Wie bestimmt das RKI die Wirksamkeit von Grippeimpfstoffen?

Alljährlich bestimmt die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am Robert-Koch-Institut (RKI) die Wirksamkeit der Influenzaschutzes – nur, wie machen die das eigentlich? | Bild: lightpoet / AdobeStock

Die Impfeffektivität des Grippeimpfstoffes 2017/18 lag bei 15 Prozent. Alljährlich bestimmt die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am Robert-Koch-Institut (RKI) die Wirksamkeit der Influenzaschutzes – nur, wie machen die das eigentlich?

Wie gut wirkte die Grippeimpfung? Besonders nach der heftigen Grippewelle im Winter 2017/18 eine spannende Frage. Das Robert-Koch-Institut (RKI) nennt aktuell 334.750 labordiagnostisch bestätigte Influenzainfektionen, 1.727 Patienten mit Grippe sind in der Saison 2017/18 verstorben. Erst jüngst hat die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am RKI ihren jährlichen Saisonbericht veröffentlicht: Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2017/18. Ein Kapitel widmen die Grippe-Experten auch der Wirksamkeit des Impfstoffes. Die Impfeffektivität lag für die Influenzavakzine 2017/18 bei 15 Prozent. Isoliert betrachtet schützte die letztjährige Grippeimpfung zu 1 Prozent vor Influenza-B-Yamagata-Viren und zu 48 Prozent vor Influenza-A-Viren des Subtyps (H1/N1)pdm09. Doch wie bestimmt das RKI diese Wirksamkeit bei der Grippeimpfung eigentlich?

Arztpraxen übermitteln Daten ans RKI zu Atemwegserkrankungen

Die Daten, anhand derer das Robert-Koch-Institut die Impfeffektivität ermittelt, stammen aus ärztlichen Praxen, sogenannten Sentinelpraxen. Was ist nun eine Sentinelpraxis? Sentinelpraxen sind Arztpraxen im Bereich der Primärversorgung von Patienten. Sie sind ehrenamtlicher Bestandteil der Influenzaüberwachung in Deutschland und haben sich freiwillig dazu bereit erklärt, einmal wöchentlich bestimmte Daten an das RKI zu übermitteln, wie

  • die Anzahl ihrer Patienten pro Tag und Altersgruppe mit akuten respiratorischen Erkrankungen (ARE)
  • die Anzahl aller Patientenkontakte pro Tag als Bezugsgröße
  • die Anzahl der ARE-bedingten Krankschreibungen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle. 

In der Saison 2017/18 unterstützten insgesamt 771 Ärzte aus 558 Sentinelpraxen das RKI. Zu den Ärzten gehören vor allem solche der Fachrichtung Allgemeinmedizin, hausärztlich tätige Internisten und Kinderärzte. Im Zeitraum vom 30. September 2017 (40. Kalenderwoche) bis 18. Mai 2018 (20. Kalenderwoche) gab es 5,5 Millionen Patientenkontakte in den Sentinelpraxen und 464.000 Patienten mit akuten respiratorischen Erkrankungen, sprich akuten Erkrankungen der Atemwege. Nicht jede ARE ist jedoch vom Influenzavirus ausgelöst. Denn auch andere Viren, wie Rhinoviren, Adenoviren oder das Respiratory Syncytical Virus (RSV) können Atemwegsinfektionen auslösen.

Welche Daten nutzt nun das RKI beziehungsweise die AGI zur Bestimmung der Impfeffektivität? Zur Studienpopulation gehörten ambulant behandelte Patienten, die eine AGI-Sentinelpraxis aufsuchten und bei denen aufgrund grippeähnlicher Symptome innerhalb von acht Tagen ein Nasen- oder Rachenabstrich genommen wurde. Als positiver Fall galt der Patient, wenn bei ihm Influenzaviren nachgewiesen werden konnten. Die Kontrollgruppe bildeten die Patienten, die zwar grippeähnliche Symptome hatten, aber keinen positiven Influenzatest. Auch wurden Patienten ausgeschlossen, die innerhalb von 14 Tagen nachdem sie grippegeimpft wurden, erkrankten. Bis ein Impfschutz aufgebaut ist, dauert es 14 Tage, das heißt: Erkrankt der Patienten in diesem Zeitraum, hatte die Grippeimpfung noch keine Chance zu wirken. Es gibt vier Fälle:

  • gegen Grippe geimpft und Patient erkrankt an Influenza,
  • gegen Grippe geimpft und Patient erkrankt nicht an Influenza,
  • keine Grippeimpfung und an Influenza erkrankt und
  • keine Grippeimpfung und nicht an Influenza erkrankt. 

Da dem RKI auch Daten vorliegen, wer von den Influenza-Erkrankten eine Grippeimpfung erhalten hatte und wer nicht, lässt sich die Impfeffektivität gegen Influenza mit Hilfe statistischer Berechnungen ermitteln, wie viele Patienten mit Grippeimpfung vor Grippe geschützt sind im Vergleich zu den Patienten, die auf den Grippeschutz verzichteten.

Von den 3.477 Patienten mit grippeähnlichen Symptomen, hatten 1.093 Fälle eine Influenza-B-Virusinfektion, 487 Fälle hatten eine Influenza-A(H1N1)pdm09-Virusinfektion und 66 Fälle hatten eine Influenza A(H3N2)-Virusinfektion. Die restlichen 18 Fälle hatten unterschiedliche Doppel- beziehungsweise Dreifachinfektionen. Die Patienten, bei denen keine Influenzaviren nachgewiesen, bildeten die Kontrollgruppe. 7 Prozent der Grippepatienten waren geimpft, und 12 Prozent der Kontrollen (keine Influenza) waren geimpft. Anhand dieser Daten ermittelt das RKI die Wirksamkeit des Grippeimpfstoffes und adjustiert die Impfeffektivität jeweils an Geschlecht, Alter, Vorliegen einer Grunderkrankung und die Erkrankungswoche.

Impfeffektivität ändert sich während Saison

Die Erkrankungswoche ist insofern von Bedeutung, als dass das Virus auch während der Saison mutiert beziehungsweise die Impfeffektivität des Grippeschutzes auch abnehmen kann. So schätzte das RKI im Februar 2018 die Impfeffektivität gegen Influenza-B-Yamagata-Viren noch auf 39 Prozent. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Impfexperten noch von einem gewissen Kreuzschutz im Dreifachimpfstoff durch Influenza-B-Victoria aus. Doch diese Kreuzprotektion hielt der massiven Yamagata-Zirkulation nicht mehr Stand. Am Ende der Grippesaison 2017/18 war das RKI gezwungen, die Impfeffektivität für Influenza B drastisch zu korrigieren: Sie lag sodann bei 1 Prozent.