Warum Säuglinge zusätzlich Vitamin D bekommen

Alle Säuglinge sollen im ersten Lebensjahr zusätzlich Vitamin D erhalten. Warum ist das so? / Bild: Andrey Kuzmin/AdobeStock

Während des ersten Lebensjahres empfehlen das Bundesministerium für Ernährung und die Fachgesellschaften die zusätzliche Gabe von Vitamin D für Säuglinge. Reicht es nicht, das Kind viel nach draußen zu bringen und das Vitamin über die Nahrung zuzuführen? Warum brauchen Säuglinge zusätzlich Vitamin D?

Vitamin D gehört zu den fettlöslichen Vitaminen. Der physiologisch wichtigste Vertreter ist das Cholecalciferol (Vitamin D3). Es ist für die Regulation des Calcium- und Phosphatstoffwechsels verantwortlich und damit entscheidend an der Härtung der Knochen beteiligt. Es ist das einzige Vitamin, das sowohl über die Nahrung zugeführt als auch in der Haut durch UVB-Lichtexposition (Sonnenbestrahlung) gebildet wird.

Beeinträchtigung der Knochenmineralisation und Rachitis

Ein Vitamin-D-Mangel im Säuglingsalter beeinträchtigt die Knochenmineralisation. Ein Vitamin D-Mangel führt zu Störungen im Calcium- und Phosphatstoffwechsel. Im Säuglings- und Kleinkindalter führt dies im Extremfall zu einer Rachitis. Dabei kommt es aufgrund einer Störung der Knochenmineralisation zu Verformungen des Skeletts und Auftreibungen im Bereich der Wachstumsfugen (rachitischer Rosenkranz, O-Beine, weiche Schädelknochen, Quadratschädel und mehr). Weitere Symptome sind eine verminderte Muskelkraft und -tonus sowie eine erhöhte Infektanfälligkeit. Langfristig kann ein Vitamin-D-Mangel zur Entstehung von Osteoporose im höheren Alter beitragen. Ein Mangel sollte daher bereits im Säuglingsalter vermieden werden.

Ernährung spielt nur geringe Rolle bei der Vitamin-D-Versorgung

Die Bildung des Vitamins erfolgt beim Menschen auf zwei Wegen: Zum einen wird durch UVB-Licht Vitamin D in der Haut aus einer Vorstufe selbst synthetisiert, zum anderen wird Vitamin D über die Nahrung aufgenommen. Die Zufuhr über Nahrungsmittel ist aber in der Regel gering. Über die Nahrung erhalten Säuglinge Vitamin D in den ersten Lebensmonaten über die Muttermilch oder eine industriell hergestellte Säuglingsnahrung. Der Vitamin D-Gehalt von beiden Milchen ist aber sehr gering. So enthält Muttermilch durchschnittlich 0,073 µg Vitamin pro 100 Milliliter. In Pre- und 1-Nahrung liegt der Vitamin D-Gehalt bei etwa 0,9-1,2 µg pro 100 Milliliter trinkfertiger Nahrung.

Bei regelmäßigem Aufenthalt im Freien trägt unter hierzulande üblichen Lebensbedingungen die körpereigene (endogene) Vitamin D-Bildung in der Haut den größten Anteil zur Vitamin D-Versorgung bei. Zwar kann Vitamin D vom Körper selbst gebildet werden – dazu ist jedoch direkte Sonneneinstrahlung auf die nackte Haut nötig. Diese Vitamin-D-Produktion über die Sonne ist unsere Hauptquelle für Vitamin D, aber leider reicht die Sonneneinstrahlung in den Wintermonaten in Mittel- und Nordeuropa nicht aus, um ausreichend Vitamin D zu produzieren. Selbst im Sommer müsste ein bekleidetes Baby – ohne Sonnencreme im Gesicht – einige Stunden direktes Sonnenlicht bekommen, um ausreichend Vitamin D zu bilden – da Babys jedoch nicht der direkten Sonne ausgesetzt werden dürfen, wird dieser Wert fast nie erreicht.

Aktuelle Empfehlung: 400-500 I.E.

Die aktuellen Empfehlungen zur Rachitisprophylaxe sehen für alle Neugeborenen 400 - 500 I.E. Vitamin D3 täglich bis zum zweiten erlebten Frühling vor. Frühgeborene (Geburtsgewicht < 1500g) erhalten täglich 800 - 1000 I.E. Vitamin D3. Für einen ausreichenden Schutz vor einer Rachitis benötigen Säuglinge eine Vitamin D – Serumkonzentration von > 50 nmol/l. 

Präparatebeispiele

  • Vitamin D Sandoz® 500 I.E. Tabletten
  • Dekristol® 500 I.E. Tabletten
  • Vigantol® 500 I.E. Vitamin D3 Tabletten
  • Vigantoletten® 500 I.E. Vitamin D3 Tabletten

Tropfen oder Tabletten?

Viele Hebammen raten Eltern zu Vitamin D-Tropfen (Vigantol®-Öl) statt Tabletten. Diese hätten sich trotz fehlender Studien besonders bei Kindern mit Magen-Darm-Beschwerden und einer familiären Allergie-Disposition bewährt, heißt es. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte rät hiervon jedoch dringend ab. Ein Tropfen enthalte nicht wie bis vor einigen Jahren noch 400 I.E. Vitamin D, sondern inzwischen 667 I.E. – eine Erhöhung um 50 Prozent. In der ABDA-Datenbank sind die Tropfen Vigantol-Öl allerdings mit 500 I.E. pro Tropfen hinterlegt. Außerdem gibt es eine Dosierungsangabe in der Packungsbeilage des Herstellers für Säuglinge ab der 2. Lebenswoche (1 Tropfen pro Tag entsprechend 500 I.E. Cholecalciferol). Wir haben beim Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte nachgefragt, wie die 667 I.E. aus ihrer Sicht zustande kommen. Die Tropfen könnten zudem je nach Raumtemperatur in der Größe variieren und dann unter Umständen noch mehr Vitamin D enthalten. Und es könne leicht passieren, dass Eltern ihrem Kind aus Versehen zwei anstatt von einem Tropfen Vitamin D verabreichen. Bei Überdosierung reichert sich Vitamin D im Körper an und kann schwere gesundheitliche Schäden verursachen: Erbrechen, Durchfall, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Nierenversagen. Die Gabe von Vitamin D für Säuglinge wird ärztlicherseits daher in Form von Tabletten empfohlen.

Der Geburtstermin entscheidet über die Dauer der Supplementation

Die Dauer der Vitamin D-Supplementation hängt von der Jahreszeit ab, in der der Säugling geboren wurde. Säuglinge erhalten zur Rachitisprophylaxe 400 bis 500 I.E. Vitamin D pro Tag bis zum zweiten erlebten Sommer, sodass im Winter geborene Kinder 1,5 Jahre täglich Vitamin D als Supplement nehmen. Alle anderen Säuglinge bekommen Vitamin D im gesamten ersten Lebensjahr.

Überversorgung kaum möglich

Vitamin D-Überdosierungen sind generell nur durch eine überhöhte orale Zufuhr und nicht durch lange Sonneneinstrahlung möglich. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat für Kinder bis 10 Jahre eine tolerierbare Gesamtzufuhrmenge von 50 µg Vitamin D pro Tag abgeleitet. Diese bezieht sich auf die Vitamin D-Zufuhr aus allen Lebensmitteln (einschließlich Vitamin D-Präparaten und angereicherten Lebensmitteln). Für Säuglinge besteht bei der empfohlenen Gabe von 10-12,5 µg (400-500 I.E.) Vitamin D damit keine Gefahr der Überdosierung.

Und was ist mit Fluorid?

Zur Kariesprophylaxe gibt es aktuell zwei unterschiedliche Empfehlungen: Von zahnärztlicher Seite wird die Kariesprophylaxe durch Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta ab dem 6. Lebensmonat empfohlen. Nach kinderärztlicher Empfehlung sollen Fluoridtabletten als Kombinationspräparat mit der täglichen Vitamin-D3-Gabe verabreicht werden. Die Studienlage zeigt eine Karies-hemmende Wirkung der Fluoridtabletten vor allem an den bleibenden Zähnen. Für das Milchgebiss gibt es nur eine schwache Evidenz. Zudem ist für eine langfristige Kariesprophylaxe die lokale Wirkung von Fluorid bedeutend, diese ist durch eine Tabletteneinnahme nicht gegeben.

Cornelia Neth
PTA, Leitung der Online-Redaktion
onlineredaktion@ptaheute.de

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