antidepressivum gegen Corona?

Studie mit Fluvoxamin bei COVID-19 startet

Wir Fluvoxamin bald auch bei COVID-19 eingesetzt?
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Fluvoxamin wird seit Jahren bei schweren Depressionen und Zwangsstörungen eingesetzt. Doch vielleicht steckt mehr Potenzial in dem SSRI, als man seither vermutete. Hilft Fluvoxamin auch bei COVID-19? Hinweise dafür gibt es, mehr Klarheit soll eine klinische Studie in den USA bringen. Doch: Wie könnte Fluvoxamin die Viruserkrankung überhaupt beeinflussen? 

Fluvoxamin ist hierzulande nicht das am häufigsten verordnete Antidepressivum aus der Gruppe der SSRI (Selektiver Serotonin Wiederaufnahmehemmer). Von 674,3 Millionen verordneten DDD (Defined Daily Dose, durchschnittlich verordnete tägliche Dosis) im Jahr 2018, entfallen 2,3 Millionen DDD auf Fluvoxamin. Zum Vergleich: Von Citalopram wurden 262 Millionen DDD verordnet, von Sertralin 169 Millionen DDD (Quelle: Arzneiverordnungsreport 2019). Zugelassen ist Fluvoxamin in Deutschland schon seit etlichen Jahren, vermarktet werden derzeit noch Fevarin® und Fluvoxamin® neuraxpharm, je in den Stärken 50 mg und 100 mg. Eingesetzt wird Fluvoxamin zur Behandlung von depressiven Erkrankungen (Episoden einer schweren Depression = Major Depression) und Zwangsstörungen (Obsessive Compulsive Disorder, OCD). Off-Label, das bedeutet in nicht zugelassenen Indikationen, findet Fluvoxamin auch Anwendung bei posttraumatischer Belastungsstörung, sozialer Phobie, Panikstörungen oder auch dem Reizdarmsysndrom.

Doch im bei Depressionen eher vernachlässigten Fluvoxamin schlummern vielleicht ungeahnte Kräfte. In den Vereinigten Staaten wollen Wissenschaftler (Washington University School of Medicine) den SSRI nun in einer klinischen Studie an COVID-19-Patienten untersuchen. Die Forscher hoffen, dass Fluvoxamin eine Komplikation, die teils bei schweren COVID-19-Verläufen beobachtet wird – ein Zytokinsturm – verhindern oder abschwächen kann. In Mäusen war Fluvoxamin bereits erfolgreich.

Zytokinsturm – was ist das?

Zytokine sind Proteine, die unterschiedliche Funktionen im Körper wahrnehmen. Sie werden unter anderem bei Immunreaktionen gebildet, steuern Entzündungs- und Immunreaktionen und die Kommunikation zwischen einzelnen Immunzellen. Zytokine fördern beispielsweise bei Entzündungen die Einwanderung weiterer Zytokine an den Entzündungsort. Normalerweise beruhigt sich mit Abklingen der Entzündung oder der Immunreaktion auch das Zytokinsystem wieder. Allerdings funktioniert dies nicht immer. Bei manchen Erkrankungen, zum Beispiel bei schweren COVID-19-Erkrankungen, oder Behandlungen, zum Beispiel einer Krebstherapie mit CAR-T-Zellen, werden diese entzündungsfördernden Zytokine in extremem Maß freigesetzt. Man spricht dann von einem Zytokinsturm, und im Gegensatz zu einer „normalen“ Immunreaktion fährt das Immunsystem nicht automatisch auf seinen gesunden Ausgangszustand zurück. Es kommt zu Fieber, Patienten können an Schüttelfrost, Hypertonie (Bluthochdruck) und Übelkeit leiden. Das Immunsystem reagiert massiv über, es kann zu lebensbedrohlichen Zuständen und Organversagen kommen. Eine wichtige Rolle spielt hier Interleukin-6 (IL-6), das auch Angriffspunkt bei Behandlung des Zytokinsturmes ist (IL-6-Rezeptor-Antikörper Tocilizumab, Roactemra®, zugelassen bei CAR-T-Zell-bedingtem Zytokinsturm).

Depression, Fluvoxamin, Zytokin – ein Zusammenhang?

Doch wie könnte ein Selektiver Serotonin-Reuptake-Inhibitor einen Zytokinsturm bremsen? Dafür hilft es zu wissen, dass Zytokine auch bei Depressionen vermehrt produziert werden, und eine Behandlung mit Fluvoxamin diese Zytokine vielleicht beeinflusst. Könnte der SSRI somit auch eine Wirkung auf die Zytokine haben, die bei einem Zytokinsturm massiv freigesetzt werden?

Bereits in früheren Forschungsarbeiten zeigte sich, dass es einen Zusammenhang zwischen Depressionen und Zytokinen wie Interleukin-6 (IL-6) und Fluvoxamin geben könnte. Zum einen scheint unter anderem das Zytokin Interleukin-6 (IL-6) bei depressiven Patienten vermehrt gebildet zu werden, zum anderen scheint dann eine antidepressive Behandlung mit Fluvoxamin dieses erhöhte IL-6 wieder zu senken und dadurch eine schwere Depression teilweise auch zu bessern.

Fluvoxamin half Mäusen mit Blutvergiftung

Erst 2019 veröffentlichten US-amerikanische Wissenschaftler ihre Ergebnisse zu Fluvoxamin in einem anderen Behandlungsgebiet als einer Depression – der Sepsis (Blutvergiftung). Auch bei einer Sepsis kommt es zu einer massiven Freisetzung von Zytokinen. Die Forscher fanden, dass Fluvoxamin die Zytokinbildung in Mäusen verringerte und sie vor einem Septischen Schock schützte .Ob Fluvoxamin auch beim Menschen Zytokinstürme mildern kann, soll nun die neue Studie in den USA zeigen.

Studie im „Home-Office“

Die Wirksamkeit von Fluvoxamin bei COVID-19-bedingten Zytokinstürmen soll jetzt bei 152 Patienten geprüft werden. Ein Teil der Erkrankten bekommt den SSRI, der andere Teil ein wirkstofffreies Präparat (Placebo). Das Besondere: Die Patienten sind dafür nicht im Krankenhaus, sie isolieren sich selbst zuhause, messen regelmäßig Temperatur, Blutdruck und Sauerstoff und berichten die Werte per Telefon oder online an die Studienärzte. Dieses Szenario macht klar, dass all diese COVID-19-Patienten, zumindest zu Beginn der Studie, keine schwere Erkrankung haben: Es geht ihnen gut genug, um zuhause zu sein. Und das will man beobachten: Kann Fluvoxamin verhindern, dass COVID-19 bei diesen Patienten schlimmer wird?

Fluvoxamin: günstig, sicher, verfügbar

Sollte sich die Wirksamkeit des SSRI bei Corona bewahrheiten, brächte Fluvoxamin zig Vorteile in die Therapie von COVID-19: Der SSRI ist jahrelang zugelassen und erprobt, zwar in einem anderen Einsatzgebiet, doch gilt Fluvoxamin als sicher. Fluvoxamin ist günstig, und es wäre verfügbar.

Fluvoxamin ist nicht das einzige Arzneimittel, das bei Zytokinstürmen bei COVID-19 mit dem IL-6-hemmenden Ansatz untersucht wird. Auch das bei CAR-T-Zell-bedingtem Zytokinsturm zugelassenen Tocilizumab (Roactemra®) wird derzeit geprüft, ob es schwere Verläufe abmildern kann.