Mit den Kräften am Ende: Selbstmedikation bei
Unruhe, Erschöpfung und Schlafstörungen

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Tagsüber erschöpft und müde, nachts zu angespannt, um zur Ruhe zur kommen – so ergeht es Millionen Menschen in Deutschland. Die Gründe dafür sind verschieden. Finden die Betroffenen keinen Ausweg und hält diese Situation dauerhaft an, kann dies gesundheitliche Folgen haben. Doch viele scheuen sich, einen Arzt aufzusuchen, und suchen zunächst Rat in der Apotheke. Diese Präparate können Sie bei Unruhe und Erschöpfung empfehlen.

In nahezu allen Lebensbereichen fühlen sich Menschen heutzutage gestresst: auf dem Weg zur Arbeit, am Arbeitsplatz selbst, beim Einkaufen, beim Erledigen der Hausarbeit und der Versorgung der Kinder. Gerade der Terminkalender vieler berufstätiger Frauen ist übervoll. Momente der Anspannung reihen sich aneinander, ohne dass zwischendurch Raum wäre, die Akkus wieder aufzuladen. Schnell macht sich dann ein Gefühl der Überforderung, der inneren Unruhe und Erschöpfung breit. Eine der möglichen Folgen sind Schlafstörungen. Um aus einer solchen Situation wieder herauszukommen, helfen neben medikamentösen vor allem nicht medikamentöse Maßnahmen, z. B. autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga oder Meditation. Auch die Umstellung der Ernährung, das Einführen entspannender Rituale und das Festlegen der eigenen Prioritäten und Ziele kann helfen, dem Stress zu entfliehen.

Unterstützend können Sie in der Selbstmedikation pflanzliche Arzneimittel empfehlen. Zu den wichtigsten Arzneipflanzen, die zur Beruhigung bei Unruhe und Schlafstörungen eingesetzt werden, gehören Baldrian, Hopfen, Melisse, Lavendel und Passionsblume.

Schlaffördernd und beruhigend

Eine beliebte Heilpflanze bei Einschlafstörungen ist Baldrian (Valeriana officinalis). Er ist in Form von Tabletten und Tinkturen, auch in Kombination mit weiteren Pflanzenextrakten, erhältlich. Seine Wirksamkeit wird durch umfangreiche wissenschaftliche Daten bestätigt und gilt in Hinblick auf eine verkürzte Einschlafzeit und eine verbesserte Schlafqualität als gesichert. Für Baldrianextrakt wurde eine erhöhte Ausschüttung und geringere Wiederaufnahme von GABA nachgewiesen. Zu den interessantesten Inhaltsstoffen des Baldrians gehören neben dem ätherischen Öl die Valepotriate und Lignane.

Pflanzliche Sedativa auf der Basis von Baldrian (z. B. Baldriparan® Stark für die Nacht und Euvegal® Balance) sollten, wie die meisten Arzneimittel gegen Schlafstörungen, etwa eine halbe bis eine Stunde vor dem Zubettgehen eingenommen werden. In Kombination mit Hopfen und Melisse ist Baldrian als Sedacur® forte apothekenexklusiv im Handel. Eine Kombination mit Melisse und Passionsblume findet man in dem Präparat Phytonoctu®.

Der Hopfen (Humulus lupulus) stammt ursprünglich aus Osteuropa, ist aber zwischenzeitlich in ganz Europa beheimatet. Er wird zur Behandlung von Einschlafstörungen sowie zur Entspannung eingesetzt und ist vor allem in Kombination mit weiteren Pflanzenextrakten erhältlich, z. B. in Sedacur® forte (mit Baldrian und Melisse), Allunapret® (mit Baldrian) und Baldriparan® Zur Beruhigung (mit Baldrian und Melisse). Hopfen enthält unter anderem Humulon, eine α-Bittersäure, und Lupulon, eine β-Bittersäure. Weitere Inhaltsstoffe sind ätherisches Öl und Flavonoide.

Therapie der inneren Unruhe

Die Melisse oder auch Zitronenmelisse (Melissa officinalis) ist oft ein ergänzender Bestandteil in pflanzlichen Kombinationspräparaten zur Beruhigung, z. B. in Sedacur® forte (mit Baldrian und Hopfen), Euvegal® 320 / 160 (mit Baldrian) und Vivinox® Day Beruhigungsdragees. Die Pflanze ist reich an ätherischem Öl, die Blätter enthalten zudem auch Gerbstoffe, Flavonoide und Phenolcarbonsäuren.  

Die Passionsblume (Passiflora incarnata), eine ursprünglich aus Südamerika stammende Pflanzenart, ist reich an Flavonoiden. Ihre beruhigende und angstlösende Wirkung ist gut belegt. Arzneimittel, welche ausschließlich Passionsblumenkraut enthalten, sind beispielsweise Lioran® und Hoggar® Balance. Als Kombination ist es z. B. in Kytta-Sedativum® Dragees (mit Baldrian und Hopfen) enthalten.

Unruhe mit ängstlicher Verstimmung

Lavendel (Lavandula angustifolia) wird häufig dann eingesetzt, wenn die Unruhezustände auf ängstliche Verstimmungen zurückzuführen sind. Arzneilich genutzt wird das Lavendelöl, entweder als Einreibung, Badezusatz oder für die innerliche Anwendung. Zur Einnahme ist Lavendelöl z. B. in Lasea® enthalten. Die Weichkapseln, die unzerkaut und mit reichlich kalter Flüssigkeit eingenommen werden sollten, sind für Personen über 18 Jahre geeignet. Lavendelölpräparate sind im Allgemeinen gut verträglich, bekannte Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden. Darüber hinaus sind keine relevanten Wechselwirkungen bekannt, lediglich von einer Kombination mit Benzodiazepinen wird abgeraten. Bis zum vollständigen Wirkeintritt kann es einige Tage dauern.

Depressive Verstimmungen

Häufig tritt innere Unruhe auch in Kombination mit depressiven Begleitsymptomen auf. Dann sollte die pharmazeutische Beratung besonders sorgfältig erfolgen. Zwar ist mit dem Johanniskraut (Hypericum perforatum) ein wirksames und gut untersuchtes pflanzliches Arzneimittel verfügbar. Allerdings ist nur bei leichten depressiven Verstimmungen eine Selbstmedikation sinnvoll, bei mittelschweren bis schweren Verläufen sollte die Betreuung auf jeden Fall durch einen Arzt erfolgen.

Bei der Abgabe johanniskrauthaltiger Präparate sollte auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln hingewiesen werden, dazu zählen beispielsweise das Immunsuppressivum Ciclosporin, der Proteaseinhibitor Indinavir und das Antidepressivum Amitriptylin sowie Gerinnungshemmer vom Coumarin-Typ und orale Kontrazeptiva.

Johanniskraut ist in einer Reihe von Monopräparaten (z. B. Laif®, Jarsin®) sowie in Kombinationspräparaten (z. B. in Sedariston® Konzentrat Kapseln in Kombinatin mit einem Baldrianextrakt, in Neuropas® Balance zusammen mit Baldrian und Passionsblume) enthalten. Bis zur vollen Entfaltung der antidepressiven Wirkung kann es zwei bis drei Wochen dauern.

Stärkend und kräftigend

Rosenwurz (Rhodiola rosea) gehört zu den sogenannten adaptogenen Pflanzen und soll den Organismus besser an Stresssituationen anpassen. Es wird diskutiert, dass die verschiedenen Inhaltsstoffe der Rosenwurz den Stoffwechsel verschiedener Neurotransmitter beeinflussen und somit vor allem die geistige Leistungsfähigkeit in anspruchsvollen, stressbelasteten Situationen verbessern. Zusätzlich gibt es Hinweise, dass auch die körperliche Belastbarkeit gestärkt wird. Die Pflanze stammt aus Skandinavien sowie aus den Hochgebirgen Asiens. Der deutsche Name verweist auf den Rosenduft, welchen das angeschnittene Rhizom verströmt. In Russland und Skandinavien wird die Rosenwurz traditionell als Arzneipflanze genutzt

In der Apotheke sind z. B. das Arzneimittel Vitango® mit dem Rosenwurz-Spezialextrakt WS® 1375 sowie das Nahrungsergänzungsmittel Rhodiolan® 200 mit Rosenwurz und Pantothensäure erhältlich. Darüber hinaus gibt es verschiedene Kombinationspräparate wie Vigodana® (Extrakt aus Rosenwurz, Magnesium, Vitamin E, B6, B12, D3 und Folsäure) oder my Bellence® Lebenskraft & Nervenstärke (Folsäure, Vitamin B2, B6, B12 und E, Magnesium, Vitamin D3 und Rosavine aus Rhodiola rosea).

Homöopathische und anthroposophische Mittel

Ein klassisches „Nervenmittel" der Homöopathie ist Kalium phosphoricum, das bei geistiger Erschöpfung und Überanstrengung bis hin zu depressiven Verstimmungen empfohlen werden kann. Wenn Müdigkeit und Konzentrationsschwäche im Vordergrund stehen, ist Acidum phosphoricum das Mittel der Wahl. Und ist der Erschöpfungszustand eher auf eine Depression bzw. depressive Verstimmung zurückzuführen, eignet sich Ignatia als „Kummermittel".
Neben den Einzelmitteln stehen in der Apotheke auch verschiedene Komplexhomöopathika zur Auswahl, z. B. Neurexan® (Heel), das bei nervösen Unruhezuständen mit Schlafstörungen empfohlen werden kann. Werden die nervösen Beschwerden von Erschöpfung und Leistungsminderung begleitet, bietet sich mit Manuia®(DHU) eine Alternative. Stehen Einschlafstörungen oder das sogenannte Restless-Legs-Syndrom im Vordergrund, eignet sich zum Beispiel Sedakatt®(Kattwiga). Weitere komplexhomöopathische Präparate, welche Ihnen bei nervösen Störungen in der Beratung zur Verfügung stehen, sind beispielsweise dysto-loges®S, Calmvalera Hevert®, Zincum Hevert®N und Nervoregin®H.

Auch die anthroposophische Medizin hält bei Erschöpfungserscheinungen wie Nervosität, Müdigkeit, Teilnahms- und Antriebslosigkeit einige Mittel bereit. Das in Neurodoron® (Weleda) enthaltene Gold soll beispielsweise Unstimmigkeiten ausgleichen und Teilnahms- und Antriebslosigkeit entgegenwirken. Neurodoron® enthält zudem Kalium phosphoricum, das integrierend wirkt, und Ferrum-Quarz, das das harmonische Zusammenspiel von Nerven-Sinnes-, Rhythmischem und Stoffwechselsystem reguliert. Klagt der Patient eher über Nervosität mit Einschlafstörungen, können Avena sativa comp (Weleda) oder Passiflora comp (Wala) helfen.