Welche Grippeimpfstoffe gibt es und was sind die Unterschiede?

25 Millionen Dosen Grippeimpfstoffe wird es für die bevorstehende Influenzasaison 2020/21 in Deutschland geben. Es gibt 6 verschiedene Impfstoffe.
Foto: Davizro Photography

Alle Influenza-Vakzine schützen vor vier Grippevirusstämmen – manche Impfstoffe eignen sich jedoch speziell für besondere Personengruppen, können als Nasenspray verabreicht werden oder unterscheiden sich in ihrer Herstellungsmethode. Was sind die Unterschiede und worin liegen vielleicht Vorteile? PTAheute hat eine Übersicht über die aktuellen Grippeimpfstoffe 2020/21 erstellt.

25 Millionen Dosen Grippeimpfstoffe wird es für die bevorstehende Influenzasaison 2020/21 in Deutschland geben, 16,5 Millionen Impfstoffdosen hat das Paul-Ehrlich-Institut mit Stand vom 11. September 2020 bereits freigegeben. Den Markt teilen sich

  • Afluria® Tetra und Flucelvax® Tetra von Seqirus,
  • Influsplit Tetra von GSK,
  • Influvac® Tetra von Mylan,
  • Vaxigrip Tetra® von Sanofi Pasteur und
  • Fluenz® Tetra von AstraZeneca.

Gemeinsam ist allen, dass sie vor vier Grippevirusstämmen – zwei Influenza-A-Stämmen und zwei Influenza-B-Stämmen – schützen. Welche genauen Stämme das sind, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits im Februar bekannt gegeben. Doch es gibt auch Unterschiede zwischen den einzelnen Vakzinen, und nicht jeder Grippeimpfstoff eignet sich für jeden Impfwilligen.

Grippeimpfstoffe für Säuglinge

Influsplit Tetra und Vaxigrip Tetra® dürfen bereits bei Säuglingen ab einem Alter von sechs Monaten geimpft werden. Beide Grippeimpfstoffe sind Totimpfstoffe, sie werden – wie die meisten Influenzavakzinen – in Hühnereiern hergestellt. Vaxigrip Tetra® ist darüber hinaus der einzige Grippeimpfstoff, der offiziell für die Impfung von Schwangeren und dadurch zur passiven Immunisierung von Säuglingen in den ersten sechs Lebensmonaten zugelassen ist.

Grippeimpfstoffe für Kinder

Für Kinder eignen sich neben Influsplit Tetra und Vaxigrip Tetra® auch Influvac® Tetra (ab einem Alter von drei Jahren) und Flucelvax® Tetra (ab einem Alter von neun Jahren). Zusätzlich vermarktet AstraZeneca den einzigen Lebendimpfstoff bei Grippeimpfstoffen: Fluenz® Tetra enthält abgeschwächte Grippeviren und darf bei Kindern im Alter ab zwei Jahren bis zum vollendeten 18. Lebensjahr verabreicht werden.

Auch bei der Applikationsweise unterscheidet sich Fluenz® Tetra von den anderen Grippeimpfstoffen: Fluenz® Tetra wird als Nasenspray verabreicht. Dadurch, dass Fluenz® Tetra jedoch ein Lebendimpfstoff ist, ist dieser kontraindiziert bei Kindern mit Immunschwäche aufgrund von Erkrankungen oder infolge einer Therapie mit Immunsuppressiva, wie akute und chronische Leukämie, Lymphom, symptomatische HIV-Infektion, zelluläre Immundefekte und hoch dosierte Corticoidbehandlungen.

Die STIKO (Ständige Impfkommission) am Robert Koch-Institut (RKI) spricht sich nicht für eine präferenzielle Verwendung von Lebend- oder Totimpfstoffen bei Kindern aus, sie könnten „unter Berücksichtigung möglicher Kontraindikationen gleichermaßen angewendet werden“, so das RKI. Sei die Injektion eines Totimpfstoffs problematisch, zum Beispiel wenn das Kind Angst vor Spritzen hat oder Gerinnungsstörungen vorliegen, rät das RKI bevorzugt mit dem nasalen Grippeimpfstoff zu impfen.

Grippeimpfstoffe für Erwachsene

Erwachsene können  sich – Fluenz® Tetra ausgenommen – mit allen zugelassenen Grippeimpfstoffen impfen lassen: Afluria® Tetra, Flucelvax® Tetra, Influsplit Tetra, Influvac® Tetra und Vaxigrip Tetra®. Alle Vakzinen sind Totimpfstoffe, bis auf Flucelvax® Tetra werden alle in Hühnereiern hergestellt. Flucelvax®  Tetra hingegen ist bislang der einzige Grippeimpfstoff, der in Säugetierzellkulturen produziert wird.

Gut zu wissen:

Der Humanarzneimittelausschuss der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA empfahl am 17. September 2020 einen weiteren Vierfach-Grippeimpfstoff aus Zellkulturen: Supemtek von Sanofi Pasteur.  Allerdings wird Supemtek mithilfe von Insektenzelllinien produziert, es ist der erste Grippeimpfstoff mit rekombinantem Hämagglutinin.

Flucelvax® Tetra ist seit Dezember 2018 in der EU zugelassen, somit bestreitet Flucelvax® Tetra im kommenden Grippewinter erst seine zweite Influenzasaison. In den USA ist Flucelvax® Tetra bereits seit Mai 2016 auf dem Markt. Doch was ist der Vorteil von zellkulturbasierten Grippeimpfstoffen im Vergleich zu hühnereibasierten? Meist werden zwei Argumente genannt: schnellere Herstellung und besserer Schutz.

Hühnerei oder Zellkultur?

Werden Grippeimpfstoffe in Hühnereiern produziert, bedarf dies eines langen, mehrmonatigen Vorlaufs. Im Grippe-Pandemiefall ist eine rasche Produktion von wirksamen Impfstoffen folglich nicht möglich. Säugetierzellen hingegen, wie sie auch zur Herstellung von Flucelvax® Tetra verwendet werden, sind eingefroren gelagert. Dieses „Cell-Banking“ stellt sicher, dass zu jeder Zeit ausreichend Kulturen für die Grippeimpfstoffherstellung zur Verfügung stehen.

Zudem sollen zellbasierte Grippeimpfstoffe auch hinsichtlich der Wirksamkeit den hühnereibasierten überlegen sein. Hühnereier sind nicht der natürliche Wirt für menschliche Grippeviren. Damit sich ein menschliches Grippevirus dennoch in Hühnereiern vermehrt, muss sich das Virus diesem suboptimalen Wirt anpassen. Diese Eiadaption kann nun dazu führen, dass die auf die Impfung produzierten Antikörper nicht sehr gut auf die zirkulierenden Grippeviren passen und dadurch der Impfschutz sinkt.

Grippeimpfung für Schwangere

Das RKI rät Schwangeren, sich ab dem zweiten Trimenon gegen Grippe impfen zu lassen. Bei Schwangeren kann eine Influenzainfektion komplikationsträchtiger verlaufen als bei nichtschwangeren Frauen. Eine Impfung schützt jedoch nicht nur die werdende Mutter, sondern auch – durch die mütterlichen Antikörper – das Neugeborene in den ersten Lebensmonaten (passive Immunisierung). Eine aktive Impfung des Säuglings ist frühestens ab sechs Monaten zugelassen.

Der einzige Grippeimpfstoff, der eine explizite Zulassung zur Impfung von Schwangeren und dem passiven Schutz von Säuglingen in den ersten sechs Lebensmonaten hat, ist Vaxigrip Tetra®. Sanofi Pasteur legte der Europäischen Arzneimittel-Agentur entsprechende Daten vor und erhielt 2019 die Zulassungserweiterung für Vaxigrip Tetra® für diese Indikationen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Grippeimpfstoffe anderer Hersteller (Totimpfstoffe) in der Schwangerschaft nicht geimpft werden dürfen. So erklären auch die jeweiligen Fachinformationen zu den Influenzavakzinen Afluria® Tetra, Flucelvax® Tetra, Influsplit Tetra und Influvac® Tetra, dass inaktivierte Grippeimpfstoffe während der gesamten Schwangerschaft geimpft werden können – aber eine ausdrückliche Zulassung haben sie dafür nicht.

Grippeimpfstoffe für ältere Menschen

Auch ältere Menschen sind besonders anfällig für schwere Grippeverläufe, gerade bei Älteren wirkt die Influenzaimpfung jedoch meist schlechter als bei Jüngeren. Die Hersteller von Grippeimpfstoffen haben den besonderen Bedürfnissen von Senioren Rechnung getragen und spezielle Grippeimpfstoffe für diese Zielgruppe entwickelt, die Menschen ab 65 Jahren besonders effektiv vor Influenza schützen sollen: Efluelda® (Sanofi Pasteur) und Fluad Tetra® (Seqirus). Efluelda® ist ein Hochdosis-Grippeimpfstoff, der die vierfache Antigenmenge enthält, Fluad Tetra® hingegen enthält einen Wirkverstärker (Adjuvans) und ist somit ein adjuvantierter Influenzaimpfstoff. Die STIKO spricht sich derzeit nicht präferenziell für die Verwendung von Hochdosis- oder adjuvantierten Grippeimpfstoffen für ältere Menschen aus. Beide Impfstoffe sind in der bevorstehenden Grippesaison 2020/21 noch nicht verfügbar.

Wer sollte sich gegen Grippe impfen lassen?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt die Grippeimpfung für:

  • alle Personen ab 60 Jahre,
  • alle Schwangeren ab dem zweiten Trimenon, bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens ab dem ersten Trimenon,
  • Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens (wie chronische Erkrankungen der Atmungsorgane, Herz- oder Kreislaufkrankheiten, Leber- oder Nierenkrankheiten, Diabetes oder andere Stoffwechselkrankheiten, neurologische Grundkrankheiten wie Multiple Sklerose mit durch Infektionen getriggerten Schüben, angeborene oder erworbene Immundefizienz oder HIV),
  • Bewohner von Alten- oder Pflegeheimen
  • Personen, die als mögliche Infektionsquelle im selben Haushalt lebende oder von ihnen betreute Risikopersonen (siehe oben) gefährden können.

Geimpft werden sollten im Rahmen eines erhöhten beruflichen Risikos außerdem

  • Personen mit erhöhter Gefährdung (z. B. medizinisches Personal),
  • Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr,
  • Personen, die als mögliche Infektionsquelle für von ihnen betreute Risikopersonen fungieren können.

Ebenso geimpft werden sollten Personen mit direktem Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln. Die Impfung schützt zwar nicht vor der Vogelgrippe, aber es werden damit problematische Doppelinfektionen vermieden.